drei gute Freunde
Steiner - Morgenstern -Rittelmeyer

Rittelmeyer, Morgenstern, Steiner


„Wir können nie, was um uns lebt und webt,
erstaunt und tief genug betrachten;
denn unser Sinn, zur Flachheit neigend, strebt
zu sehr danach, die Dinge zu missachten.

Indes der Mensch nach Unerhörtem hascht,
erstirbt der feine Sinn ihm für das Kleine;
und was ihn nicht als Wunder überrascht:
das dünkt ihm das Natürliche, Gemeine.

Und doch ist Wunder diese ganze Welt!
Und nichts in ihr ist einfach und gewöhnlich;
denn wir vergessen stets: sie steht und fällt
mit dir, mit mir; sie ist durchaus persönlich.”

Christian Morgensterns Gedicht über das Staunen gehört zu jenen stillen Texten der deutschen Literatur, die ihre Kraft nicht durch Originalität der Gedanken, sondern durch Reinheit der Wahrnehmung gewinnen. In einer Zeit, die sich immer mehr dem Lärm des Unerhörten verschrieb, erinnerte Morgenstern daran, dass die Wahrheit des Daseins sich nicht im Sensationellen offenbart, sondern im Unscheinbaren. Der Mensch, so sagt er, verliert durch seine Jagd nach dem Außergewöhnlichen den Sinn für das Ganze. Darin liegt bis heute die Krise der Moderne. Sie ver-lehrt uns das Schauen.

Es ist bekannt, dass Morgenstern dem Umkreis Rudolf Steiners nahestand. Dessen anthroposophische Bewegung entstand in einer Epoche geistiger Erschütterungen, in der viele Menschen den Eindruck hatten, dass die nüchterne Vernunft des neunzehnten Jahrhunderts die Welt erklären, aber nicht bewohnen kann. Steiner versuchte, kosmologische und spirituelle Traditionen neu zusammenzuführen. Vieles daran bleibt aus theologischer Sicht problematisch. Denn wo der Mensch zu tief in verborgene Weltzusammenhänge eindringen will, entsteht jene fragwürdige Mischung aus konstruierter Religiosität, die den Glauben fragwürdig macht.

Es wäre aber zu einfach, die Bewegung, die auch Morgenstern faszinierte, als Verirrung abzutun. Viele spürten, dass die Kirche Gefahr lief, ihre Sprache für das Geheimnis zu verlieren. Der Satz des Berliner Pfarrers Friedrich Rittelmeyers sagte es so: – „Heute kann ich, ob ich morgen kann, weiß ich nicht!“ und enthält eine eigentümliche Demut. Es ist das Bekenntnis eines Menschen, der die Kirche liebt, ohne ihre geschichtliche Gestalt absolut zu setzen.

Die von Rittelmeyer 1922 im Schweizer Dornach gegründete Christengemeinschaft blieb ein sonderbares Gebilde zwischen Protestantismus, Kultusreform und anthroposophischer Symbolik. Morgensterns spätes Alters-Gedicht überragt aber alle Wirren der damaligen Zeit und ihrer geistigen Fieberträume. Es spricht von Wahrheit, die tiefer reicht als Weltanschauungen es je können werden. Die Welt ist nie nur Objekt. Sie antwortet als Subjekt dem Schauenden. Und darum ist sie persönlich. An diesem Punkt berührt sich Morgensterns Dichtung mit einer Einsicht, die auch dem christlichen Glauben wesentlich ist: Die Schöpfung bleibt nicht stumm, sondern ist Anrede. Morgensterns Eltern waren Landschaftsmaler. Er sagte: Ich lebe noch immer im Sonnenschein meiner Kindheit. Kindheit ist nicht Naivität, sondern Fähigkeit zum Staunen. Der Verlust des Staunens wäre nicht bloß ein ästhetischer Schaden, sondern Verarmung der Seele.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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