Serie zum Vaterunser (2):
Die erste Bitte – Geheiligt werde dein Name

Das Tetragram JHWH steht in der hebräischen Bibel für den Namen Gottes. Er ziert zum Beispiel Kanzeln oder Altäre. | Foto: Hadrien – stock.adobe.com
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  • Das Tetragram JHWH steht in der hebräischen Bibel für den Namen Gottes. Er ziert zum Beispiel Kanzeln oder Altäre.
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Dem einen ist es das Auto, dem anderen der Garten, dem dritten der "Tatort" am Sonntagabend. Die Vielfalt dessen, was uns heilig scheint, kennt kaum Grenzen. Doch das Vaterunser gibt eine Orientierung, was zu heiligen ist und verweist auf das Alte Testament.

Von Karsten Müller

Im dritten Gebot der Thora schützt Gott seinen Namen: "Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht." Wie auch beim Bilderverbot wird die Vorschrift mit einer Strafandrohung versehen. Es geht nicht um eine Formalität, sondern um etwas sehr Gewichtiges. Das Volk des Ersten Bundes nimmt die Heiligkeit des Gottesnamens so ernst, dass er nicht ausgesprochen wird. Wenn in der Schrift der Gottesname erscheint, dann wird nicht "Jahwe" gesagt oder gelesen, sondern adonaj – "der Herr". In der Alltagssprache sagt man einfach "ha schem" – der Name.

Dagegen ist in unserer Alltagssprache Gott in aller Munde, etwa durch den floskelhaften Gebrauch von „Gott sei Dank“. Ich frage mich auch: Warum muss ein Bibelspruch (vielleicht das erste Gebot) auf einer Kerze abbrennen? Muss "Jesus liebt dich" wirklich auf einem Kaffeepott stehen? Warten wir mal ab, auf welchen Accessoires sich die Jahreslosung für 2027 finden wird …

In der Gebetstradition seines Volkes hat uns Jesus das Vaterunser als Grundgebet geschenkt, gelehrt, eingeschärft. Jesus redet Gott als Vater an. Die erste Bitte, die der Anrede folgt, steht dazu in einer eigenartigen Spannung.

Jesus hat diese Spannung in sich selbst getragen: Da ist auf der einen Seite Gott, der Herr, dessen Namen man bei Strafe nicht missbrauchen soll. Auf der anderen Seite ist dieser Gott in Jesus aus Nazareth Mensch geworden. Der allmächtige Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, erscheint in seiner Schöpfung als Kind und einfacher Mann, der den Schöpfergott als Vater anredet.


"Das Volk des Ersten Bundes nimmt die Heiligkeit des Gottesnamens so ernst, dass er nicht ausgesprochen wird."

Diese Anrede gibt Jesus an uns weiter. Vater unser – das verdeutlicht: Das Verhältnis des Schöpfers zum Geschöpf ist eine Eltern-Kind-Beziehung. Der als Vater angeredete Gott tröstet, "wie einen seine Mutter tröstet". Wie verhält sich dieses Vertrauensverhältnis, durch das ein menschliches Leben getragen wird, das aber auch nicht frei ist von Krisen und Brüchen, zur ersten Bitte?

Luther stellt in seiner Erklärung zum Vaterunser im Kleinen Katechismus zunächst fest: Gottes Name ist zwar an sich selbst heilig. Der als Vater angeredete Gott ist da und hat einen heiligen Namen, so wie jeder Mensch einen Vater und eine Mutter hat. Das gilt unabhängig davon, wie die reale Beziehung zu den leiblichen Eltern aussieht.

"Gottes Name ist zwar an sich selbst heilig; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er auch bei uns heilig werde", erklärt Luther weiter. Auf die rhetorische Frage: "Wie geschieht das?" antwortet der Reformator: "Wo das Wort Gottes lauter und rein gelehrt wird und wir auch heilig, als die Kinder Gottes, danach leben." Da sind wir beim Kern der Sache: Wenn sich Frömmigkeit auch in den Äußerlichkeiten einer Lebenshaltung abbildet, dann ist dagegen nichts zu sagen. Aber es ist eben nur die eine Seite der Medaille. Es geht bei der Heiligung des Gottesnamens nicht nur um das dritte Gebot der Thora, es geht auch und vor allem um das von Jesus gekennzeichnete höchste Gebot: "… du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft; und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."

Heiligung zeigt sich in der Liebe, im Beziehungsgeschehen – dabei aber ausdrücklich nicht in der Rede vom "lieben Gott". Diese Beziehung ist geprägt vom Dank für das Geschenkte, Freude am Schönen, Demut beim Gnadenerweis. Krisen sind der Gottesbeziehung nicht fremd, wie wir von den biblischen Propheten oder von Hiob lernen können. Es kann sogar zum Kampf kommen, wie es Jakob am Jabbok erlebt hat (1. Mose, Kapitel 32).

Eine verbreitete Reaktion auf eine Krise in der Gottesbeziehung ist die menschliche Feststellung: „Es gibt keinen Gott.“ Jakobs Reaktion im Kampf (!) ist: Ich lasse dich nicht. Ich halte an dir fest, auch wenn vieles dagegenspricht. Es ist sicher auch kein Zufall, dass Jesus im Gethsemanegebet Gott als Abba, Vater anredet. Jesus spricht seine Bitte an den Vater klar aus: "Nimm diesen Kelch von mir." Aber er lässt in der für ihn lebensbedrohlichen Situation den väterlichen Gott den allmächtigen Gott sein: "… alles ist dir möglich; … doch nicht, was ich will, sondern was du willst!" (Markus 14, Vers 36)

Heiligung kostet Kraft, Leben nach Gottes Wort gelingt nicht immer. Darum gilt auch heute, worum Luther vor fast 500 Jahren bittet: "Dazu hilf uns, lieber Vater im Himmel! Wer aber anders lehrt und lebt, als das Wort Gottes lehrt, der entheiligt unter uns den Namen Gottes. Davor behüte uns, himmlischer Vater!"

Gesprächsimpulse

  • Was ist Ihnen heilig und warum?
  • Was verbinden Sie mit dem Vater im Himmel und seinem Namen?
  • Wie heiligen Sie den Namen Gottes?

Der Autor ist Pfarrer im Kirchenkreis Halle-Saalkreis.

Nächste Folge:
Die zweite Bitte – Dein Reich komme

Das Tetragram JHWH steht in der hebräischen Bibel für den Namen Gottes. Er ziert zum Beispiel Kanzeln oder Altäre. | Foto: Hadrien – stock.adobe.com
Pfarrer Karsten Müller

 | Foto: Torsten Bau
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