Ökologisch, sozial, nachhaltig
Die Versprechen von Olympia

Foto: epd-bild/Olympics / Milano Cortina 2026

Seit Anfang Dezember tourt die Olympische Flamme durch Italien. Ziel ist das Mailänder Stadion San Siro. Hier werden am 6. Februar die Olympischen Winterspiele eröffnet. Die Veranstalter werben mit Nachhaltigkeit, Umweltverbände sind skeptisch.

Von Almut Siefert

Mailand (epd). Die Mailänder werden bereits seit Wochen auf ihrem Weg durch die Stadt mit großen Plakaten daran erinnert, was da auf sie zukommt. «Milano, arrivano i giocchi!» (Mailand, die Spiele sind im Anmarsch!) steht auf Plakaten und an den Absperrgittern so mancher Baustelle. Und spätestens auf dem zentralen Platz vor dem Mailänder Dom wird klar: Es geht bald los. Ein riesiger digitaler Countdown stimmt hier seit rund einem Jahr auf das Ereignis ein.

Am 6. Februar werden in Mailand die Olympischen Winterspiele 2026 eröffnet, die Wettbewerbe finden bis zum 5. März in und um Mailand und Cortina d Ampezzo in den Dolomiten statt. Die Veranstalter sparen nicht mit großen Worten: Es sollen die nachhaltigsten Spiele werden, die es je gab.

«Milano Cortina 2026 hat sich zum Ziel gesetzt, die natürliche Schönheit der Orte, an denen die Spiele stattfinden werden, zu schützen, zu pflegen und zu fördern», heißt es auf der Internetseite der Organisatoren. Ziel sei es auch, über die Förderung von Kultur, Geschlechtergerechtigkeit und der jungen Generation zu einem sozialen Wandel beizutragen. Nachhaltigkeit auf ganzer Linie - ökologisch, sozial, wirtschaftlich. So zumindest das Versprechen. Eingehalten wird es wohl nicht überall, monieren Kritiker.

Kritik an neuer Bobbahn in Cortina

Die sportlichen Wettkämpfe finden verteilt an mehreren Austragungsorten statt: Eissportarten wie Eishockey, Eiskunstlauf oder Eisschnelllauf in Mailand, Ski Alpin der Frauen in Cortina und der Herren in Bormio, Biathlon in Antholz, Skispringen und Nordische Kombination in Predazzo. Zur Abschlussfeier geht es in das berühmte Amphitheater von Verona.

Das Organisationskomitee betont in seinem Nachhaltigkeitsreport, dass 85 Prozent der Austragungsstätten bereits vorhanden gewesen seien. Organisationschef Giovanni Malagò verwies in einem Interview auf die «Olympische Agenda 2020+5» des Internationalen Olympischen
Komitees: «Die Spiele müssen sich demnach an das Gebiet anpassen und nicht umgekehrt.»

Aber ganz ohne Neubauten ging es eben nicht. Besonders umstritten ist die neu errichtete Bob- und Rodelbahn in Cortina d Ampezzo. Ursprünglich war geplant gewesen, bestehende Anlagen im Ausland zu nutzen. Am Ende entschied man sich aber vor allem auf Betreiben der italienischen Regierung doch für einen Neubau - in einem sensiblen alpinen Gebiet. Dafür mussten laut Umwelt- und Heimatpflegeverbänden die alte Bobbahn, ein Lärchenwald und ein Spielplatz weichen.

Strom aus Erneuerbaren

Im Nachhaltigkeitsreport der Spiele bekräftigen die Organisatoren, man werde 100 Prozent Strom aus zertifizierten erneuerbaren Energiequellen nutzen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Winterspiele werde auch daran gearbeitet, den Wasser-Fußabdruck detailliert zu berechnen. Lokale Unternehmen seien gezielt in Ausschreibungen eingebunden worden, zudem gebe es Programme an Schulen: «Wir fördern Bildung, körperliche Aktivität, Nachhaltigkeit und Gleichstellung der Geschlechter», sagte Malagò. 1,25 Millionen Schüler habe man über die Projekte bereits erreicht.

Laut Gloria Zavatta, der Direktorin für Nachhaltigkeit und Auswirkungen der Fondazione Milano Cortina 2026, werden 47 Prozent der teilnehmenden Athleten weiblich sein. «Dies wird die bisher ausgewogenste Ausgabe in Bezug auf die Beteiligung von Frauen sein», sagt sie. Und nicht nur das. «Ich wollte, dass die Frauenwettbewerbe an den wichtigsten Austragungsorten und zu den besten Sendezeiten stattfinden, denn sie verdienen denselben Platz und dieselbe Sichtbarkeit wie die Männer», betont Zavatta. Das zumindest ist ihr gelungen, beispielsweise werden die Eishockey-Partien der Frauen von der Vorrunde an zu gleichen Uhrzeiten ausgetragen wie an anderen Tagen die der Männer.

Umweltverbände sprechen von Greenwashing

Umweltverbände, Bürgerinitiativen und Wissenschaftler weisen aber darauf hin, dass das Nachhaltigkeitsversprechen in der Praxis immer wieder an Grenzen stoße. So sei die 100-Prozent-Regel für Strom aus erneuerbaren Energien vielleicht während der Spiele umsetzbar, aber nicht während der vielen Baumaßnahmen im Vorfeld.

«Die Olympischen Spiele sind Greenwashing», sagt Kaspar Schuler, bis Anfang des Jahres Direktor von CIPRA, einer nichtstaatlichen Dachorganisation zum Schutz der Alpen, und nun im Ruhestand. «Wenn sie einen extremen Zustrom von Besuchern innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums bewältigen wollen, sind sie gezwungen, die Infrastruktur auf ein Niveau zu bringen, das auf Jahrzehnte gesehen einmalig sein wird», sagt er. «Und das ist nicht nachhaltig.»

Zwar wurde der öffentliche Nahverkehr ausgebaut, doch viele Austragungsorte sind weiterhin nur schwer ohne Auto erreichbar. Und in Antholz zum Beispiel führt nur eine Straße zur dortigen Biathlon-Arena. Während der Austragungen sollen hier vorrangig die Shuttles fahren können. Damit sie das vom restlichen Verkehr möglichst unbehelligt tun können, wurde ein neuer Kreisverkehr konzipiert. Der Heimatpflegeverband bemängelte bereits vor dem Bau:
«Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten.»

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Online-Redaktion

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