Kirche und AfD
Klare Namensnennung oder Allgemeinplätze

Foto: epd-bild/Christian Ditsch

Es sind Töne, die man in dieser Schärfe bislang nur selten gehört hat: Vor der im September stattfindenden Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern hat der Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der evangelischen Nordkirche, Tilman Jeremias, die Christen im Land aufgefordert, sich für gelebte Demokratie einzusetzen. In einem Bischofswort, das am Freitag von der Nordkirche veröffentlicht wurde, wandte er sich zugleich scharf gegen die "Alternative für Deutschland" (AfD).

Von Benjamin Lassiwe 

Jeremias bezog sich dabei auf die Bibel und die Aussage des Alten Testaments, dass die Menschen nach dem Bild Gottes geschaffen seien. Dies schreibe jedem Menschen "einen unvergleichlichen Wert zu - unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung oder körperlicher Verfassung." Diese Überzeugung bleibe für Christinnen und Christen "der zentrale Maßstab politischen Handelns."

Im aktuellen Landtagswahlkampf nehme die Kirche aber mit Sorge wahr, wie Ängste geschürt würden und Hass gegen Minderheiten verbreitet werde. "Ideologien, die Menschen aufgrund ihrer Abstammung, Kultur oder Religion als ungleichwertig betrachten, stehen in direktem Widerspruch zur Lehre von der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen."

Die Positionen der AfD und anderer rechtsextremer Organisationen, welche die gleiche Würde aller Menschen bestreiten, seien mit christlichen Werten und mit der Verfassung unserer Kirche nicht vereinbar. "Wir können nicht schweigen, wenn die Gleichwertigkeit aller Menschen bestritten wird", so Jeremias. "Wir können nicht zusehen, wenn antisemitisches und rassistisches Gedankengut verbreitet wird."

Dass die AfD demokratisch gewählt werden könne, mache sie nicht zu einer demokratischen Partei. "Ihre Programme verfolgen eine national-völkische Ausrichtung, die den Boden der Demokratie verlässt", so der Bischof. Wer AfD-Wählerinnen und -Wähler ernst nehme, müsse menschenverachtende Ideologien klar benennen. "Schweigen könnte ansonsten als Zustimmung oder Akzeptanz gedeutet werden."

Allerdings, so Jeremias weiter, gebühre auch allen Menschen Würde, deren Meinungen man nicht teile. "Ausgrenzung darf nicht unser Weg sein", betonte der Bischof. "Unsere Gemeinden können Orte sein, an denen Verunsicherung und das Gefühl des Nicht-Gehört-Werdens Raum finden - in der Hoffnung, dass Begegnung Veränderung ermöglicht."

Die Grenze liege aber dort, wo die Würde eines anderen Menschen bestritten oder herabgesetzt werde. Die Kirche benenne, was menschenverachtend und antidemokratisch sei, ohne Menschen zu verurteilen. "Wir nutzen die Nähe zu Menschen in Kitas, Schulen, Pflegeeinrichtungen, Seelsorge und Jugendarbeit - überall dort können wir für Zusammenhalt und Nächstenliebe eintreten."

Damit bezog Jeremias eindeutig Stellung gegen eine Wahl der AfD. Trotz einer 2024 veröffentlichten klaren Stellungnahme der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, in der sich diese zu einer Unvereinbarkeit von völkischem Nationalismus und christlichem Glauben eindeutig positioniert hatte, und trotz diverser evangelischer Synodenbeschlüsse der vergangenen Jahre ist eine solche Positionierung während eines Landtagswahlkampfs nach wie vor außergewöhnlich. Das zeigt sich etwa im Vergleich zu einem Wahlaufruf, den die vier Kirchen in Baden-Württemberg eine Woche vor der Landtagswahl am 8. März veröffentlicht haben.

In einem gemeinsamen Appell riefen zwar Landesbischöfin Heike Springhart (Baden), Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl (Württemberg) sowie die katholischen Bischöfe Klaus Krämer (Rottenburg-Stuttgart) und Stephan Burger (Freiburg) ebenfalls zur Wahl demokratischer Parteien auf. Auch betonten sie, es komme auf jede Stimme an, denn "gezielt versuchen extremistische und demokratiefeindliche Kräfte unsere demokratische Grundordnung und den Rechtsstaat zu schwächen". Doch die AfD wird im Südwesten nicht beim Namen genannt.

Stattdessen bitten die Kirchenleitungen nur darum, bei der Wahlentscheidung "für den Schutz der Menschenwürde, einen solidarischen Zusammenhalt, einen verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung und den Schutz unserer demokratischen Grundordnung als gutes Fundament für ein friedliches Zusammenleben" einzutreten.

Auch das Ökumenische "Wort zur Wahl", das die christlichen Kirchen in Hessen anlässlich der Kommunalwahlen am 15. März veröffentlicht haben, bleibt im Allgemeinen. "Gehen Sie wählen! Stärken Sie mit Ihrer Stimme die Demokratie!", heißt es darin. Wahlen seien keine Selbstverständlichkeit, sondern ein kostbares Gut, das geschützt und aktiv genutzt werden müsse - so die beteiligten Kirchen: die Bistümer Limburg, Mainz und Fulda sowie die Landeskirchen Hessen und Nassau, Kurhessen-Waldeck, die mit einem Kirchenkreis rund um Wetzlar ebenfalls in Hessen vertretene Evangelische Kirche im Rheinland und die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Hessen-Rheinhessen.

"Die Herausforderungen in unserem Land sind groß und vielfältig: Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturwandel in Stadt und Land, mehr Chancengerechtigkeit in Kitas, Schulen, Ausbildung und Studium; soziale Sicherheit und Teilhabe für alle Menschen - für Geringverdienende, für ältere Menschen, Kranke und Menschen mit Behinderung", heißt es in dem "Wort zur Wahl". Dazu komme die Bewältigung der Folgen des menschengemachten Klimawandels. "Für all das gibt es keine einfachen Lösungen."

Wählerinnen und Wähler sollten prüfen, "ob Programme von Parteien und öffentliche Äußerungen von Kandidierenden die Würde jedes Menschen achten, den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und ein friedliches sowie gerechtes Miteinander fördern." Doch das sind Formulierungen, wie sie seit Jahr und Tag in den Wahlaufrufen beider großer Kirchen zu hören sind. Man darf daher gespannt sein, wie deutlich die Aufrufe der Kirchen in Sachsen-Anhalt vor den dortigen Landtagswahlen werden.

kna

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