1976: Oskar Brüsewitz
Eine Lebensmarke
- Die Michaeliskirche in Zeitz mit der Gedenkstele für Oskar Brüsewitz
- Foto: Thomas Nawrath
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Vor 50 Jahren: Die Monate zwischen Theologie-Examen und Eintritt ins Vikariat hat der Autor dieses Textes nie vergessen. Wie er die Zeit um die Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz erlebte.
Von Aribert Rothe
In meiner Erinnerung ist die Jahreszahl 1976 mit vier Stichworten verbunden: Anspannung, Aufregung, Wut, Mut. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre war in der DDR frischer Gegenwind aufgekommen. Zwei Namen stehen als Auslöser dafür und wurden zu geliebten oder gehassten Symbolen: Biermann und Brüsewitz. Ausweisung und Selbstverbrennung waren zwei extreme Kennzeichen der schwül lastenden Atmosphäre im Lande. Ein Vergleich beider Männer und ihrer Haltungen ist nicht einfach. Kritische Leute unterschieden damals zwischen Reaktionären und Oppositionellen. In beiden Richtungen konnte man aufrechte Menschen treffen. Aber für mich trafen nur Biermanns Lieder den subversiven Nerv der Zeit, und Brüsewitz selbstmörderische Courage kam mir zunächst ziemlich weltfremd vor.
Für mich ist 1976 eine Lebensmarke - die eigene Schnittstelle zwischen Staat und Kirche. Erstes Examen bedeutete nicht nur Ende des Studentenlebens, sondern auch beruflicher Eintritt in die Sonderwelt der Kirche mit Chancen der Freiheit, faszinierender Botschaft und seltsamen Eigenregeln. Wenn ich da professionell mitmachen wollte, musste ich den klassischen Amtstalar anziehen. Und darauf hatte ich mich vorsichtig eingestellt.
Die Tat durchschlug alle Regeln
Aber nun hatte ein Kollege seinen Talar öffentlich auf dem Zeitzer Markt angezogen und sich darin angezündet. Das durchschlug alle Regeln von Drinnen und Draußen, Ruhe und Ordnung, Kritischsein und Stillehalten. Was als Motto auf dem Plakat stand, das er entrollte, bevor er in Flammen stand, hielten Staat und Kirche perfekt unter der Glocke. Ich habe es wohl erst nach der Wende erfahren: „Funkspruch an alle. Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.“
Es war klar: Dieser unbekannte Dorfpastor klagte auch die Kirche an mit seiner provokativen Verzweiflungstat. Wie einsam und allein gelassen muss er sich gefühlt haben! Ein Kesseltreiben lief gegen ihn und gegen seinen schönen großen Spielplatz, den schönsten Spielplatz in der ganzen DDR, den von Staats wegen kein Kind im Dorf betreten sollte. Auch seine Tochter Esther traf es, die beste Schülerin im Kreis, die wegen ihres offen bezeugten Glaubens nicht zur Gymnasialstufe der Erweiterten Oberschule zugelassen wurde. Ich kannte diese Einzelheiten im August 1976 noch nicht, aber jeder kannte diese Konfliktfelder und Tabus, die hier offenbar einer nicht mehr geschickt umgehen wollte, sondern direkt angriff, ohne geduldig die Gesprächsbereitschaft der staatlichen Herren für Kirchenfragen oder der kirchlichen Herren Stolpe und Co. abzuwarten.
Wir wollten unbedingt zur Beerdigung fahren
Ich arbeitete damals als Grafiker beim Leipziger Messeaufbau, als ich davon hörte, und es gab genug Stoff zu reden unter den Bauleuten. Die meisten waren sich einig: Dieser brennende Pastor war völlig übergeschnappt. Als Christen wollten mein Freund und ich ihn verteidigen. Und deshalb beschlossen wir, unbedingt zur Beerdigung zu fahren. Uns bewegten drei Fragen: Würden wir überhaupt den Friedhof erreichen, um unsere Solidarität zum Ausdruck zu bringen? Ist Brüsewitz vielleicht doch Psychopath oder Sektierer? Würden die Kirchenoberen sich hinter ihn oder gegen ihn stellen oder nur taktisch „herumeiern“?
Der traurige Tag brachte einige positive Überraschungen. Vor allem hatten wir es tatsächlich geschafft, nach Rippicha durchzukommen. Wir fuhren in beklecksten Malerklamotten auf dem Motorroller, in der Tasche schwarze Trauerkleidung, wurden viermal angehalten, kontrolliert und streng befragt. Mit märchenhaften Lügen kamen wir durch. Später hörten wir von vielen, die aufgehalten worden waren oder sogar umkehren mussten. Übrigens trafen wir auch das ARD-Team und erklärten ihnen den Weg - zwei Minuten später wurden wir darüber harsch verhört von der Volkspolizei.
In Rippicha war der Friedhof buchstäblich schwarz voller Menschen. Es herrschte eine gespenstische Stille, und ich glaube, auch die Vögel schwiegen. Reihenweise standen die Autos im Dorf. Hinter den geschlossenen Fenstern der Schule standen Kopf an Kopf dunkle Gestalten - eine Hundertschaft, um das Volk zu bewachen. Wir zogen uns hinter einem Busch um und kamen gerade zurecht, um den langen Zug der Pfarrer und Pastorinnen in ihren schwarzen Talaren zu sehen. Auf einmal begriff ich etwas davon, welchen solidarischen Sinn diese Tracht machen konnte. Die Ansprache von Propst Friedrich Wilhelm Bäumer war die zweite Überraschung. Eine solche warme und kluge Anteilnahme hatte ich nicht erwartet. Immerhin war es noch nicht allzu lange her, dass Selbstmörder nur außerhalb des Gottesackers bestattet werden durften. Jetzt hatte ihr Pastor eigenhändig drei Tage vorher sein Grab an der Mauer ausgehoben.
Im Anschluss an die Trauerfeier beobachteten wir, dass Kirchenleute Interviews gegenüber Westmedien strikt ablehnten. Auch ich zog mich diskret zurück, während mein Freund sehr deutliche Worte ins Mikrofon sprach. Die Atmosphäre war sehr bewegend. Viele weinten. Und doch machte mir dieser Tag Mut auf die Arbeit in dieser widersprüchlichen und lebendigen Kirche.
Verleumdungskampagne in den Zeitungen
Dann begann die Verleumdungskampagne in den gleichgeschalteten Zeitungen. Das SED-Zentralorgan Neues Deutschland eröffnete die Hatz am 31. August, das CDU-Zentralorgan Neue Zeit setzte es tags darauf noch widerlicher fort. Diese Artikel wurden dann überall in den Bezirken nachgedruckt. Wenn auch die wenigsten alles glaubten, was da geschrieben stand, so blieb doch einiger Schmutz hängen.
Natürlich erzählten wir möglichst vielen Leuten von unseren Eindrücken. Die meisten Gesprächspartner hatten Vorurteile gegen Brüsewitz oder die Kirche, ohne freilich deshalb den Staat zu lieben. Das Westfernsehen konnte zwar die fehlende Öffentlichkeit nicht ersetzen aber doch die gröbsten Phantasien korrigieren.
Ab September arbeitete ich dann als Vikar in einer Kirchengemeinde. Jetzt bekam ich Einblick in eine erstaunlich differenzierte Gegenöffentlichkeit mit hektographierten Zetteln. Mittels Schnellinformationen aus verschiedenen kirchlichen Ebenen und Arbeitszweige lief die von Brüsewitz angestoßene Debatte intern weiter. Wer nicht stärker in einer Gemeinde verankert war und nicht wenigstens die Kanzelabkündigung gehört hatte, war freilich auf Legenden angewiesen.
Mischung aus Pietät und Protest
In den nächsten Jahren war ich mehrmals in Brüsewitz’ Dorf und besuchte auch seine Familie. Besonders dankbar bin ich für die Gespräche mit Frau Brüsewitz und ihre Art, von ihrem Mann und seiner Entscheidung zu reden. Wir machten mit Konfirmanden Radtouren zum Grab und bewunderten die selbstgeschriebenen Kranzschleifen mit Unterschriften aus allen Teilen der DDR - eine ganz eigene Mischung aus Pietät und Protest. Wenn wir auf den unkonventionellen Spielplatz gingen, den Brüsewitz gebaut hatte, beschlich uns immer das mulmige Gefühl, gefilmt zu werden. Nie trafen wir einen Menschen auf der Rippichaer Straße.
Brüsewitz hat das Seine dazu getan, dass Teile des ostdeutschen Protestantismus es wieder ernster nahmen, Bekenntnis auch als Protest zu leben. Leninisten und Parteibürokraten, Christen und Kirchenfunktionäre schreckten auf und konnten nicht mehr einfach so weiter machen. Wenn einst die evangelische Kirchengeschichte in der DDR eine Seite im Lexikon erhält, kriegt Oskar Brüsewitz bestimmt einen Satz.
Autor:Online-Redaktion |
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