Lesermeinung
„Herz statt Hetze“ Wem gilt der EKM-Slogan?
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„Herz statt Hetze“: Gilt das eigentlich für alle?
Ein Kommentar von Pfarrer Christoph Knoll
Ich blättere durch die Oktober-Ausgabe von EKM intern, dem Magazin für Haupt- und Ehrenamtliche in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Viele Gesichter sind dort zu sehen. Sehr viele. Klein nebeneinander: Menschen, die sich engagieren, die sich einmischen, die Verantwortung übernehmen. Darüber oder an anderer Stelle lese ich immer wieder diesen Satz: „Herz statt Hetze.“ Wenig später folgt der Dank für das gesellschaftliche Engagement im Zusammenhang mit den Wahlen. Ich bleibe an diesem Satz hängen. Nicht, weil ich etwas gegen ihn hätte. Im Gegenteil: „Herz statt Hetze“ ist eigentlich ein großartiges Motto. Wer könnte etwas gegen Herz haben? Wer könnte etwas gegen weniger Hetze haben? Aber gerade deshalb kommt mir eine Frage: Gilt „Herz statt Hetze“ eigentlich für alle?
Nun könnte man mir entgegenhalten: Dieses Motto ist doch gar nicht an alle gerichtet. Es ist eine klare Ansage gegen rechtspopulistische und rechtsextreme Positionen, insbesondere gegen die AfD. Und genau das sagt die EKM auch selbst. Sie begründet ihre Haltung mit der Unvereinbarkeit rechtsextremistischer und rechtspopulistischer Positionen mit christlichen Werten und wirbt unter dem Motto „Herz statt Hetze“ für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Das kann man so vertreten. Eine Kirche darf politisch klar sein. Sie darf sagen, was sie für mit dem christlichen Glauben unvereinbar hält. Sie darf vor politischen Entwicklungen warnen. Und sie darf sich gegen Menschenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und Gewalt stellen. Mein Einwand richtet sich deshalb gar nicht zuerst gegen die politische Aussage des Mottos. Mein Einwand richtet sich gegen die Frage, was aus einem solchen Motto in der politischen Wirklichkeit wird. Wenn eine Kirche „Herz statt Hetze“ sagt, dann kann sie doch nicht nur fragen, ob die anderen ihr Herz verlieren. Sie muss sich irgendwann auch selbst fragen lassen: Wie gehen wir eigentlich mit den Menschen um, deren politische Überzeugungen wir ablehnen?
Gilt das Herz auch für den Menschen, der AfD wählt? Gilt es für den, der auf einer Demonstration eine AfD-Fahne trägt? Gilt es für denjenigen, der sagt: „Ich halte die Politik der Grünen, der Linken, der SPD, der CDU oder des BSW für falsch“? Gilt es für den konservativen Christen, der mit manchen kirchlichen Positionen nichts anfangen kann? Oder gilt „Herz statt Hetze“ am Ende vor allem für diejenigen, die ohnehin auf unserer politischen Seite stehen? Genau da wird es doch interessant.
Unsere politische Debatte ist rauer geworden. Auf Demonstrationen, im Internet, auf Plakaten und an Hauswänden begegnen uns längst nicht mehr nur Argumente. Da wird beschimpft, verspottet und pauschal verurteilt. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass wir dabei mit zweierlei Maß messen.
Am 3. Juli, am Vorabend des AfD-Bundesparteitags in Erfurt, formten Leuchtdrohnen am Nachthimmel den Schriftzug „FCK AFD“. Die Aktion war Teil der Proteste gegen den bevorstehenden Parteitag. „FCK AFD“ ist keine sachliche politische Kritik. Es ist eine vulgäre Abwertung: „Fuck AfD“, sinngemäß „Scheiß auf die AfD“. Nun kann man natürlich sagen: Das ist Protest. Das richtet sich gegen eine Partei, gegen ihre politischen Positionen, gegen das, was man mit dieser Partei verbindet. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch: Natürlich trägt die EKM dieses Kürzel nicht auf ihren Fahnen! Sie ruft nicht zu „FCK AfD“ auf. Und natürlich ist eine solche Parole nicht dasselbe wie körperliche Gewalt. Nicht jede grobe politische Parole ist automatisch eine Straftat oder im juristischen Sinne „Hetze“. Darum geht es mir gar nicht.
Mir geht es um die Frage: Welche politische Kultur wollen wir eigentlich? Und vor allem: Was macht eine solche Sprache mit unserem eigenen Herzen und dem Herzen Anderer?
Wenn eine Kirche „Herz statt Hetze“ fordert, wie bewertet sie dann eine solche Sprache? Würde sie dieselbe sprachliche Schärfe ebenso selbstverständlich akzeptieren, wenn auf einem Plakat stünde: „FCK Grüne“, „FCK Linke“, „FCK SPD“, „FCK BSW“ oder „FCK CDU“? Ich weiß nicht, ob die Reaktionen überall dieselben wären. Aber genau diese Frage finde ich interessant.
Natürlich darf man eine Partei scharf kritisieren. Natürlich darf man politische Positionen ablehnen. Natürlich darf man demonstrieren und laut sagen: Das will ich nicht. Das gehört zur Demokratie. Aber zwischen klarer politischer Auseinandersetzung und Verachtung des politischen Gegners gibt es einen Unterschied. Genau deshalb finde ich das Motto „Herz statt Hetze“ so anspruchsvoll. Eine Kirche darf nicht nur auf die Hetze der anderen zeigen. Das wäre moralische Selbstüberhöhung: Wir erklären uns selbst zur guten Seite und die anderen zur schlechten. Dann wird aus „Herz statt Hetze“ schnell: Herz für die Richtigen und Verachtung für die Falschen.
Könnte es nicht auch sein, dass Menschen, die politisch anders denken als der kirchliche Mainstream, sich selbst als Ziel von Verachtung oder Ausgrenzung erleben und zwar als Christenmensch durch Christenmenschen?
Sicherlich gibt es Christen, die eine andere politische Auffassung haben und sich fragen: Wo bleibt eigentlich das „Herz“, wenn ich mich zu meiner politischen Überzeugung bekenne? Wo bleibt die Nächstenliebe, wenn ich dafür nicht nur von politischen Gegnern, sondern auch von Menschen aus der eigenen Kirche moralisch abgestempelt werde? Vielleicht fühlen sich manche deshalb nicht mehr gesehen, nicht mehr willkommen oder nicht mehr zugehörig. Das muss nicht bedeuten, dass jede solche Wahrnehmung automatisch richtig ist. Aber eine Kirche sollte sie hören wollen.
„Herz statt Hetze“ darf doch nicht bedeuten: Wir wissen, wer die Guten und wer die Hetzer sind. Vielleicht beginnt christliche Glaubwürdigkeit genau dort, wo wir bereit sind, auch dem anderen zuzuhören, der sagt: „Ich fühle mich von euch nicht mitgenommen. Ich fühle mich von euch verurteilt.“ Dann muss ich seine politische Meinung noch lange nicht teilen. Aber ich sollte mich fragen, was mein Verhalten mit meinem Gegenüber macht.
Auch das gehört für mich zu „Herz statt Hetze“: nicht nur darauf zu achten, ob ich selbst jemanden für einen Hetzer halte, sondern auch wahrzunehmen, ob mein eigenes Verhalten bei einem anderen Menschen als Verachtung oder Ausgrenzung ankommt. Eine Kirche muss sich deshalb auch selbst fragen lassen, wie sie mit denen umgeht, die sie für falsch hält.
Vielleicht hilft dabei die Frage, wie Jesus, der Christus, mit seinen Gegnern umgegangen ist. Kirche muss und darf nicht neutral sein gegenüber Menschenwürde, Gewalt, Rassismus oder Antisemitismus. Sie darf widersprechen. Sie soll widersprechen. Und manchmal muss sie widersprechen. Aber wenn sie Kirche Jesu Christi sein und bleiben will, sollte sie aufpassen, dass aus dem notwendigen Widerspruch gegen eine politische Position nicht die Verachtung der Menschen wird, die diese Position vertreten oder wählen. Das ist ein großer Unterschied.
Ich selber versuche deshalb, diesen Unterschied zu machen: Ich kann sagen: „Ich halte diese politische Position für falsch. Ich halte sie vielleicht sogar für gefährlich.“ Ich kann sie öffentlich kritisieren. Ich kann gegen sie demonstrieren. Ich kann versuchen, andere von meiner Sicht zu überzeugen. Aber ich muss deshalb nicht sagen: „Wer diese Partei wählt, ist ein schlechter Mensch.“ Und schon gar nicht muss ich jeden, der anders denkt, pauschal zum Nazi oder Faschisten erklären.
Umgekehrt gilt das genauso: Wer Grüne, Linke, SPD, BSW oder CDU für falsch hält, darf deren Positionen hart kritisieren, ohne die Menschen dahinter pauschal zu beschimpfen oder zu verachten. Es muss doch möglich sein, eine politische Überzeugung abzulehnen, ohne den Menschen dahinter aufzugeben. Nun könnte man einwenden: „FCK AfD“ und „Herz statt Hetze“ richten sich doch gar nicht gegen einzelne Menschen. Es geht um eine Partei, um ihre Politik, um ihr Wahlprogramm. Aber lässt sich das wirklich so einfach trennen? Ein Wahlprogramm schreibt sich nicht selbst. Es wird von Menschen formuliert, vertreten und verantwortet. Und eine Partei besteht schließlich aus Menschen, aus Mitgliedern, Unterstützern und Wählerinnen und Wählern. Deshalb bleibt für mich die Frage: Was genau meinen wir eigentlich, wenn wir sagen: „Scheiß auf diese Partei“? Wo endet die politische Kritik und wo beginnt die Verachtung der Menschen, die dahinterstehen? Das ist für mich der entscheidende Punkt.
Der christliche Maßstab kann doch nicht lauten: Mit den „Guten“ reden wir freundlich. Mit den „Bösen“ dürfen wir hart und verächtlich sein. So verstehe ich zumindest das Evangelium nicht.
Jesus konnte Menschen sehr deutlich widersprechen. Er konnte anklagen und provozieren. Aber er hat Menschen nicht auf ihre Fehler, ihre Herkunft, ihre Schuld oder ihre Haltung reduziert. Und deshalb frage ich mich manchmal, ob unser kirchlicher Ton auch in öffentlichen Verlautbarungen und Veröffentlichungen diesem Anspruch immer entspricht.
Wenn wir „Herz statt Hetze“ auf ein großes Banner schreiben, dann darf das kein politischer Werbeslogan sein, mit dem wir zeigen: Wir sind die Guten und die anderen sind die Hetzer. Dann muss dieses Banner auch uns selbst treffen. Herz statt Hetze – auch gegenüber Menschen, deren politische Überzeugungen wir für falsch halten. Das bedeutet nicht, dass ich zustimmen muss. Es bedeutet: Ich kann dir widersprechen, ohne dich zu verachten.
Das ist die schwierigere Übung.
Deshalb würde ich mir von Kirche nicht weniger politische Klarheit wünschen, sondern mehr Glaubwürdigkeit. Wer „Herz statt Hetze“ sagt, übernimmt damit auch eine Verpflichtung für die eigene Sprache. Nicht nur für die Sprache der anderen.
Ich persönlich favorisiere deshalb einen anderen Satz. Und der steht tatsächlich in der Bibel. Dieser Satz ist stärker als jedes politische Banner: „Selig sind, die Frieden stiften.“ Das sagt Jesus in der Bergpredigt. Dieser Satz bedeutet, widersprechen zu können, ohne den anderen zum Feind zu machen. Für etwas einzustehen, ohne Menschen niederzumachen. Und vielleicht bedeutet es manchmal sogar, demjenigen ein Stück Menschlichkeit zu lassen, dessen politische Überzeugungen Sie und ich überhaupt nicht teilen. Ich bin froh, dass die EKM neben anderen Materialien aus der Kampagnenkiste auch die Fahne „Selig sind die Frieden stiften“ anbietet.
Darum bleibe ich beim Blättern durch EKM intern an diesem kleinen Satz hängen: Herz statt Hetze. Ja. Aber dann muss die Frage erlaubt sein: Bin ich bereit, meinen eigenen Maßstab auch auf mich selbst anzuwenden? Genau dort beginnt für mich christliche Glaubwürdigkeit.
Da bin auch ich noch Schüler und Lernender.
Pfarrer Christoph Knoll, Ev. Thomasgemeinde Erfurt
Autor:Online-Redaktion |

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