Sommerinterview
Heimat als offene Frage

Beate Hofmann ist seit 2019 Bischöfin der EKKW. | Foto: medio.tv/Christian Schauderna
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Ein bisschen ist Beate Hofmann auch Thüringer Bischöfin. Der Kirchenkreis Schmalkalden gehört zur Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW). Willi Wild sprach mit ihr über Exklaven, Diaspora-Erfahrung und Sehnsuchtsorte.

Mindestens 13 Orte und Lebensstationen konnte ich in Ihrer Vita finden. Wo sind Sie zu Hause, und was ist Heimat für Sie?
Beate Hofmann: Zu Hause ist dort, wo ich mich geborgen fühle. Ich entwickle heimatliche Gefühle, wenn ich jemand bayerisch reden höre oder wenn ich im Voralpenland bin. Dort bin ich in besonderer Weise zu Hause. Heimat ist für mich eine offene Frage. Ich habe zwar eine Heimat, aus der ich komme, aber da bin ich nicht mehr beheimatet.

Wie sind Sie aufgewachsen?
Ich bin Lehrerskind, meine Eltern waren beide Lehrer für Deutsch und evangelische Religion. Aufgewachsen bin ich sehr behütet, zunächst in der oberbayerischen Kleinstadt Miesbach. Als ich zehn Jahre alt war, sind wir nach Regensburg umgezogen. Dort habe ich mich dann stark in der evangelischen Jugend engagiert. Und Musik spielte für mich eine große Rolle.

Welches Instrument spielen Sie?
Zunächst habe ich Klavier gelernt, ein bisschen Orgel gespielt, und ich habe in der Regensburger Kantorei gesungen. Das war für mich eine schöne Gelegenheit, mich einmal durch die geistliche Weltliteratur zu singen. Mit 50 habe ich noch Harfe gelernt.

In welcher Weise hat Sie das katholische Regensburg geprägt?
Ich besuchte eine katholische Klosterschule, wo ich eine der wenigen Evangelischen war. Das trug dazu bei, bewusster evangelisch zu sein. Gleichzeitig lernte ich einen völlig selbstverständlichen Umgang mit der katholischen Kirche. Regensburg war kein Ort der blühenden Ökumene. Entsprechende Initiativen wurden eher unterbunden – eine Erfahrung, die für mich tatsächlich schmerzlich war: Als wir von der Klosterschule aus zu Exerzitien gefahren sind, wurde eine Messe gefeiert, und wir vier Evangelischen waren außen vor. Das Abendmahl war für uns eine Exklusionserfahrung. Zum 30-jährigen Abiturjubiläum habe ich mit einem katholischen Priester einen ökumenischen Gottesdienst gefeiert. Anschließend kam eine Mitschülerin auf mich zu und sagte: „Das hat jetzt viel geheilt.“
Für mich ist es heute eine besondere Erfahrung, dass ich mit dem katholischen Bischof Michael Gerber gemeinsam Schritte in der Ökumene gehen kann. Außerdem war mein Mann bis vor kurzem katholisch und ist konvertiert. Bis dahin lebten wir in einer konfessionsverbindenden Ehe.

Wie ist für Sie der Heimatbegriff besetzt?
Ambivalent. Ich nehme Heimat wahr als etwas, was jeder Mensch braucht, um beheimatet oder zugehörig zu sein. Und gleichzeitig erlebe ich, dass Heimat auch einen Beigeschmack des Rückwärtsgewandten und Exklusiven bekommt. In Bayern gehören die „Zuagroastn“ (Zugezogenen) oft nicht dazu.

Kirche ist für viele Heimat, die manchen fremd geworden ist. Die Gründe sind vielfältig. Wie sollte darauf reagiert werden?
Zunächst interessiert mich: Was ist es, das mir Beheimatung in der Kirche gibt? Sind es die Menschen, die Rituale oder ist es der Raum? Heimatgefühl, auch in der Kirche, kann sich verändern. Wenn sich die Strukturen verändern, lösen sich damit nicht zwangsläufig die lokalen Zugehörigkeiten auf, und das ist gut so.
Ein anderer Punkt ist: Wo es Zugehörigkeit gibt, gibt es auch Exklusion. An vielen Orten gibt es Menschen, die sich zugehörig fühlen und andere, die da nicht reinkommen. Ich finde es eine Grundanforderung an Kirche, dass sie keine geschlossene Gesellschaft wird. Kirche muss sich öffnen und dort hingehen, wo Menschen sind, die noch nicht dazugehören. Die Seite der sich abschließenden Gesellschaft, die finde ich an vielen Kirchengemeinden problematisch. Der Auftrag heißt: Gehet hin in alle Welt!

Es gibt ja in Thüringen ein gallisches Dorf, das zur EKKW gehört …
… von wegen Dorf, das ist ein ganzer Kirchenkreis.

Ich versuche es nochmal: Also, es gibt mit dem Kirchenkreis Schmalkalden eine Exklave der EKKW in der EKM in Thüringen. Wie beheimatet sind die Thüringer Gemeindeglieder in der Kirche von Kurhessen-Waldeck?
Schon in der DDR war klar, so wurde mir erzählt, dass man eines Tages wieder zu Kurhessen-Waldeck gehen wird, wenn der Eiserne Vorhang gefallen ist. Ich höre auch heute keine Stimmen, die einen Anschluss an die EKM fordern. Trotzdem ist es sinnvoll, einen guten Kontakt zu den Nachbarn zu haben und sich abzustimmen. Wir haben dadurch eine Brücke in eine andere Landeskirche. Und Schmalkalden trägt in die EKKW die Perspektive aus dem Osten Deutschlands ein.

In einem Interview haben Sie den Fortbestand der 20 EKD-Gliedkirchen in Frage gestellt. Was schwebt Ihnen vor?
Landeskirche ist für mich eine Hintergrund-Struktur und keine Heimat-Struktur. Die Beheimatung passiert vor Ort. Ob da nun EKKW oder EKD draufsteht, das ist den Menschen herzlich egal. Das hat die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) bestätigt. Landeskirche spielt für Pfarrerinnen und Pfarrer eine Rolle, aber nicht für die Gemeindeglieder. Die Kernfrage ist doch, wie wir unsere Aufgaben unter den gegebenen Bedingungen sinnvoll organisieren. Und da gibt es Aufgaben, die regional und welche, die über-regional erledigt werden können. Die Struktur mit 20 landeskirchlichen Behörden ist nicht ressourcenschonend und nicht mehr zeitgemäß.

Die Verbeamtung von Pfarrerinnen und Pfarrern finden Sie auch nicht mehr zeitgemäß. Wie weit gehen die Überlegungen in der EKKW bei alternativen Zugängen zum Pfarramt?
Wir haben mit dem Theologie-Masterstudiengang in Marburg einen Meilenstein gesetzt und bislang gute Erfahrungen damit gemacht.
Erstmals ist bei uns jetzt eine Prädikantin, die kein Studium hat, als Gemeindereferentin angestellt worden. Sie hat zwei Jahre eine erkrankte Pfarrerin vertreten, und die Gemeinde wollte sie unbedingt behalten. Daraufhin hat sie ihren Beruf als Frisörmeisterin an den Nagel gehängt. Das ist die Ausnahme. Aber ich nehme wahr, dass es bei Prädikanten und Diakoninnen Interesse gibt, ins Pfarramt zu gehen. Natürlich stellen wir die Qualität des Theologiestudiums nicht in Frage. Wir befinden uns gerade in einer Phase der Klärung der Profile von Ämtern und Berufen in unserer Kirche.

Wie stehen Sie zu neuen Formen der Kirchenmitgliedschaft?
Es hat schon immer zur Pluralität der evangelischen Kirche gehört, dass sie unterschiedliche Intensitäten der Teilnahme am Gemeindeleben und der Bindung an Kirche hat. Ich bin etwas zurückhaltender, was Modelle anbelangt, die nicht mit Kirchensteuer verbunden sind. Im Blick auf Segenshandlungen gilt aus meiner Sicht: Sie sind für den Menschen da und keine Dienstleistung, für die ich einen Mitgliedsbeitrag bezahle. Allerdings ist bei Trauungen oder Beerdigungen vorstellbar, dass Nichtmitglieder eine Gebühr bezahlen, um sich an den Kosten für die Infrastruktur (Kirchenraum, Musik, Blumenschmuck, Heizung etc.) zu beteiligen. Die formale Mitgliedschaft hat an vielen Stellen ihre Bedeutung verloren. Trotzdem werben wir weiter für die Mitgliedschaft in der Kirche als einer Solidargemeinschaft.

Wie gehen Sie in der EKKW mit dem „steinreichen Erbe“, den vielen Kirchen um?
Wir sind in einem Prozess mit den Kirchenkreisen, die bis zum Jahresende entscheiden müssen, welche 30 Prozent ihrer Gebäude (Kirchen, Gemeinde- und Pfarrhäuser) weiterhin Mittel zur Erhaltung bekommen sollen. Die Idee ist, dass von den anderen 70 Prozent eine Hälfte umgenutzt und die andere Hälfte tatsächlich aufgegeben wird. Das ist zum Teil ein sehr schmerzhafter Prozess, weil mit den Gebäuden biographische Erinnerungen verbunden sind.

Ich kann mir vorstellen, dass diese Diskussionen für alle Beteiligten nicht leicht sind. Für Sie steht jetzt erst mal der Jahresurlaub an. Wie und wo können Sie abschalten und entspannen?
Ich brauche den Ortswechsel, Landschaftswechsel, Bewegung, Musik, und ich lese viel – kaum Fachliteratur, sondern viel Belletristik. Das ist für mich die Möglichkeit abzutauchen.

Haben Sie einen Sehnsuchtsort?
Ja, das ist das Tessin. Ich muss einfach nur am Lago Maggiore sein, und ich bin weg. Das ist für mich eine andere Welt und da entspanne ich mich sehr gut.

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