Freitag, vor eins ...
Unsere Seite 1 - Herr Levermann hat's auch nicht leicht

G+H Nr. 17 vom 28. April 2019 (Quasimodogeniti)
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Kennen Sie Anders Levermann? Nein? Sollten Sie aber! Anders Levermann, Jahrgang 1973, ist Physikprofessor an der Universität Potsdam. Sein Forschungsschwerpunkt: Die Dynamik des Klimasystems. Seine Botschaft: Wir müssen die Welt retten - jetzt!  Sagen viele, werden Sie jetzt denken. Aber Levermann spielt in einer anderen Liga als wir, die wir Müll sortieren, aufs Steak und unsere Unabhängigkeit mit vier Rädern verzichten - zugunsten des Klimas. "Alles sinnlos", sagt der Mann, der am UN-Klimabericht mitgeschrieben hat, für den der Weltklimarat 2007 den Friedensnobelpreis erhielt. Er ist nämlich der mit der schlechten Nachricht.

Im März war Anders Leverman Hauptreferent der Klimakonferenz des Thüringer Umweltministeriums in Weimar. Auf der großen Bühne der Weimarhalle spricht er von der globalen Erderwärmung, vom Abschmelzen der Pole und dem Anstieg des Meeresspiegels, der kommen werde, so oder so, Steak hin oder her - alles Grundlagenphysik, versteht jeder Siebtklässler. Kritiker werfen ihm Panikmache vor, wenn er sagt, dass Hamburg in absehbarer Zeit wie Atlantis im Meer versinken werde, von Holland ganz zu schweigen. Er bleibt dabei: Die Entwicklung sei in vollem Gange und nicht gänzlich zu verhindern - siehe Grundlagenphysik.

Selbst der Kongresskaffee war weniger bitter als diese Aussicht. Gibt es denn nichts, was man tun kann? Das will ich ihn fragen, schiebe mich vorbei an den Ausstellern und der langen Schlange vor der Theke mit den Pausenbrezeln. Ich finde Levermann am Ende des Gangs, hinter einem Aufsteller an einen Stehtisch gelehnt. Er stützt den Kopf mit den Händen, reibt sich die Augen. Es muss anstrengend sein, über den Klimawandel zu reden, ein echter Knochenjob. Die Antwort auf meine Frage formuliert er so folgerichtig, wie er zuvor die physikalischen Zusammenhänge erklärt hat, die den Klimawandel bedingen. "Jede Maßnahme, die jetzt ergriffen wird, muss danach beurteilt werden, ob sie uns in 30 Jahren null Prozent CO2-Emission bringt." Alles andere sei nur ein Tropfen auf einen bereits sehr heißen Stein.

Zwei Größen also, die verhindern, dass die Klimaprozesse endgültig kippen: 30 Jahre, null Prozent. Klingt einfach. Ist es aber sicher nicht. "Trotz der extremen Wetterphänomene, der zunehmenden Dürren und Überschwemmungen: Unser Planet ist noch nicht verloren", sagt Levermann und für einen Moment klingt es, als käme auch der härteste Wissenschaftskrimi nicht ohne Happy End aus. Aber Levermann ist Klimaforscher, ein Berufsstand, dem man nicht gerade eine "wird-schon"-Mentalität nachsagen kann. "Die Zeit rennt uns davon." Levermann hat sich vom Stehtisch gelöst, schaut zur Brezelschlange, dann in den Gang mit den Ausstellern. "Jetzt ist die 'Stunde Null', um etwas zu tun. Und das kann nur noch die Politik. Sie ist am Zug!" 

Spannende Geschichten über das Klima, den Wandel, kleine Insekten und nachhaltiges Leben lesen Sie in dieser Woche in der Kirchenzeitung. 

Unsere Themen:

  • Weitergedacht: Das Netzwerk "Fuer-unsere-Enkel.org" will Erfahrung und Wissen in Sachen Klimaschutz weitergeben
  • Nachgerechnet: Unser ökologischer Rucksack wiegt schwer
  • Vorgestellt: Die Bienen-Garten-Kirche in Roldisleben ist Kunstort, Dorftreffpunkt und ein Lehrstück in Sachen Nachhaltigkeit

Außerdem:

  • Ausgewählt: Die Bewerber für das Amt des Landesbischofs im Kurzporträt
  • Nachgefragt: Reinhard Hempelmann, ehemaliger Direktor der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), über den Bedarf an Orientierung in der digitalen Welt
  • Blickwechsel: Sri Lanka und die Chronologie des Terrors in Süd- und Südostasien

Neugierig geworden?
Lesen Sie wöchentlich Reportagen und Berichte aus den Kirchenkreisen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und der Evangelischen Landeskirche Anhalts, aus Deutschland und der Welt und erfahren Sie mehr über Hintergründe zu gesellschaftlichen Debatten und zu Glauben im Alltag. Die Mitteldeutsche Kirchenzeitung „Glaube + Heimat“ erhalten Sie als E-Paper und als gedruckte Ausgabe im  Abonnement, in ausgewählten Buchhandlungen und Kirchen.

Autor:

Beatrix Heinrichs aus Jena

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