Sommerinterview
Die Anwältin der Gemeinden

Bettina Schlauraff schätzt Ruheorte wie den Park des Zinzendorfhauses in Neudietendorf. Nach dem Abitur verbrachte sie ein Jahr in einem Frauenkloster in der Schweiz – eine prägende Glaubenserfahrung. | Foto: André Poppowitsch
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  • Bettina Schlauraff schätzt Ruheorte wie den Park des Zinzendorfhauses in Neudietendorf. Nach dem Abitur verbrachte sie ein Jahr in einem Frauenkloster in der Schweiz – eine prägende Glaubenserfahrung.
  • Foto: André Poppowitsch
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Regionalbischöfin Bettina Schlauraff war lange Zeit Pfarrerin in den einstigen Kirchenkreisen Naumburg-Zeitz und Meiningen. Warum sie diese Erfahrung nicht missen möchte und wo Kirche ihren befriedenden Rahmen noch besser nutzen sollte, um Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenzubringen, erklärt sie im Gespräch mit André Poppowitsch.

Wir treffen uns heute im Evangelischen Zentrum Neudietendorf. Welche Verbindung haben Sie zu diesem Ort?
Tatsächlich habe ich Neudietendorf als Ort erst in den letzten Jahren in meinem Amt kennengelernt, zum Beispiel beim Superintendentenkonvent, der gerade hier tagt. Für mich ist es einfach ein sehr, sehr schöner Ort in der Landeskirche.

Ländliche Regionen wie diese sind Ihnen nicht fremd. Sie waren lange Pfarrerin in den Regionen Naumburg und Meiningen. Welche Erfahrungen haben Sie mitgebracht ins Amt als Regionalbischöfin im Sprengel Magdeburg?
Das Land ist ja eigentlich unser Hauptarbeitsgebiet – neben den großen Städten wie Halle, Magdeburg, Erfurt oder anderen. Auf dem Land zu arbeiten, ist die beste Arbeit, die ich mir vorstellen konnte und kann.
Ich glaube, ich bringe viel Realismus mit, was den Arbeitsalltag betrifft. Ich habe ihn selbst über Jahre erlebt – ich weiß, wie es ist, mit einer großen Anzahl an Gemeinden zu arbeiten oder in einem säkularen, teils polarisierten Umfeld. Von Vorteil ist, dass ich die Strukturen auch von der anderen Seite kenne. Wie es ist, Mitarbeiterin zu sein und eine Leitungsperson im Kirchenkreis zu haben. Was braucht man in einem Leitungsamt? Wie weit ist Kirche weg?

Wie prägt das "Landpfarramt" Ihren Arbeits- und Leitungsstil?
Ich sehe mich als Anwältin der Kirchenkreise und Anliegen der Gemeinden, wenn ich zum Beispiel im Landeskirchenrat sitze. Ich versuche, viel vor Ort in den Kreisen der kirchlichen Mitarbeiter oder den Kreissynoden zu sein. Auch halte ich Gottesdienste im ländlichen Raum und nehme mir Zeit für Gespräche. Die Erkenntnisse daraus nehme ich dann mit in die kirchenleitenden Gremien.

Sie sind viel in der EKM unterwegs. Ihre Aktivitäten teilen Sie über die sozialen Medien. Welchen Stellenwert hat das Internet für Sie als Medium oder Mittel der Verkündigung?
Das ist gewachsen. Am Anfang war es für mich persönlich eine gute Möglichkeit, mich mit Kolleginnen und Kollegen zu vernetzen. Ich konnte mich mit anderen über Predigten unterhalten, Konfirmandenmaterial oder Gottesdienstentwürfe austauschen.
Nach und nach habe ich aber bemerkt, dass auch andere Menschen mich dort wahrnehmen. Ich bin als Pfarrerin in den sozialen Medien unterwegs, Privates kommt da nur am Rand vor. Es geht mir darum, christliche Ideen und Gedanken oder Texte, die ich schreibe, zu teilen oder über kirchliche Themen zu informieren. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen in den sozialen Medien Seelsorge suchen und mich ansprechen. Sie reagieren positiv auf Verkündigung. Sie leben ganz woanders in Deutschland, werden aber vielleicht gera-de von meinen Texten angesprochen. Ich glaube, dass daraus ein ganz großes Gemeindefeld geworden ist, das jetzt zur Kirche gehört.


"Die Kirche hat die Aufgabe, darüber zu reden, dass die Demokratie die Staatsform ist, die die Würde des Menschen am besten ermöglicht."

Ihr Mann ist auch Pfarrer, Sie haben fünf Kinder – folgen sie Ihnen auf Ihren Kanälen, oder geben sie Ihnen auch schon mal Tipps?
(lacht) Ja, die folgen mir auf meinen Kanälen. Sie geben schon manchmal einen Tipp. Meine Töchter und mein Sohn finden das eigentlich ganz cool, was ihre Mutter da macht.

Sie schreiben unter anderem für den Blog "Spiritus". Woher rührt Ihre Leidenschaft, mit Worten zu jonglieren?
Sie ist einer der Gründe, weshalb ich ins Pfarramt gegangen bin. Vor der Theologie stand das Schreiben – meine Grundleidenschaft. Ich habe schon als Kind Gedichte geschrieben, war beruflich vorher im Bereich Literaturwissenschaften, Regie, Theater unterwegs.
Ich kann meine Leidenschaft für Sprache beim Schreiben von Predigten und Gebeten einbringen. Der Spiritus-Blog ist ein Beispiel dafür. Ich finde es toll, neben all den Aufgaben als Regionalbischöfin und allen Sitzungen einfach mal schöne Texte schreiben zu können.

Bei einem besonderen Interesse an Sprache gäbe es viele Berufsoptionen. Was hat den Ausschlag für Sie gegeben, Theologie zu studieren und Pfarrerin zu werden?
Ich habe nach meinem Abitur ein Jahr in der Schweiz in einem evangelischen Frauenkloster verbracht. Das war für mich eine tiefe innere Erneuerung oder vielleicht sogar eine Erstbegegnung mit mei-nem Glauben. Über diese Erkenntnis möchte ich einfach erzählen – gerade, wenn man solch ein persönliches Berufungs- oder Glaubenserlebnis für sich hat, das einen auch im Dienst trägt.

Heute sind Sie als Regionalbischöfin unter anderem verantwortlich für das Thema queere Kirche – wie kam das Themengebiet auf Ihren Tisch?
Als ich in das Amt kam, habe ich mich umgeschaut, wo das Thema in unserer Kirche vertreten ist. Ich halte es – durch persönliche Betroffenheiten auf verschiedenen Ebenen – für ein wichtiges Thema. Viele Menschen sind in unserer Kirche auf der Suche, und wir haben als Kirche tatsächlich auch viel Leid verursacht durch unsere Art der Verkündigung. Natürlich wird das Thema in unserer Kirche sehr kontrovers angesehen.

Sie stehen queeren Menschen als Ansprechpartnerin in der EKM zur Verfügung. Welchen Stellenwert hat denn für Sie die LGBTQ-Community?
Ich würde sagen, sie hat keinen herausgehobenen Stellenwert. Es geht um Menschen, die in unserer Mitte leben. Sie sind Gemeindeglieder, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Familienangehörige.
Es geht nicht darum, über queere Menschen zu reden. Es geht darum, dass sie in gleicher Weise teilhaben können an unserer Kirche. Für viele war das bisher oft nicht möglich, weil sie Ausgrenzungserfahrungen gemacht haben.

Daneben sind Sie engagiert gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Welche Motivation treibt Sie hier an?
Ich erlebe es manchmal, dass Menschen sagen: Kirche soll nicht so politisch sein und nicht vom Politischen her argumentieren. Sie sagen aber ebenso, dass unser Glaube ganz viel aussagt über unser Zusammenleben. In den Seligpreisungen steht zum Beispiel schon der Aufruf, sich um Gerechtigkeit zu kümmern. Aber das solle man bitte vom Glauben her machen.
Ich verstehe diesen Unterschied gar nicht. Für mich persönlich ist das, was ich in der Bibel lese, ein hundertprozentiger Auftrag, für Gerechtigkeit und Frieden unterwegs zu sein. Extremistische, rassistische und diskriminierende Ansichten jeglicher Art widersprechen dem, was ich von Jesus verstanden habe. Und dann kann ich dazu nicht schweigen.

Wie politisch darf Kirche denn sein?
Die Frage stellt sich natürlich jetzt ganz akut. Ich finde, dass man das immer über Themen diskutieren sollte. Migration ist zum Beispiel ein Thema, das uns als Kirche angeht. In der Bibel steht eine ganze Menge darüber, wie wir mit Fremden umgehen sollen. Jesus sagt ja nicht: Kümmere dich, sei für deinen Nächsten da – außer für die, die aus diesem oder jenem Land kommen. Ich finde, wir müssen da konkret werden, wo Menschen angegriffen werden.
Das Thema Stadt-Land ist für mich auch sehr wichtig. Bei vielem, was zurzeit passiert, sind die Menschen auf dem Land nicht im Blick. Und beim Thema Arm versus Reich haben wir den klaren Auftrag, uns für Menschen einzusetzen. Für mich bedeutet das, dass wir ein Statement geben müssen, wenn eine Partei existiert, die ganz klar diskriminierende Positionen bezieht oder eine Politik führen möchte, die die Rechte von Menschen einschränkt.

Die Prognosen für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sehen die AfD als stärkste Kraft. Welche Aufgabe sehen Sie hier für die Kirchen, dem zu begegnen?
Unsere erste Aufgabe ist, sich auf das zu konzentrieren, was wir gern erreichen möchten. Ich merke, dass ganz viele schon davon ausgehen, dass diese Wahl gewonnen ist. Ich finde, das ist ja noch gar nicht der Fall.
Die Kirche hat die Aufgabe, darüber zu reden, dass die Demokratie die Staatsform ist, die die Würde des Menschen am besten ermöglicht. Deswegen ist es für Christen eine klare Aufgabe, für diese Demokratie zu streiten.
Die andere ist, Menschen zu erreichen, die sich abgehängt fühlen. Warum möchten sie eine extremistische Partei wählen? Was bringt sie dazu? Es geht mir darum, die Menschen ehrlich zu verstehen und zu fragen: Was sind denn eure Probleme, die euch dazu bringen, und welche Alternativen gibt es?

Sie sind Mitherausgeberin des Buches „Kirche gegen den Hass“. Welche Funktion können Gemeinden übernehmen, um Hass und Hetze in der Gesellschaft entgegenzuwirken?
Wir haben das Buch extra so geschrieben, dass es für viele gut lesbar und nicht kompliziert ist. Zunächst gibt es die Möglichkeit, sich zu informieren und Begriffe zu klären.
Und wir haben Beispiele gesammelt: Es war interessant, dass viele Gemeinden oder Kirchenkreise, die sich für Demokratie und für ein gutes Miteinander einsetzen, Dialogformate nutzen. Formate, bei denen Menschen zusammenkommen und sich an einen Tisch setzen. Das kann ich den Gemeinden empfehlen.
Ich sehe die Aufgabe für Gemeinden, Menschen anzusprechen und miteinander ins Gespräch zu bringen. Die Kirchen bieten einen befriedenden Rahmen. Die Erfahrung zeigt: Ein Streitgespräch in einem Kirchengebäude führt oft dazu, dass Menschen sich besser zuhören und weniger aggressiv reagieren.

Schlauraff, Bettina, und Lorberg-Fehring, Sönke (Hg.): Kirche gegen den Hass. Neukirchener Verlags-gesellschaft, 223 Seiten, 24 Euro, ISBN 9783761571033

Unsere Seite 1 – Gegensätze ziehen sich an
Es reicht, neugierig zu sein
Ramelow und Lieberknecht im Video-Podcast

Bettina Schlauraff schätzt Ruheorte wie den Park des Zinzendorfhauses in Neudietendorf. Nach dem Abitur verbrachte sie ein Jahr in einem Frauenkloster in der Schweiz – eine prägende Glaubenserfahrung. | Foto: André Poppowitsch
Ideen für Gemeinden: Das von Bettina Schlauraff herausgegebene Buch | Foto: neukirchener-verlage.de
Autor:

André Poppowitsch

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