SCHICKSAL
Leberecht Gottlieb (Teil 149)

Dr. Lennart Bruckner kauft das WELTMEISTER-Akkordeon

„Er war einer jener Deutschen gewesen, die, kaum dass sie einen halbwegs tragfähigen Gedanken gefasst haben, schon damit begannen, ihn moralisch auszuschlachten.” Genau so erzählte es Wibald Ruthaus, als wir uns an jene unglückliche Expedition nach Ägypten erinnerten, von welcher die Zeitungen damals wochenlang voll gewesen waren. Überall diese Photographien: Menschen mit Leinenjacken und Gesichtsausdrücken voll angestrengter Menschlichkeit, vor ihnen die rückzugebende antike Totenmaske, hinter ihnen Banner mit den Worten RESTITUTION und GLOBALE GERECHTIGKEIT, KULTURELLE HEILUNG und NO NEOKOLONIALISMUS. Es waren - wie so oft - diese Leute, die immer heilen wollen, weil sie selbst unheilbar beschädigt sind.

Der Unglücklichste unter ihnen war Dr. Lennart Bruckner, Kulturwissenschaftler aus Berlin-Prenzlauer Berg, Spezialgebiet „Rückführungspraxis im spätkapitalistischen Erinnerungsraum“, wie es in einer jener Formulierungen hieß, die nur entstehen können, wenn der Geist vor der Sprache ausdrücklich kapitulieren will. Ein dünner und kautziger Mann mit jenem lächerlichen, unter Kulturwissenschaftlern epidemisch gewordenen Männerdutt und dem Husten eines Menschen, der entweder zu viel raucht oder zu viel denkt, wahrscheinlich beides.

Sie flogen also in das am Nilstrom gelegene Land des Horusknaben - und dort übergaben sie unter Blitzlichtgewitter diese angeblich geraubte Maske einer sehr umfangreichen Dame von irgendeinem Ministerium, welche Frau in einem violetten Kostüm dastand wie eine überfütterte Tempelkatze und mit jener gelangweilten Würde lächelte, mit welcher Beamte autoritärer Staaten auf westliche Gutwilligkeit reagieren. Hinter ihr standen Männer mit Sonnenbrillen, die aussahen, als verwalteten sie weniger die Kultur als vielmehr deren diskrete Verflüssigung in ausländische Währungen. Alle diese Leute wussten selbstverständlich, dass die Maske nie ein Museum sehen würde. Sie würde verschwinden wie so manches verschwindet, sobald Moral und Verwaltung copuliert werden. Aber niemand sprach davon. Die Deutschen wollten gut sein. Das genügte vollkommen.

Als Gegengabe erhielt die Delegation eine Sonderführung durch die Pyramiden. Man fuhr die Gäste aus Hyperborea in klimatisierten Bussen durch eine Landschaft, die aussah wie ein verbranntes Geschichtsbuch. Dr. Lennart Bruckner, der schon am Flughafen mit einem feuchten Tuch vor dem Mund herumgelaufen war, weil er überall „mikrobielle Belastungen“ witterte, stieg dennoch voller Ergriffenheit in jene Gänge zu den pharaonischen Königskammern hinab, in welche seit Jahrtausenden Schimmel, Staub, Fledermauskot und der Atem ehrgeiziger Archäologen eingedrungen waren.

Später sagte einer der Wärter, dort unten habe man jahrzehntelang allerlei Zeug zwischengelagert, bevor es weiterverkauft worden sei. Kisten, Teppiche, Ikonen, Schmuck, sogar Musikinstrumente. Dort unten sah Bruckner das Akkordeon … Ein Knopfakkordeon aus Klingenthal, Marke Weltmeister. Grünlichschwarzer Balg. Einige Perlmuttimitatknöpfe schon vergilbt. Offenbar in den siebziger Jahren über Jugoslawien und Alexandria nach Ägypten gelangt, wo es von einer Gauklertruppe gespielt worden war, bis irgendein Kunstverwalter es zusammen mit Kanopentöpfen und Holzfiguren in einen Nebenraum der Pyramide geschafft hatte. Dort hatte es gelegen. Jahrzehntelang. In jener pyramidalen Feuchtigkeit, die weniger aus Wasser besteht als vielmehr aus einer ganz besonderen Form philosophischen Modertums.

„Denn der Nil”, erzählte Wibald Ruthaus, „steigt nie bis zu den Grabkammern der Könige, aber die Feuchtigkeit des Todes ist überallhin unterwegs”.

Das Weltmeister-Instrument roch entsprechend. Nicht einfach muffig. Es roch nach geöffneter Geschichte. Nach Leder, das Pilze angesetzt hatte. Nach Wachs, in welchem Mikroorganismen ihre Kolonien gegründet hatten. Nach dem Atem jenes ausgeraubten Priesters der Isis, der hier einmal gelegen hatte, wenn man so will. Aber gerade deshalb verliebte sich Bruckner in das alte Instrument. Der moderne Mensch liebt ja nichts mehr als seine eigene Gefährdung, sofern sie exotisch genug erscheint. Er zahlte einige Dollars und- nahm es mit in den Flieger.

Ja, - er kaufte das Akkordeon draußen auf einem kleinen Basar zwischen Plastikpyramiden, verdächtigen Papyrusrollen und Coca-Cola-Kühlschränken. Der Händler sagte nur: „Very old. German. Good sound.“ Und das genügte Bruckner vollkommen. Er sah bereits das interkulturelle Konzert vor sich, den „Abend der transmediterranen Klangversöhnung“, wie er es nannte.

Zurück in Berlin begann er zu üben.

In seiner Wohnung herrschte jener feuchte Intellektuellenzustand, der entsteht, wenn Menschen mehr über Weltrettung lesen als über Lüftungsverhalten. Bücherstapel bis zur Decke. Halb vertrocknete Zimmerpflanzen. Fenster, die nie geöffnet wurden, weil draußen „Feinstaub“ sei. Im Bad schwarze Fugen. In der Küche ein Geruch nach Kaffee, Wollschal und langsam verrottender Gesinnung.

Mitten darin nun auch noch das Weltmeister-Akkordeon aus dem Nebenraum der pharaonischen Grabkammer.

Lennart Bruckner übte stundenlang. Slawische Volkslieder, Brecht-Vertonungen, später sogar ägyptische Melodien aus YouTube-Tutorials. Dabei zog er mit jedem Atemzug jene unsichtbaren Wolken aus dem Balg des Instruments in den Balg seiner eigenen Lunge. Jahrzehnte von Pyramidenstaub. Pilzsporen. Lederzersetzung. Mikroorganismen aus Grabräumen. Das biologische Konzil des Todes übersiedelte aus dem Klingenthaler Gerät in den Brustraum des Todgeweihten Gutmenschen.

Nachbarn berichteten später, man habe Dr. Bruckner nachts husten hören. Nicht gewöhnlich husten. Sondern in langen, hohlen Anfällen, als spiele jemand ein defektes Harmonium hinter der Wand.

Das Konzert zum „Tag der Kulturen“ wurde schließlich abgesagt. Offiziell wegen einer schweren Lungenentzündung. Man sprach von Erschöpfung. Von Überarbeitung. Von einem „bedauerlichen Infekt“. Niemand wollte hören, dass möglicherweise das Akkordeon selbst längst begonnen hatte, seinen Spieler zu spielen.

„Später soll die Wohnung geräumt worden sein”, meinte Ruthaus, der uns die Geschichte mit unvergleichlich bösartigem Sarkasmus zum Besten gab. „Das Instrument aber war verschwunden”.

Einige behaupteten, es sei auf einem Flohmarkt in Leipzig gesehen worden. Andere meinten, ein Musikstudent aus Weimar habe es gekauft. Ruthaus meinte dazu: „Diese Dinge verschwinden nie. Sie wechseln bloß ihre Wirte. Und manchmal”, sagte er, „wenn man nachts in einer feuchten Wohnung plötzlich ganz leise ein Akkordeon hört, obwohl niemand spielt, sei es besser, nicht nachzusehen.”

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Autor:

Matthias Schollmeyer

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