Moira, Nemesis und ...
Der gute Hirte
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Die altgriechische Religiosität dachte das menschliche Leben nicht als bloßes Nebeneinander von Zufällen, sondern als ein Gefüge, als ein Gewebe, in dem sich Einzelnes und Ganzes unlösbar durchdringen. Die Griechen haben für diese Einsicht einen besonderen Namen gefunden: die Moiren. Ihr Name bedeutet soviel wie Anteil. Im Bilde gesprochen - die Moiren sind jene Mächte, die dem einzelnen Menschen zwar nicht das Sein geben, wohl aber seinen persönlichen Anteil am ganzen Geschehen bestimmen. Sie spinnen nicht den Menschen selbst, sondern das, was sich aus und mit seinem Tun ergibt. Sie weben die Fäden der Ereignisse zu einer Art Text ineinander, verbinden das Einzelne mit dem Ganzen und schaffen so das, was wir Schicksal nennen.
Dabei ist entscheidend: Schicksal ist nichts Isoliertes. Es entsteht erst im Zusammenhang. Der Mensch hat kein Schicksal für sich allein; er hat es im Geflecht mit anderen. Die Moiren sind daher keine willkürlichen Richterinnen, sondern Hüterinnen der Verknüpfung. Sie greifen das Tun des Menschen auf, verbinden es und führen es weiter. Ihr Wirken ist notwendig, aber nicht blind; es ist gebunden an das, was der Mensch selbst einbringt. In diesem Sinne bleibt der Mensch immer irgendwie selber beteiligt. Er ist nicht bloß Objekt, sondern Mitwirkender seines Geschicks.
Neben diese Ordnung der Moira tritt eine zweite Gestalt: Nemesis. Während die Moiren das Gefüge tragen, wacht Nemesis über das Maß. Sie ist die Göttin der Grenze, der Proportion, des Ausgleichs. Ihr Eingreifen geschieht dort, wo das Maß verloren ging – nicht notwendig erst bei Schuld, sondern schon dort, wo ein Ungleichgewicht entsteht. Gerade das Übermaß des Glücks, die Selbstgenügsamkeit des Gelungenen, ruft Ungleichgewicht hervor. Nemesis macht dann sichtbar, daß das Leben eine innere Ordnung hat, die sich nicht beliebig überschreiten läßt. Nemesis ist daher keine bloße Rächerin, sondern eine wiederherstellende Macht. Sie führt zurück in das Maß, oft in jäher, erschütternder Weise.
In dieser doppelten Struktur – dem webenden Zusammenhang der Moiren und der ausgleichenden Bewegung der Nemesis – gewinnt das menschliche Leben eine eigentümliche Gestalt: es ist notwendig und offen zugleich, gebunden und doch nicht ohne Freiheit. Es ist ein Geschehen, das den Menschen ernst nimmt, indem es ihn in die Verantwortung stellt. Und doch bleibt etwas Unbefriedigendes. Denn diese Mächte kennen den Menschen nicht. Sie sehen nicht, sie hören nicht, sie lieben nicht. Ihr Wirken ist sachlich, fast gleichgültig.
An dieser Stelle versucht die biblische Offenbarung anzusetzen – nicht indem sie die Einsichten eherner Notwendigkeiten zerstört, sondern danach trachtet, dieselben zu übersteigen.
Der Psalm 23 etwa spricht in einer Sprache, die einfacher ist, aber weiter reicht: „Der Herr ist mein Hirte.“ Was hier geschieht, ist eine Verwandlung des Weltbildes, in welchem die Ketten der Kausalität rasseln. Das Leben bleibt ein Weg, bleibt ein Geschehen mit Höhen und Tiefen, mit dunklen Tälern und unübersichtlichen Wendungen. Aber das Gewebe ist nicht mehr unpersönlich. Es ist begleitet von einem sympathetisch sinnenden Gegenüber. Der Mensch steht nicht mehr im Geflecht anonymer Mächte, sondern in der Beziehung zu einem, der ihn kennt - dem Guten Hirten.
Damit verschiebt sich auch die Erfahrung des sogenannten Schicksals. Was die Griechen als moira erfahren – den Anteil am Geschehen –, soll nunmehr als Führung beschrieben werden. „Er führet mich auf rechter Straße.“ Das Maß, das Nemesis wahrt, wird hier zur Wegleitung. Es ist nicht mehr nur Grenze, sondern Wegweisung. Und selbst das Dunkel verliert seinen anonymen Charakter: „Du bist bei mir.“ Das ist der entscheidende Satz. Dieser Satz hebt das Dunkel nicht auf, aber er verwandelt es.
Den Christen wird in Christus, dem guten Hirten, diese Wahrheit konkret. Hier ist einer, der nicht nur führt, sondern sucht, nicht nur ordnet, sondern sich hingibt. Das Leben ist nicht mehr nur ein Gewebe von Ursachen und Wirkungen, sondern eine Geschichte, die von einer personalen Treue mitgetragen ist.
Ein Seitenblick auf die religiöse Umwelt der Spätantike kann diese Verschiebung noch verdeutlichen. Die Gestalt Poimanders im hermetischen Schrifttum erscheint als göttlicher Geist und Hirte des Menschen – als eine geistige Instanz, die dem Einzelnen Erkenntnis vermittelt und den Menschen aus der Verstrickung führt. Und im Hirten des Hermas, einem frühchristlichen Text, begegnet uns die Gestalt des Hirten als Wächter und Mahner, der den Menschen zur Umkehr ruft. In beiden Fällen wird das Bild des Hirten bereits personaler gedacht als im altgriechischen Mythos von Moira und Nemesis; das neue und veränderte Bild tritt aus der Anonymität heraus. Doch bleibt es in gewisser Weise distanziert, lehrend, ordnend - bis es im biblischen Zeugnis seine letzte Dichte und damit unsere Sympathie empfängt. Der Hirte ist nämlich nicht nur Lehrer oder Geist, sondern Gegenwart. Er ist nicht nur richtendes Maß, sondern zugesprochene Barmherzigkeit. Nicht nur Ordnung, sondern Nähe. So wird das, was die Griechen als Schicksal dachten, in eine Beziehung verwandelt. Der Mensch bleibt eingebunden in ein größeres Ganzes; aber dieses Ganze starrt ihn nicht mehr stumm an, sondert lächelt ihm zu.
Eine neue Gewissheit deutet sich an: Das Leben ist weder dem blinden Fatum überlassen noch der kalten Notwendigkeit ausgeliefert. Es ist geführt – nicht im Sinne einer mechanischen Bestimmung, sondern im Sinne einer wohlmeinenden Nähe. Und darin liegt jene stille Zuversicht, die der Psalm ausspricht: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.“
Autor:Matthias Schollmeyer |
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