Andacht Militärseelsorge
Gib keinen verloren. Tritt für alle ein, die deinen Beistand brauchen!
- hochgeladen von Denise Scheel
Liebe Mitmenschen!
Gib keinen verloren. Tritt für alle ein, die deinen Beistand brauchen. Diese Worte aus meinem Ordinationsversprechen begleiten mich seit meinem Berufsbeginn – und sie führen mich nun an einen neuen Ort: Seit dem 1. April bin ich als evangelische Seelsorgerin im Militärpfarramt Sondershausen tätig. Mit zuständig für Soldatinnen und Soldaten in den Kasernen in Bad Frankenhausen, Blankenburg, Mühlhausen und Halberstadt.
Einer meiner ersten Wege führt mich nach Dresden, in einen Gottesdienst in der Garnisonskirche zum Beginn einer Offiziersausbildung. Rund 70 Soldatinnen und Soldaten, verschiedene Uniformen, Gastsoldaten aus anderen Ländern – und ein Tourist, der neugierig durch die Tür schaut und einfach bleibt. Dieses Bild bewegt mich: Hier sitzt niemand zufällig. Und doch ist da plötzlich einer, der gar nicht dazugehört – und der bleibt. Vielleicht weil er spürt: Hier wird etwas verhandelt, das auch ihn angeht. Ihn zumindest interessiert.
Eine Truppe mitten in der Gesellschaft. Menschen, die stellvertretend für uns alle dort stehen, wo es ernst wird. Wer sie begleitet, erlebt, was das kostet – an Kraft, an Mut, und manchmal an der Seele. In jeder Uniform steckt für mich zuallererst ein Mensch. Mit einer eigenen Geschichte, eigenen Gedanken, eigenen Gefühlen und Nöten.
Mein Blick fällt im Gottesdienst auf ein Mosaik in der Fürstenloge: der Erzengel Michael, der das Böse besiegt – aber das Böse trägt hier ein menschliches Gesicht. Kein Drache, kein Fabelwesen, kein abstraktes Symbol. Eine ernste Anfrage an uns alle: Wie gehen wir mit der Macht des Dunklen um, die es in dieser Welt gibt?
Denn das ist die eigentliche Zumutung: Das Böse kommt nicht aus einer anderen Galaxie, von irgendwo weit weg. Es hat ein menschliches Gesicht. Ist Teil dieser Welt. Und manchmal muss man ihm ins Auge sehen – oder sogar entgegentreten. Soldatinnen und Soldaten wissen das. Sie stehen auf dem Boden unseres Grundgesetzes und treten ein für unsere Freiheit, unsere Würde, unser Miteinander. Aber auch wir alle kennen diese Erfahrung, wenn auch in anderen Zusammenhängen: den Moment, in dem wir merken, dass das Dunkle nicht abstrakt ist, sondern konkret. In einer Entscheidung. In einer Beziehung. In uns selbst.
Die Bibel macht sich da keine Illusionen. Sie erzählt nicht von einer heilen Welt, sondern von Menschen, die mitten im Widerspruch stehen zwischen der Macht des Dunklen und dem Licht. Zwischen Widerstehen und Wachsen. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." (Jesaja 43,1) Das ist kein Versprechen, dass nichts Schweres passiert. Es ist das Versprechen: Du bist nicht allein darin. Sinn, Leid, Schuld, Scham – das sind große Fragen, die Menschen in Uniform in besonderer Weise treffen. Und sie treffen uns alle.
Denn wer von uns hat nicht schon gefragt: Warum das? Warum ich? Warum jetzt? Und wer von uns hat nicht gemerkt, dass diese Fragen nicht immer eine Antwort bekommen – aber dass es einen Unterschied macht, ob man sie alleine trägt oder ob jemand daneben sitzt und sie mitträgt, auch wenn sie manchmal offenbleiben. Das ist Seelsorge. Nicht Antworten liefern. Sondern mittragen. Begleiten. Dableiben. Hinsehen. Hinhören. Neue Perspektiven anregen, wo es möglich ist. Gib keinen verloren. Dieser Satz bekommt für mich mit den Jahren eine immer größere Tiefe. Er meint nicht: Rette alle. Er meint nicht: Löse alle Probleme. Er meint: Lass niemanden fallen. Sieh hin. Gib keinen ganz auf. Bleib in Verbindung – mit dem anderen und mit Gott.
Das gilt in der Kaserne wie in der Kirche, auf dem Truppenübungsplatz wie im Pfarramt, in der Familie wie in der Nachbarschaft.
Vielleicht ist es am Ende die schlichteste und zugleich anspruchsvollste Aufgabe, die es gibt: für den anderen da zu sein. Nicht weil ich alle Antworten habe. Sondern weil ich glaube, dass kein Mensch verloren sein soll.
Es grüßt Sie
Pfarrerin Denise Scheel
Autor:Denise Scheel |
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