Leipzig nach der Amokfahrt
«Die Stille in der Stadt ist kaum auszuhalten»
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Leipzig, einen Tag nach der Amokfahrt: Die Stadt hält den Atem an, wird still und sucht nach Halt. Offene Kirchen, Gedenkandachten und Gesprächsangebote versuchen der Fassungslosigkeit Raum und Worte zu geben.
Von Linn Manegold
Leipzig (epd). Das Absperrband flattert im leichten Luftzug, der durch die Grimmaische Straße zieht. Vor der benachbarten Universitätskirche liegen Blumen und Kerzen. Die Fassungslosigkeit ist mit Händen zu greifen. Leipzig sucht Halt, einen Tag nach der Amokfahrt mit zwei Todesopfern und etlichen Verletzten. Stille prägt die sonst so quirlige Fußgängerzone. Menschen suchen Umwege durch Passagen und kleine Gassen, um den an diesem Tag gesperrten Bereich umgehen zu können. Polizeiautos und Einsatzkräfte säumen die Absperrung.
Vom Augustusplatz aus war der Amokfahrer am Montagnachmittag mit einem Auto durch die belebte Fußgängerzone der Grimmaischen Straße gerast. Erst nach etwa 500 Metern kam er auf dem Marktplatz zum Stehen. Eine 63-jährige Frau und ein 77-jähriger Mann wurden getötet. Im Bereich des Thomaskirchhofs konnte der Fahrer festgenommen werden. Nach ersten Erkenntnissen gehen die Sicherheitsbehörden nicht von einem politischen oder religiösen Motiv aus.
Platz für das Unaussprechbare in der Nikolaikirche
In der Nikolaikirche am Marktplatz ist es am Dienstagvormittag still. Ein paar Kerzen brennen, Besucherinnen und Besucher gehen vorsichtig ein und aus. Eine Frau in den leeren Reihen wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln. «Die Stille in der Stadt ist kaum auszuhalten», schreibt jemand ins Kondolenzbuch, das in der Kirche ausliegt. Trauer, Betroffenheit und Dankbarkeit für eine offene Kirche und einen Platz für das Unaussprechbare mischen sich in den Zeilen.
Die Stadt draußen ist still. Menschen laufen vorsichtig durch die Straßen, keiner hetzt, niemand unterhält sich lautstark. Als könnte ein falscher Ton die Fassungslosigkeit noch schlimmer machen.
Blumen vor der Universitätskirche
Eine Frau steht mit ihrem Stand auf dem Leipziger Marktplatz und verkauft Brot. Wie sonst auch. Der Markt hat schon wieder geöffnet, während die Grimmaische Straße noch gesperrt ist. Die Brotverkäuferin blickt sich um: Es sei nicht weniger los als sonst. Das Brot verkaufe sich auch an diesem Dienstag. «Die Leute kommen, aber », die Frau bricht ab. «Es ist traurig», beendet sie den Satz. Es sei ungewohnt, nicht so vertraut wie sonst, berichtet sie.
Die Blumenansammlung vor der Universitätskirche, direkt am Augustusplatz, wächst minütlich. «Das ist noch im Kommen», sagt eine Frau der Krisenintervention, sowohl die Trauer als auch die Anteilnahme. Das Team sei da, um mit denen zu reden, die reden wollen, und mit denen zu schweigen, die lieber still sind. So wie die Stadt. Schon am Montag habe es eine Krisenbetreuung im Gewandhaus gegeben. «Aber manche sind vielleicht auch direkt nach Hause danach», sagt die Frau. Deshalb sei es wichtig, auch am Dienstag vor Ort zu sein.
«Jetzt ist es hier geschehen»
Der Campus der Leipziger Universität liegt direkt an der Grimmaischen Straße, «Bislang waren es nur Bilder anderer Orte», sagt Universitätsprediger Andreas Schüle am Dienstagmittag bei einer spontanen Andacht. Und weiter: «Jetzt ist es hier geschehen.»
Uni-Rektorin Eva Ines Obergfell spricht von «tiefer Bestürzung und Trauer». Die Erschütterung sitze tief, es sei ein «Moment, der uns innehalten lässt, der uns sprachlos macht». Gleichzeitig sei sie von tiefem Respekt und Dankbarkeit geprägt. Viele Angehörige der Universität hätten sofort Erste Hilfe geleistet, getröstet und beigestanden.
Nicht alle, die die Andacht hören wollen, passen in die bis auf den letzten Platz gefüllte Universitätskirche. Viele Menschen stehen nach dem Ende noch draußen. Die Hoffnung auf Worte in der Fassungslosigkeit scheint groß zu sein.
Autor:Online-Redaktion |
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