Überleben hat wenig mit Leben zu tun

Ohne Vertrauen: Das fehle auf der Straße, sagt der Ex-Straßenjunge Dominik Bloh. Als Obdachloser habe man keine Freunde und keine Würde.
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Obdachlosigkeit: Als 16-Jähriger flog er zu Hause raus und lebte mehr als zehn Jahre auf der Straße. Heute berichtet Dominik Bloh Jugendlichen vom Kampf um Würde.

Von Dieter Sell

Dominik Bloh schlägt mit der flachen Hand laut auf den Tisch. Ein scharfer Knall zieht durch den Kirchenraum, die Jugendlichen vor ihm schrecken hoch. So ist es ihm ergangen, wenn er sich bei McDonald’s aufgewärmt hat und dabei eingeschlafen ist. »Dann kommt die Security, haut auf den Tisch und du wirst rausgeschmissen«, sagt der junge Mann, der als Obdachloser in Hamburg gelebt hat.
Bei einer Lesung in der evangelischen Jugendkirche Bremen erzählt er, wie es dazu kam, dass er viele Nächte unter »Palmen aus Stahl« verbrachte. »Unter Palmen aus Stahl« heißt auch sein Buch, das mittlerweile zum Bestseller aufgestiegen ist. Der Titel bezieht sich auf die grün lackierten Stahlpalmen auf einer Rasenfläche des Antoniparks oberhalb des Fischmarktes im Stadtteil St. Pauli. Hier hat Bloh unter freiem Himmel übernachtet, nachdem seine Großmutter gestorben war und ihn seine manisch-depressive Mutter rausgeschmissen hatte. Doch auf der Straße fehle das Vertrauen: »Du hast keine Freunde, keine Würde«, so Bloh. Ständig musste er kämpfen: um Wärme, um einen Schlafplatz, um Geld, Lebensmittel, Sauberkeit. Er habe diese Zeit überlebt. »Aber Überleben hat wenig mit Leben zu tun.«
Viele der wohnungslosen Jugendlichen hätten Stress mit den Eltern oder landeten auf der Straße, weil sie vom Jobcenter sanktioniert würden, sagt Bertold Reetz, Leiter der diakonischen Wohnungslosenhilfe in Bremen. »Ich finde es einen Skandal, dass man Menschen Leistungen für das Existenzminimum einfach so streichen kann.« Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe spricht von »Zuständigkeitskonflikten«, die dazu führen können, dass sich prekäre Wohn- und Lebenssituationen verfestigen.
»Meine Ma hat mir nichts zu essen gegeben, mein Freund hat sich nicht gekümmert – und die Behörden auch nicht«, erinnert sich Bloh. Alles was er hatte, passte in zwei Koffer, später in eine Sporttasche, auf die er wie auf seinen Augapfel achtete. Darin immer Papier und Stift. »Ich hab schon immer geschrieben.«, sagt der heute 30-Jährige.
Schreiben, das sei für ihn auf der Straße so etwas wie Selbsttherapie gewesen.
Trotz Straße ging Bloh weiter zur Schule. Er führte ein Doppelleben und machte später sogar Abitur. Er log und betrog, fuhr ohne Ticket in der warmen S-Bahn, um draußen nicht zu erfrieren. Zwei Dinge hätten dann sein Leben geändert, sagt er: »Ehrlich sein und Gutes tun.« Bloh engagierte sich in der Flüchtlingshilfe – sein Rettungsanker, denn: »Durch Gutes tun kommt Gutes zurück.«
Bertold Reetz plädiert dafür, jungen Leuten wie Dominik Bloh schnell zu helfen, damit sich die Strukturen der Straße in ihnen nicht verfestigen. Dabei gehe es darum, tragfähige Beziehungen zu begründen. Der junge Hamburger hat es geschafft, hat eine Wohnung, ein Einkommen – und Freunde gefunden. Wie seinen Verleger Stefan Kruecken, der über Bloh sagt, er setze seine Energie für andere Menschen ein. Wer könne das von sich behaupten? Und: »Seine Beobachtungsgabe, seine Empathie und sein Sprachgefühl machen ihn zu einem besonderen Talent.«
(epd)


Hintergrund
Nach Angaben des Deutschen Jugendinstitutes gibt es bundesweit etwa 37 000 Menschen, die nicht älter als 26 Jahre sind und keinen festen Wohnsitz haben.

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