Herbsttrend
Waldbaden und Moos-Kneippen fürs Immunsystem

Schattierungen in Grün und Braun von Farnen und Moos, Fichten und Buchen – sanft rascheln die Blätter im Wind. Die Waldluft ist kühl. Hineinhören in die Stille des Waldes: Acht Frauen und zwei Männer haben sich im Karlsruher Oberwald zum «Waldbaden» begeben. Damit ist nicht das Planschen in einem Waldsee gemeint, sondern das Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes.

Sie ziehen die Schuhe aus und laufen ein Stück barfuß über den kühlen Waldboden. Unter den Fußsohlen spüren sie trockene und feuchte Erde, spitze Steinchen und kratzige Tannennadeln, aber auch weiche Gräser und Moos. «Wir verweilen achtsam im Wald. Dabei entschleunigen wir, aktivieren die Sinne und entspannen», so erklärt Daniela Schneider das Waldbaden. Die Waldpädagogin leitet das Angebot der Volkshochschule in Karls-ruhe. Anders als beim Spaziergang, Joggen oder den Hund Gassi führen, müsse kein Ziel erreicht werden. «Die Gedanken und unser Geist sind da, wo der Körper gerade ist.»

An einen ihrer ersten Teilnehmer beim Waldbaden kann sie sich noch gut erinnern: «Da muss ich doch bestimmt Bäume umarmen», habe er misstrau-isch gesagt. Kurz darauf überraschte er alle, indem er als erster einen Baum umarmte. «Keiner muss Bäume anfassen beim Waldbaden», betont die zierliche Frau mit den kurzen, rotbraunen Haaren. Vielmehr gehe es beim «Shinrin-Yoku», japanisch für «Baden in der Waldluft», um Entspannung und Stressabbau. «Waldluft hat bis zu 95 Prozent weniger Staubteilchen als Stadtluft und ist Balsam für unsere Atemwege, die Lunge kann regenerieren. Außerdem ist die Wirkung aufs Immunsystem wissenschaftlich nachgewiesen», erklärt Daniela Schneider.

Einer der Teilnehmer, der 45-jährige Ingenieur Dapda – im Kurs nennen sich alle nur beim Vornamen – zieht seine Kappe ab und lehnt seine Stirn minutenlang an den Stamm eines Ahorns. Für ihn sei es wichtig, Stress abzubauen, sagt er.

Entstanden ist das Waldbaden zunächst nur als Marketingidee in Japan, um mehr Menschen in die Wälder zu locken. Ein Aufenthalt im Wald – egal, wie man ihn nennt – wirkt sich nachweisbar positiv auf die Gesundheit aus. Das hat der stellvertretende Direktor des Zentrums für Umwelt, Gesundheit und Feldforschung an der japanischen Chiba Universität, Yoshifumi Miyazaki, bereits in den 1980er-Jahren erforscht. Ein drei- bis vierstündiger Spaziergang im Wald ist demnach gut für das Herz-Kreislauf-System, die Atemwege und die Psyche. So sinkt der Anteil des Stresshormons Cortisol, die Pulsfrequenz verringert sich, der Blutdruck geht herunter.

Zudem mobilisiert ein Aufenthalt im Wald seinen Studien zufolge die körpereigenen natürlichen Abwehrzellen und sogar Krebs-Killerzellen. Verantwortlich dafür seien die sogenannten Terpene, Substanzen, mit denen Pflanzen kommunizieren. Auch die ätherischen Öle in der Waldluft wirken positiv. Daher überrascht es nicht, dass «Shinrin-Yoku» im japanischen Gesundheitswesen fest verankert und anerkannter Forschungszweig ist.
Diese Effekte will auch der Heringsdorfer Küstenwald auf Usedom nutzen und macht Werbung als «erster Kur- und Heilwald Europas». Die medizinischen Fakten überraschen den 66-jährigen Kurteilnehmer Mar-tin. Am Anfang findet es der Ruheständler «etwas gewöhnungsbedürftig», unter Anleitung einer Waldpädagogin schweigend durch den Wald zu laufen. Aber dann genießt er. Doch bleibt die Frage: Braucht man wirk-lich einen Kurs im «Waldbaden», um einfach den Wald zu genießen? Eigentlich sei gar keine Anleitung nötig, sagt auch Leiterin Schneider.

Die meisten Menschen aber hätten verlernt, «absichtslos» durch den Wald zu schlendern und ihre Umgebung mit allen Sinnen wahrzunehmen. Und das geht an der Ostsee und im Schwarzwald ebenso gut wie in jedem Stadtwald: Innehalten, Augen schließen und tief durchatmen. Den Duft ätherischer Öle riechen, den nussigen Geschmack von Brennnesselsamen kosten oder die raue Rinde einer Eiche fühlen – und vielleicht auch mal einen Baum umarmen.

Christine Süß-Demuth (epd)

Autor:

Beatrix Heinrichs aus Jena

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