Weihnachtsmeditation von Landesbischof Friedrich Kramer
»Vorsicht! Nur anschauen!«

Ausschnitt aus der Predella des Altars in der Stadtkirche St. Peter und Paul in Delitzsch
  • Ausschnitt aus der Predella des Altars in der Stadtkirche St. Peter und Paul in Delitzsch
  • Foto: Anja Töpler
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Neben dem Kamel der drei Weisen aus dem Morgenland und neben den Schafen der Hirten sind sie die heimlichen Stars jeder Weihnachtskrippe: Ochs und Esel. Kinderhände greifen nur allzu gern nach ihnen. Dann fallen auch leicht einmal Maria und Josef um, oder einer der Hirten. Denn die beiden Tiere stehen meist im Hintergrund und lassen sich nicht so einfach aus dem Ensemble der Krippenfiguren lösen. Die Worte der Eltern folgen prompt: »Vorsicht! Nur anschauen!« Dabei wollte das Kind doch lediglich das Fell streicheln. Erschrecken und Ehrfurcht mischen sich: Wenn ich mit diesen Tieren nicht spielen darf, dann sind sie sicher etwas ganz Besonderes?!
In der Tat haben Ochs und Esel eine besondere Rolle. Wer meint, die beiden wären bloßes Beiwerk inmitten der ländlichen Idylle mit Stall und jungem Elternpaar, der irrt. In den ersten bildlichen Darstellungen der Christgeburt fehlen sogar Maria und Josef, aber Ochs und Esel haben bereits ihren festen Platz an der Krippe. Und das, obwohl in den Geburtsgeschichten der Evangelisten von diesen Tieren gar keine Rede ist. Sie erzählen uns von den Hirten und von Magiern, die zu Zeugen des Geschehens werden. Und sie wissen von den Heerscharen der Engel, die im Himmel zu Ehren Gottes singen. Über eventuell anwesende Tiere verlieren sie kein Wort.
Warum aber kennen all die Maler der Kunstgeschichte Ochs und Esel? Warum heißt es in Luthers Weihnachtslied Vom Himmel hoch, da komm ich her: »Ach Herr, du Schöpfer aller Ding / wie bist du worden so gering / dass du da liegst auf dürrem Gras / davon ein Rind und Esel aß!«? Warum stehen die beiden Tiere an unseren Krippen? Verantwortlich dafür ist der Zorn des Propheten Jesaja über die Gottvergessenheit seiner Zeit und seines Volkes: »Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn« (Jes 1,3a). Die Krippe verbindet das alte Prophetenwort und die Geburtsgeschichten. Da Jesaja als der Prophet gilt, der auf den Messias verweist, werden die von ihm genannten Tiere zum Sinnbild dafür, dass hier der Messias, der Christus Jesus in der Krippe liegt. Ochs und Esel sind die Geschöpfe, die den Messias erkennen. Ochs und Esel sind verlässliche und kluge Haustiere, die intuitiv wissen, wo ihr Herr ist.
Manchmal ist mir, als müssten Ochs und Esel uns heute wieder an die Seite gestellt werden. Denn es gilt, die richtigen Antworten im Jetzt zu finden: Wer ist Herr dieser Welt? Wem folgen wir? Handeln wir klug und richtig?
Vor wenigen Wochen war der schreckliche Anschlag in der Saalestadt Halle. Zwei Menschen wurden ermordet, es fehlte nicht viel, und es hätte mehr als fünfzig jüdische Geschwister getroffen. Erschrocken stellen wir fest: Das mörderische Denken und Handeln des rechtsextremistischen Attentäters ist eingebettet in eine Verrohung unseres Miteinanders. Für viele ist nicht die Nächstenliebe Maßstab, sondern es sind Eigeninteressen und nationalistische Ideen. Andersdenkende und Fremde werden pauschal verunglimpft. Die weltweite Herausforderung des Klimawandels und die Bedrohung der Schöpfung werden einfach ignoriert. Ochs und Esel wissen, was wichtig ist, aber der Mensch nicht?
Vom Schweizer Dichter und Pfarrer Kurt Marti stammt der Gedanke, mit der Geburt Jesu habe eine »Tätigkeit Gottes« begonnen, die auch heute noch nicht vollendet sei. Wieso wird Gott Mensch in Jesus von Nazareth? Kurt Marti findet eine ungewöhnliche Antwort. Er behauptet, das sei keine Auszeichnung des Menschen, im Gegenteil, das sei eine »Not-Aktion« Gottes. Denn der Mensch sei die Schwachstelle der Schöpfung und die Menschwerdung Gottes zu Weihnachten also eine Art Reparatur. Gott mischt sich in unser Leben ein, damit wir nicht so weitermachen wie bisher. Der Allmächtige wird zum »Gott Gerneklein«, um uns zu einer heilsamen Denk- und Lebensweise zu führen.
Mit Kurt Martis Blick auf Weihnachten haben Ochs und Esel eine besondere Bedeutung. Die Tiere stehen ruhig und gelassen an der Krippe, obwohl der Gottessohn unter armen und geringen Bedingungen geboren wurde. Sie schauen voller Hoffnung. Sie scheinen zu wissen, dass sich hier die Erlösung naht. Ochs und Esel sind Symbol für die Zuversicht Gottes, dass sich der Mensch inmitten aller Not auf einen guten Weg bringen lässt – zum Heil der gesamten Schöpfung.
Allerdings denkt Gott wohl in Jahrtausenden. Seine Menschwerdung war die Sache einer einzigen Heiligen Nacht. Die Heiligung des Menschen jedoch ist sein fortlaufendes Anliegen. Die Christgeburt öffnet uns dafür die Augen. Dass Gottes Schöpfung mit uns Menschen eine Schwachstelle besitzt, ist nicht maßgeblich. Wichtig ist allein, dass Gott unser Herr ist und wir zu ihm finden.
»Nur anschauen« reicht deshalb nicht. Das Geschehen der Heiligen Nacht will im Herzen bewegt sein. Stellen wir uns also auch in diesem Jahr wieder zu Maria und Josef, den Hirten und den drei Weisen aus dem Osten. Und nehmen uns an Ochs und Esel ein Beispiel. Sie kennen den Herrn der Welt!
Friedrich Kramer,  Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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