Instrument des Jahres
Die Königin im Mittelpunkt

Bei der Meisterprüfung: In der Oskar-Walcker-Schule in Ludwigsburg baut Benedikt Schreier aus Thierhaupten gerade eine Reihe von Holzpfeifen ein.
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 Die Oskar-Walcker-Schule im württembergischen Ludwigsburg bietet weltweit die einzige Möglichkeit, einen Meister im Orgelbau zu machen. In der zweiwöchigen Prüfung muss das Herzstück der Ausbildung entstehen.

Von Judith Kubitscheck 

Benjamin Herrmann nimmt eine seiner selbst gebauten metallenen Orgelpfeifen in die Hand, bläst hindurch. Ein hauchiger Ton ist zu hören. Sorgfältig überprüft er den Klang, denn alle Pfeifen müssen fein aufeinander abgestimmt sein. Herrmann ist einer von vier Orgelbauern in Deutschland, die dieses Jahr ihre Meisterprüfung in der Oskar-Walcker-Schule in Ludwigsburg ablegen. Die Schule ist die einzige Bundesfachschule für Musikinstrumentenbau und auch die einzige Anlaufstelle weltweit, um einen Meisterabschluss im Orgelbau zu erhalten.
Zwei Jahre lang haben sich Herrmann und die anderen Meisterschüler dort im Blockunterricht ausbilden lassen. «Da die Weiterbildung ein hohes Ansehen hat und weltweit das beste Know-how vermittelt, sind auch schon Koreaner und Japaner unter den Meisterschülern gewesen», erzählt Matthias Böhler, der Beisitzer im Prüfungsausschuss ist und an diesem Tag die Prüflinge beaufsichtigt.
Die Meisterprüfung dauert zwei Wochen – eine kurze Zeit für eine komplexe Aufgabe: Die Prüflinge müssen in der Werkstatt der Schule das Herzstück der Orgel selbst herstellen: eine spielbare Pfeifenreihe aus Holz sowie Metallpfeifen und eine Windlade, das Verbindungsstück zwischen Tasten und Pfeifen.
«Der klangliche Übergang von den Metallpfeifen zu den Holzpfeifen ist schwierig», erklärt Prüfling Herrmann, der aus Emmendingen bei Freiburg kommt und in der Orgelbauerstadt Waldkirch in einer Meisterwerkstatt arbeitet. Ziel sei, dass die Zuhörer den Übergang gar nicht wahrnähmen. Für den Orgelbauer sei das eine wahre Tüftelei.
Um die Luft, den «Wind», in die richtige Pfeife schicken zu können, muss bei einer Orgel außerdem jede Taste mit einem Ventil der Windlade verbunden werden. Beim Anschlag einer Taste öffnet sich das Ventil, und die Windlade sorgt dann dafür, dass die richtige Pfeife Luft erhält, um zu klingen.
In einem anderen Raum testet der angehende Meister Benedikt Schreier aus Thierhaupten bei Augsburg, ob seine Tasten aus weißen Rinderknochen und schwarzem Ebenholz schön flüssig laufen und es nirgendwo hakt. Schreiers Windlade ist bereits fertig, und auch das Gehäuse und die Balganlage, die er zur Prüfung mitgebracht hat, sind bereits aufgebaut. Die Prüfungsorgeln sollen auf jede Art von Elektronik verzichten, so die Auflage – und damit auch auf ein elektrisches Gebläse: Wie vor 150 Jahren muss man die Balganlage treten, um Luft zu erhalten, damit die Pfeifen zum Klingen gebracht werden.
Für Schreier ist es eine Premiere, eine Orgel von Grund auf selbst zu bauen. An seinem Beruf liebt der Sohn eines Orgelbauers die Vielseitigkeit – die Arbeit mit verschiedenen Materialien wie Leder, Metall und Holz in Verbindung mit der Musik. Vom Löten übers Sägen bis zum musikalischen Intonieren – ein Orgelbauer muss Handwerker und Künstler gleichzeitig sein. Auch Orgelrestaurierungen faszinieren ihn: «Da kann man sehen, wie die alten Meister gearbeitet haben.»
Neben der praktischen Arbeit werden in der Prüfung auch Zeichnungen der Orgel, Windberechnungen und die Kalkulation für den Bau des Meisterstücks bewertet. Die Kosten für eine Prüfungsorgel sind hoch: Benedikt Schreier hat für sein Instrument ein Angebot ausgearbeitet, für das er insgesamt 800 Arbeitsstunden kalkuliert hat. Auf dem freien Markt würde sein Meisterstück um die 65 000 Euro kosten. Eine Meisterprüfung ist also mit einem enormen Kosten- und Zeitaufwand verbunden.
Seit 2017 sind Orgelbau und Orgelmusik Immaterielles Kulturerbe der Unesco. Damit hat sich Deutschland dazu verpflichtet, dieses Nischenhandwerk zu pflegen und zu fördern. Wie fast überall im Handwerk sind auch Orgelbauer dringend auf der Suche nach Lehrlingen.
Bei der Ausbildung zum Meister sieht es allerdings anders aus: Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 400 Orgelbaubetriebe, und jeder Betrieb braucht – wenn überhaupt – meist nur einen Meister. Deshalb sehen viele Orgelbauer die Weiterbildung nicht als nötig an, obwohl natürlich das neu erworbene Wissen aus der Meisterausbildung einem ganzen Betrieb zugutekommt.
Seit 2020 gilt für den Orgelbau wieder die zwischenzeitlich ausgesetzte Meisterpflicht zum Führen eines Betriebes. Das könnte dafür sorgen, dass wieder etwas mehr Meister ausgebildet werden, hofft Prüfungs-Beisitzer Böhler, der ehrenamtlich auch Synodaler der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ist.
Er ist gerade an einem Orgel-Neubau im Münster St. Johannes in Bad Mergentheim beteiligt. Wenn eine Orgel "den Geist aufgibt", werde derzeit gut überlegt, ob man eine neue brauche oder eine Elektroorgel ausreiche, sagt Böhler. Aber er habe schon oft erlebt, dass die Orgel als Kulturgut wahrgenommen werde – und sich genug Sponsoren für die Reparatur oder den Bau der «Königin der Instrumente» finden.
Natürlich hat auch Böhler damals seinen Orgelbaumeister in Ludwigsburg gemacht. Den Absolventen macht er Mut: «Mit diesem Beruf kann man nicht reich werden, dafür ist er spannend und interessant.»

(epd)

Hintergrund

Seit 2017 sind Orgelbau und Orgelmusik Immaterielles Kulturerbe der Unesco. Die Orgel wurde vor mehr als 2000 Jahren im hellenistischen Ägypten erfunden und gelangte über Byzanz nach Europa, wo sie seit der Karolingischen Renaissance weiterentwickelt wurde. Seit dem Mittelalter werden Orgeln aus Europa, wo die meisten Instrumente gebaut werden, in viele Länder exportiert. Deutschland zählt dabei weltweit zu den wichtigsten Standorten für die Weiterentwicklung von Orgelbau und -musik. Rund 50 000 Instrumente werden hier bespielt, meist in Kirchen. Der Klang entsteht, indem durch unterschiedlich große Pfeifen aus Holz oder Metall ein Luftstrom geblasen wird. Dabei kann die Orgel die Töne anderer Instrumente nachahmen. Der Bau eines mittelgroßen Instruments dauert ein- bis anderthalb Jahre, das Aufstellen nochmals etwa zwei Monate. 

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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