Alles im Fluss
Mit Kettenhemd und Kreuz

Die Krämerbrücke über dem Fluss Gera in Erfurt | Foto: epd-bild/Paul-Philipp Braun
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  • Die Krämerbrücke über dem Fluss Gera in Erfurt
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Es war eine ungewöhnliche Taufprozession, die mitten durch das größte Altstadtfest Thüringens zog. Ihr Ziel: die Krämerbrücke in Erfurt. Dort wollten sich drei junge Menschen in der Gera taufen lassen.

Von Alexandra Weber

Mitten durch die dichten Menschenmassen des Erfurter Krämerbrückenfestes zieht am Sonntagmittag eine ungewöhnliche Taufprozession: vorneweg ein Kreuzträger im Kettenhemd, dahinter ein Musiker mit einer mittelalterlichen Flöte, gefolgt von dem brandenburgischen Pfarrer Helmut Kautz, drei Taufwilligen sowie Freunden und Angehörigen aus einer Mittelaltergruppe.

Etwa 20 Menschen zogen Kautz zufolge durch das Festtreiben zum Fluss Gera. Eigentlich ist der Pfarrer an dem Wochenende nur zu einer Ausbildung zum sogenannten Friedensreiter im Augustinerkloster in Erfurt gewesen 
G+H berichtete: 

Der Ritt aus der eigenen Blase


Idee am Lagerfeuer

Nach dem ersten Seminartag sei er am Samstagabend noch durch die Erfurter Altstadt spaziert, berichtet er. Es war Krämerbrückenfest, Thüringens größtes Altstadtfest. Rund 170 000 Besucher kamen nach Angaben der Stadt an dem Wochenende in die Landeshauptstadt.

Gegen 23.30 Uhr war Kautz in der Nähe der Krämerbrücke unterwegs – in rotem Kollarhemd. Eine am Lagerfeuer sitzende Mittelaltergruppe habe ihn angesprochen: „Sind Sie ein echter Pfarrer?“ Obwohl er eigentlich müde gewesen sei, habe er sich zu der Truppe gesetzt: „Ich bin immer im Auftrag des Herrn unterwegs, sozusagen als sein Außendienstmitarbeiter. Und da muss man immer bereit sein für Kundschaft, selbst spät abends.“ Er bezeichnet die Gruppe, auf die er traf als "Heiden – ohne jeglichen Bezug zum Glauben oder Kirche" und fügt hinzu: „Gerade bei solchen Menschen geht mein Herz auf.“ Für Kautz passte die Situation genau zu der Frage, die ihn im Seminar beschäftigt hatte: Wie kommt Kirche mit Menschen ins Gespräch, die ihr fernstehen?


"Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass wir immer im Auftrag des Herrn unterwegs sind."

Dann geschah, womit der Pfarrer nicht gerechnet hatte: Ein junger Mann in Mittelalterkleidung sagte, er wolle sich taufen lassen. Anschließend kam Kautz mit einem zweiten Mann länger über die Frage des Leids ins Gespräch. Kautz nennt sie eine der stärksten Anfragen an den Glauben. Seine Antwort sei keine theoretische Erklärung gewesen, sondern der Hinweis auf Gottes Barmherzigkeit und auf Christus, der selbst gelitten habe. Nach dem Gespräch habe auch dieser Mann den Wunsch geäußert, getauft zu werden – gefolgt von einer jungen Frau, die zugehört hatte. Die Bitte sei von den drei jungen Menschen zwischen 19 und 25 Jahren selbst gekommen, betonte Kautz. Zugleich sei in der Runde auch Alkohol im Spiel gewesen. „Mitten in der Nacht fragte ich mich natürlich: Ist das jetzt Suff oder Heiliger Geist?“

Deshalb habe er die drei auch nicht sofort getauft, berichtet Kautz. Er verabredete sich mit ihnen für den nächsten Mittag. „Ich wollte sehen, ob der Wunsch auch im nüchternen Licht des Morgens noch Bestand hat.“

Urkunde mit Gänsefeder

Zugleich suchte er nach einer kirchenrechtlichen Lösung. Schließlich ist Kautz brandenburgischer Pfarrer – die Taufe sollte aber in Thüringen stattfinden.

Im Augustinerkloster ließ er sich Formulare der EKM besorgen und sprach mit dem dortigen Pfarrer Bernd Prigge. Die Taufe sollte nicht nur ein spontanes Zeichen sein, sondern auch kirchlich ordentlich registriert werden. Den Täuflingen habe er auch gesagt, dass die Taufe in Deutschland ein rechtlicher Akt sei und mit der Kirchenmitgliedschaft verbunden ist.

Am Sonntagmittag waren alle drei wieder da. Nun begann die Mittelaltergruppe, die Taufe vorzubereiten: Es wurde ein Kreuz gebaut, eine Bibel besorgt und der Musiker organisiert. Außerdem wurden Taufurkunden mit Gänsefeder und Tinte gestaltet. Für Kautz wurde die Szene zu einem Bild dafür, wie Kirche auf Menschen zugehen könne – offen für deren Interessen. „Man muss schauen: Wie ist die Kultur dieser Leute?“, sagt er.
Bei dieser Gruppe seien es Kettenhemd, Schwert, Feuer und Mittelalterkleidung gewesen. Den Täuflingen legte Kautz ans Herz, den Taufkurs im Augustinerkloster zu besuchen. Außerdem will er weiter mit ihnen in Kontakt bleiben: „Ich bin gespannt wie sie sich weiterentwickeln.“

Im Außendienst für Jesus

Für Kautz ist die Spontantaufe mehr als eine ungewöhnliche Episode beim Krämerbrückenfest. Sie zeige, dass junge Menschen offen für den christlichen Glauben seien, aber oft niemanden fänden, der sie anspreche. „Wie soll ein Mensch herausfinden, wo er etwas von Jesus erfahren kann, wenn er das selbst noch nicht einmal formulieren kann?“, fragt Kautz. Entscheidend sei, als Christ erkennbar und zugleich unaufdringlich präsent zu sein. „Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass wir immer im Auftrag des Herrn unterwegs sind. Der andere sieht in uns Christus, und Jesus gebraucht uns als Werkzeug.“

(idea)

Die Krämerbrücke über dem Fluss Gera in Erfurt | Foto: epd-bild/Paul-Philipp Braun
Helmut Kautz | Foto: Foto: epd-bild/Stephan Wallocha
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