Kantate
Wellness auf der Burg
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Musik kann trösten und bestärken. Das wusste schon Martin Luther und schätzte die Kraft des Singens im Kampf gegen den Teufel. Können Lieder helfen gegen die diabolischen Anfechtungen dieser Zeit?
Von Sarah Herzer
Seit Jahrhunderten wird der Gesang als Mittel des Trostes, des Bekenntnisses, der Lehre, aber auch zum Zweck des Widerstands und des Kampfes gegen das Böse genutzt. In vielen Gesangbuchliedern kommen Beschreibungen für dieses „Böse“ vor, auch die Begriffe Teufel oder Satan fallen. So auch im Lied „Jesu, meine Freude“ (EG 396). Der Textdichter Johann Franck stellt Gut und Böse, Jesus und Satan mit ausdrucksstarken Bildern und klangvollen Worten singend einander gegenüber. Der Sieger steht fest: Jesus ist der Freudenmeister, unabhängig von den Umständen – „ob ich viel muss leiden, (soll mich) nicht(s) von Jesus scheiden“. Triumphierend und trotzig; ein Trostlied.
Bemerkenswert ist der Zusammenhang von Singen und Gemütszustand, den das Lied "Jesu, meine Freude" beschreibt: „Tobe, Welt, und springe; ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh“, heißt es in der dritten Strophe. Das Singen bringt Ruhe und lässt „Erd und Abgrund verstummen, ob sie noch so brummen.“ Singen dient der Wiederherstellung einer kosmischen Harmonie, bringt Mensch und Natur in Einklang.
Ja, Singen hat Kraft – auch den Teufel zu besiegen. Wie aber mit dieser Kraft umgehen? Gezielt einsetzen, um ein sicheres, frommes Leben zu führen – als Schutzschirm und Festung? Oder doch sorgfältig, um nicht gar den Teufel singend herbeizuholen? Der Kirchenlehrer Johannes Chrysostomus schrieb im 4. Jahrhundert von der Notwendigkeit, singend „vor und nach Tisch die von den Psalmen herrührende Sicherheit wie eine Festung gegen ihn (den Teufel) aufzubauen“.
Auch Martin Luther schätzt die Kraft des Singens im Kampf gegen den Teufel. Als fröhliches Gegenmittel beschreibt er es in seinem Gedicht „Frau Musika“: „Vor allen Freuden auf Erden kann niemand keine feiner werden. Denn die ich geb mit meinem Singen und mit manchem süßen Klingen … Dem Teufel sie sein Werk zerstört.“
Auch Martin Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ benennt einige „Teufel“. Es spricht von dem „Alt bösen Feind“, von „groß Macht und viel List“ und sinniert „und wenn die Welt voll Teufel wär“. Das Gegengewicht dazu bildet die "feste Burg", die wir singend aufbauen. Zu oft wurde das Lied in der Geschichte missbraucht, als Kampflied und Propaganda. Tatsächlich aber geht es darum, dass wir uns nicht fürchten. Es ist kein protestantisches Kampflied, sondern ein Trostlied, das Mut machen will im Glauben.
Die Teufel dieser Welt sind vielfältig: Selbstzweifel, Zwänge, falsche Ideale. Vor einigen Wochen habe ich mit meinen Kindern die Casting-Show „Dein Song“ auf dem Kinderkanal verfolgt. Ein Titel hat mich beeindruckt. In „Nicht gut genug“ erzählt die 14-jährige Nadja von der Perfektion, die nur eine Illusion ist. Sie singt gegen übertriebene und unerreichbare Schönheitsideale. Sie erhebt ihre Stimme, singen verleiht ihr Stärke.
Auch der friedliche Protest lebt von der mutmachenden Kraft des Gesangs. „We shall overcome“ ist ein Beispiel. Die "Hymne" der US-Bürgerrechtsbewegung wurde jüngst von einigen Demokraten im US-House of Representatives angestimmt, als ihr Kollege Al Green wegen störenden Verhaltens bei der Ansprache Donald Trumps vor dem Kongress eine Abmahnung erhielt.
Zurück zu "Jesu, meine Freude". Dort heißt es: "Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei. Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern, mir steht Jesus bei." Nein, das zu singen, folgt keinem Wellness-Trend. Es ist viel mehr!
Die Autorin ist Dozentin am Ev. Predigerseminar und Kirchenmusikerin an der Wittenberger Schlosskirche.
Autor:Online-Redaktion |
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