Erfahrung aus Chile
Konfirmationen im Ausnahmezustand

Pfarrerin Nicole Oehler vergangenen Sonntag beim Gottesdienst in der evangelisch-lutherischen Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile
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  • Pfarrerin Nicole Oehler vergangenen Sonntag beim Gottesdienst in der evangelisch-lutherischen Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile
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In der chilenischen Hauptstadt treffen sich die Christen derzeit unter ungewöhnlichen Umständen.

Von Johannes Merkel

Zu den Besonderheiten in einer Auslandsgemeinde im Allgemeinen und zu den Besonderheiten im chilenischen Alltag im Speziellen gehört, dass man lernen muss, äußerst flexibel zu sein. Meist klärt sich zum Beispiel erst auf den wirklich allerletzten Drücker, ob und wie ein Weihnachtsbaum am Heiligen Abend in die Kirche kommt, wer am Sonntag im Gottesdienst Musik macht oder nächste Woche an der Kinderfreizeit unserer Versöhnungsgemeinde teilnehmen wird. Und manchmal muss man auch die Konfirmation eines Geschwisterpaares vorziehen wie wir es am letzten Samstag gemacht haben.

Es war ein sehr schönes Fest – so, wie man sich das auch in einer Gemeinde in Deutschland vorstellen kann. Mit besonders schick gekleideten Jugendlichen, der einen oder anderen Rührungs-Träne bei den Erwachsenen, tollen Blumen, guter Musik und einer ansprechenden Predigt. Wirklich fein. Das Überraschende Moment brach diesmal von Außen herein. Schon am Morgen lief die Frage durch die Whatsapp-Gruppe der Eltern: Kann die Konfirmation überhaupt stattfinden? Sebastián Piñera, der chilenische Präsident, hatte gerade den Ausnahmezustand über die Hauptstadt Santiago verhängt.

Zu den friedlichen Protesten gegen die Fahrpreiserhöhung der Metro waren in der Nacht Vandalismus und Plünderungen gekommen. Haltestellen, Busse und Supermärkte gingen in Flammen auf. Es scheint im Land kaum zwei Meinungen darüber zu geben, dass die eigentlich kleine Tarifänderung nur ein Anlass war, der das berühmte Fass zum Überlaufen brachte: Zorn und Verzweiflung über die Lebensbedingungen, die bis weit in die Mittelschicht reichen, entluden sich in Demonstrationen, Sitzstreiks und einem landestypischen Protestsignal, dem Schlagen auf Töpfe. Und den allgemeinen Aufruhr nutzten andere, um mit Gewalt politische Ziele oder Raubzüge voran zu bringen.

Wir haben uns wie geplant in der Kirche unter Gottes Wort versammelt, den Jugendlichen Gottes Segen mitgegeben und bewegende Worte der Eltern gehört. Auf dem sich anschließenden Fest war fast die gesamte Konfi-Gruppe da, es gab leckeres Essen und eine spotify-playlist für die Feier bis in die Nacht war vorbereitet.

Doch daraus wurde nichts. In der angeheizten Stimmung war der Blick aufs Smartphone eine verbreitete Geste und dort lief plötzlich die Meldung „Ausgangssperre ab 22 Uhr“ über die Bildschirme. Die Konfirmationsfeier war dann recht schnell und ziemlich brüsk zu Ende. Auf dem Weg nach Hause sahen wir brennende Barrikaden auf den Straßen und später war die Stille fast gespenstisch, nur vom Töpfeschlagen und von den Rotoren der Militärhubschrauber unterbrochen.

Am Sonntag kamen überraschend viele Menschen zum Gottesdienst – trotz oder vielleicht eher gerade wegen der besonderen Situation. Das offene Fürbittengebet war beeindruckend und tat Vielen gut. Ein Gemeindemitglied meinte, dass sie selbst überrascht war, wie viele Bilder aus der Zeit der Diktatur unter Augusto Pinochet bei dem Wort „toque de queda“ (Ausgangssperre) in ihr wieder aufstiegen und wie ihr ganzer Körper reagierte. Dass Soldaten auf Chiles Straßen patrouillierten war für viele schon schlimm genug, aber jetzt auch noch das!

Mittlerweile ist es Donnerstag. In Santiago kommt der Alltag immer mehr in Gang. Immer mehr Geschäfte öffnen wieder und es gibt keine langen Schlangen mehr an den Tankstellen. Trotz Ausgangssperre und Ausnahmezustand kam es leider zu weiteren Plünderungen, zu Toten und Verwundeten, auch durch staatliche Gewalt.

Präsident Sebastián Piñera hat am Dienstagabend (viele sagen: endlich) eine Reihe von Maßnahmen angekündigt und erstmals zwischen legitimem Protest und gewalttätigen Randalierern unterschieden. Die Proteste haben sich mittlerweile aufs ganze Land und auf fast alle soziale Schichten ausgeweitet. Zum Glück sind sie in großer Überzahl friedlich. Auch die Mitglieder unserer Versöhnungsgemeinde haben wir aufgerufen, mit den Franz von Asisi zugeschriebenen Worten zu beten: „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe, wo man hasst; dass ich verzeihe, wo man beleidigt; dass ich verbinde, wo Streit ist; ...“

Wie die Probleme der krassen Ungleichverteilung im Land und der größtenteils privatisierten und somit auf Gewinnmaximierung getrimmten Angebote in den Bereichen Bildung, Rente und Gesundheit jedoch angegangen werden sollen, weiß niemand so recht.

Ja, und am Sonntag wollen wir wieder Konfirmation feiern! Mit der zweiten Gruppe, mit eigens dafür zusammengestellter Band, aufgeregten Jugendlichen und glücklichen Eltern. Die Zeit bis dahin und den weiteren Weg der Konfis legen wir in Gottes Hand. Dass man mit allem rechnen und flexibel sein muss, wissen wir. So wird auch die Predigt erst in der letzten Nacht geschrieben werden können. Das wird dieses Mal eine besondere Herausforderung, denn beides wird im Gottesdienst sehr präsent sein: das bisherige und zukünftige Leben unserer Konfis, aber auch die aktuelle Situation im Land. Mögen in beiden viele gute, unerwartet schöne und friedliebende Überraschungen auftauchen!

Johannes Merkel betreut gemeinsam mit seiner Frau, Nicole Oehler, seit 2014 die evangelisch-lutherische Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile.

Pfarrerin Nicole Oehler vergangenen Sonntag beim Gottesdienst in der evangelisch-lutherischen Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile
Pfarrerin Nicole Oehler segnet einen der Konfirmanden.
Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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