Wenn Visionen fehlen
Tunesien: Stabile Lähmung

Eine Skulptur eines Gemüsekarrens erinnert im tunesischen Sidi Bouzid an das Ereignis, das 2010 die ganze arabische Region in Aufruhr versetzte.
  • Eine Skulptur eines Gemüsekarrens erinnert im tunesischen Sidi Bouzid an das Ereignis, das 2010 die ganze arabische Region in Aufruhr versetzte.
  • Foto: epd-bild/Sarah Mersch
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Auf dem Papier hat Tunesien viel erreicht – vor allem im Vergleich mit anderen Ländern der Region. Wie in mehreren Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens entstand in Tunesien vor zehn Jahren eine breite Protestbewegung. Aber statt danach im Bürgerkrieg zu versinken wie Libyen, Syrien oder Jemen, oder erneut autoritär regiert zu werden wie Ägypten, genießt der kleine Mittelmeerstaat relative Freiheit und Stabilität.

von Sarah Mersch

Warum konnte hier eine Transition gelingen, die in anderen Ländern der Region kläglich scheiterte? Einige hilfreiche Voraussetzungen erfüllte Tunesien zum Zeitpunkt des Umbruchs: Das Land ist klein und religiös, sprachlich und ethnisch deutlich homogener als andere arabische Länder. Auch Stammesdenken spielt eine geringere Rolle als zum Beispiel im Nachbarland Libyen. Außerdem ist das Bildungsniveau relativ hoch, die Zivilgesellschaft stark, das Militär hingegen schwach. Darüber hinaus verfügt Tunesien kaum über Bodenschätze, um deren Förderung sich Konflikte hätten entwickeln können.

Hinzu kommt, was in Tunesien gemeinhin als «Konsenskultur» beschrieben wird. So wurden in den Anfangsjahren nach dem Umbruch verschiedenste politische Kräfte in den demokratischen Prozess eingebunden. Mustapha Ben Jafaar, Präsident der Verfassungsversammlung und ehemaliger Oppositionspolitiker, wurde damals von ehemaligen Weggefährten scharf dafür kritisiert, dass er mit der muslimisch-konservativen Ennahdha-Partei zusammenarbeitete. «Wir waren nicht alle auf der gleichen Wellenlänge. Doch wenn wir nicht versucht hätten, uns an einen Tisch zu setzen und die Islamisten zu integrieren, hätten wir heute keine Verfassung», betont er hingegen.

Doch was als Strategie für die ersten Jahre des Übergangs gedacht war, lähmt heute das Land: ein möglichst wenig parteipolitisch geprägtes Kabinett, unterstützt von einer Reihe heterogener politischer Akteure, da das Parlament völlig zersplittert ist und stabile Koalitionen kaum möglich sind. Das Ergebnis ist Instabilität statt Reformen, während eine Regierungskrise die nächste jagt. In zehn Jahren hat Tunesien mit Hichem Mechichi derzeit bereits seinen neunten Regierungschef.

Eine politische Vision für Tunesien ist dabei nicht in Sicht. Auch Außenseiter Kais Saied, vor einem Jahr mit über 70 Prozent der Stimmen zum neuen Präsidenten gewählt, gelang es nicht, der jungen, wirtschaftlich gebeutelten Bevölkerung eine Perspektive aufzuzeigen, oder das Vertrauen in die Politik wiederherzustellen. Seit der Corona-Krise mehren sich die Proteste gegen die soziale und wirtschaftliche Misere, viele junge Tunesier sehen kaum Perspektiven. Tausende versuchen, nach Europa zu gelangen.

Dass die Krise sich bis heute nicht verschärft hat, sei auch ein Stück weit Glück und Unvermögen geschuldet, sagt der Politikwissenschaftler Hamza Meddeb. «Wir haben es nicht mit einem Machtgleichgewicht, sondern einem Gleichgewicht der Machtlosigkeit zu tun», erklärt er. «Keine politische Kraft ist heute stark genug, die Macht zu übernehmen.» Das habe das Land vor einem Rückfall in autoritäre Strukturen bewahrt.

Um einen Ausweg aus der Krise zu finden, hat der mächtige tunesische Gewerkschaftsbund Anfang Januar zu einem Dialog aufgerufen, bei dem sich alle wesentlichen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kräfte auf einen Maßnahmenkatalog einigen sollen, um die wichtigsten Reformen anzustoßen.

(epd)

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