Nazi-Glocken: Erste Gemeinden haben gehandelt. Die Debatte in den Kirchengemeinden geht weiter
"Man hört doch nicht, was auf der Glocke drauf ist"

Es ist die Frage nach Klarheit, nach Richtung und letztendlich auch nach Notwendigkeit, die sechs Kirchengemeinden in Thüringen und zwei Kirchengemeinden in Sachsen-Anhalt beschäftigt. Seit im Mai des vergangenen Jahres "Glaube+Heimat" öffentlich gemacht hat, dass es auch auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) Glocken mit nationalsozialistischer Symbolik gibt, wird das Thema kontrovers diskutiert.
Abhängen oder im Glockenstuhl lassen? Läuten oder nicht? Die Fragen, denen sich Gemeindekirchenräte, Synoden und Pfarrer in diesen Tagen aussetzen, sind nicht einfach. Schon gar nicht, wenn die Glocken seit mehr als 70 Jahren läuten. Und das, ohne dass sich jemand an der Glockenzier mit Hitler-Büste, Hakenkreuz oder fragwürdigen Inschriften bislang störte.
Wie umfassend die Debatte in vielen Gemeinden ist, das offenbarte sich am Montagabend, als die Verantwortlichen der EKM Vertreter aus den betroffenen Kirchengemeinden zum zweiten Mal ins Landeskirchenamt einluden, um mit ihnen die aktuelle Lage zu besprechen. Schnell wurde bei dem Termin klar, dass die Lösungsansätze der Kirchengemeinden zwar verschieden sind – sie reichen von Abschleifen über Abhängen bis zum kompletten Neuguss. Die Debatten, die in den Kirchengemeinden geführt werden, gleichen sich jedoch. Denn nicht nur die Finanzierung der Maßnahmen führe zur Diskussion, waren sich die Anwesenden einig, auch die Auseinandersetzung mit der NS-Symbolik polarisiere.
In Anbetracht der Tatsache, dass der Klang der Glocke von deren Zier unabhängig ist, ist das wenig verwunderlich. „Man hört doch nicht, was auf der Glocke drauf ist“, sei eines der häufigen Argumente, das viele im Streit über den Umgang mit den Geläuten vorbrächten. Dennoch sei das Läuten einer Glocke mit NS-Symbolik, betonte der Leiter des EKM-Gemeindedezernats, Christian Fuhrmann, eine Frage der Moral. Es gehe darum, Klarheit in eine gesellschaftliche Debatte zu bekommen, ohne dabei zu bevormunden, erklärte er den Ansatz des Treffens. Derzeit werde in den Kirchengemeinden über den Umgang mit den historisch belasteten Glocken diskutiert. Bis zu einem Ergebnis, so die Empfehlung der Landesbischöfin Ilse Junkermann, sollten die Glocken mit Inschrift und Symbolik aus der NS-Zeit schweigen. Darauf konnte man sich bereits beim ersten Forum im Landeskirchenamt verständigen.
In einzelnen Fällen gibt es bereits Lösungen, in einem Fall ist ein Antrag auf Unterstützung beim Landeskirchenamt eingegangen. In der Bergkirche Tambach-Dietharz im Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf soll im Herbst diesen Jahres ein Neuguss erfolgen. Auch in Neinstedt im Kirchenkreis Halberstadt hat sich schon etwas getan. Der mit einem Hakenkreuz verzierte Klöppel der örtlichen Kirchenglocke ist abgeschliffen worden. Anders verhält es sich in Bielen bei Nordhausen. Dort werde zwar der Umgang mit der Glocke im Dorf diskutiert, eine Maßnahme sei allerdings aus Sicht der am Montag Anwesenden derzeit nicht nötig. Die Glockenzier mit der Aufschrift „Im Jahre der Heimkehr des Saarlandes 1935 Aufgehaengt im Turm zu Bielen“ verweise zwar auf die NS-Zeit, sei aber keine eindeutige politische Propaganda.
Paul-Philipp Braun 

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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