IM GEISTE ...
... AUF DEM BERG
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Im letzten Buch der Bibel sieht Johannes eine Stadt. Nicht irgendeine Stadt, sondern die neue Stadt Gottes. Das himmlische Jerusalem. Und er schreibt einen merkwürdigen Satz. Er sagt nicht: Ich habe sie entdeckt. Er schreibt nicht: Ich habe sie berechnet oder erfunden. Sondern: „Er führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem.“ (Apoc 21,10)
Nicht, dass das Sonneberg war? Oder Sonneberg heute zumindest gemeint ist? Die Spielzeugstadt des Geistes? Denn in nichts anderem ist der Geist so zu Hause, wie in den Dingen, mit denen wir spielen. Die Kirche spielt seit Anbeginn mit großen Gedanken – und hat bis jetzt noch immer nicht verloren. Sie spielt nicht Monopoly – wenn auch das Spielbrett dieses manchEsterkapitalistischen Spiels denselben Grundriss hat, wie die Heilige Stadt Jerusalem, von der der auf der Insel fabulierende Johannes in seiner apokalyptischen Offenbarung uns ein großartiges Bild liefert. Erst gibt es ja eine Menge Stress und furchtbare Bilder, die apokalyptischen Reiter brausen auf ihren vier Schickalsmotorrädern durch die Gassen der Welt – aber dann löst sich alles, die Bösen verlieren und die Guten kommen zum Zuge. Das ist das Spielbrett, auf dem die Christenheit sich bewegt – zumindest versuchen wir, so etwas Ähnliches gedanklich zu bewirtschaften und zu glauben. Bei alledem hilft uns der Geist, dessen Präsenz wir in den Pfingstgottesdiensten besingen.
„Er führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem.“ Das soll jetzt der Predigttext sein. Und – diese neue Stadt wird gezeigt. Man kann sie nicht herstellen. Man kann sie nicht planen wie ein politisches Programm. Man kann sie nicht bauen aus Öl und Gas, aus seltenen Erden oder mit Bitcoins und wirtschaftlicher Macht. Sie kommt „von Gott her aus dem Himmel“ schreibt Johannes. Und um sie sehen zu können, muss man auf den Berg geführt werden. Im Geist – wir sind jetzt auf diesem Berg.
Pfingsten bedeutet genau das: Der Mensch bleibe nicht unten im bloßen Lärm der Welt stehen. Er wird hinaufgeführt. Nicht mit Gewalt. Nicht gegen seinen Willen. Sondern der Geist öffnet ihm die Augen. Und plötzlich sieht Johannes etwas Eigenartiges: eine Stadt von vollkommener Ordnung. Sie ist geometrisch gebaut. Länge, Breite und Höhe sind gleich. Alles ist Maß. Alles ist Sinn. Ein Kubus – oder Würfel, wenn Sie so wollen, in den hinein perfekt eine Kugel passen würde – die Quadratur des Kreises im Räumlichen. Mitten hindurch fließt der Strom des Lebens mit dem Wasser des Lebens. Es gibt Licht, und die Finsternis ist nur ein anderes Licht dieses Lichtes. Und vor allem: Es gibt zwölf Tore.
Diese zwölf Tore sind ein starkes Bild. Und ich könnte mir vorstellen, dass irgendwann jemand einmal so ein Spiel erfindet. Das Spiel hieße himmlisches Jerusalem und würde nur so aussehen wie Monopoly aber wäre ganz anders, denn darin geht es nicht um Geld und Hotels bauen Parkallee und Schlossstraße, sondern es geht in dieser Stadt um den Sinn des Sinns. Die zwölf Tore erinnern daran, dass die Welt nicht chaotisch geschaffen ist. Der Lauf der Sonne durch die zwölf Zeichen des Himmels ordnet die Zeit des großen Spiels, dass mit dem Anbeginn der Schöpfung gestartet ist und läuft. Aus dem Weg der Sonne durch diese zwölf Tore entstanden Kalender, Feste, Rhythmen. Auch das Kirchenjahr lebt davon. Weihnachten im Dunkel des Winters. Ostern im Aufbruch des Frühlings. Johannes der Täufer an der Wende des Lichtes im Sommer. Michael im Herbst, wenn die Tage dunkler werden und der Urengel Michael und die anderen guten Engel aus dem Hintergrund hervortreten.
Die Stadt des Johannes verbindet nun Raum und Zeit. Denn die zwölf Tore bezeichnen nicht nur Tore eines Gebäudes. Sie sind Tore der Zeit. Tore des Lebens. Jeder einzelne von uns – jeder Mensch überhaupt – geht ja anders durch die Welt. Jeder trägt seine eigene Art des Sehens, Hoffens und Kämpfens in sich. Man darf es ruhig sagen: Jeder hat sein Tor. Einer tritt durch das Tor des Löwen ein, ein anderer durch das Tor der Waage oder des Skorpions oder des Stieres, des Zwillings und wie die Zwölf alle heißen. Nicht alle Menschen müssen denselben Zugang nehmen. Denn die Stadt hat viele Tore.
Und das Schönste ist: Die sind offen.
Die Tore werden nicht verschlossen. Man darf eintreten. Man darf schauen lernen. Man darf die Ordnung dieser Stadt liebgewinnen. Und dann darf man wieder hinausgehen in die unruhige Welt. Ja – man soll sogar rausgehen und von der Stadt erzählen, die kein Monopoly ist, sondern die Gegenwart gewordene Präsenz Gottes. Vielleicht geht man sogar durch ein anderes Tor als durch jenes, durch das man einmal – glücklich wem es so werden kann – herein gekommen ist. Genau das wirkt der Geist: dass der Mensch lernt, nicht nur aus seiner eigenen Perspektive auf die Welt zu sehen, sondern auch aus der der anderen, die mit uns auf dem Spielfeld des Seins unterwegs sind.
Die Kirche wollte immer etwas Universales sein. Das Wort „katholisch” bedeutet ursprünglich genau das: auf das Ganze bezogen. Nicht nur auf die eigene Gruppe. Nicht nur auf das eigene Interesse. Die Kirche verlöre ihren Geist in dem Augenblick, in dem sie bloß noch eine Bewegung unter anderen Bewegungen sein möchte. Nicht: „Make Church great again.“ Sondern: Halte die Vision offen. Halte die Stadt auf dem Berg offen, so dass die Menschen einen größeren Sinn sehen können, als den des alten Spiels, in welchem einer gewinnt – und alle anderen verlieren.
Vielleicht gehört dazu auch, dass wir neu verstehen lernen, was Geist überhaupt ist. Sprache selbst ist bereits eine Form höherer Intelligenz. Irgendwann haben Menschen entdeckt, dass man Gedanken nicht nur schreien oder brüllen muss, sondern dass man Wirklichkeit präzise und auf schöne Art benennen kann. Vielleicht wurde die erste Sprache sogar gesungen. Und später entstanden die Buchstaben. Zeichen, mit denen Gedanken bewahrt werden konnten, selbst wenn der Mensch längst tot war, der sie auf einer Insel unter Qualen in der Verbannung aufschrieb.
Auch vor Sprache und Schrift hatten Menschen einmal Angst – wie heute auch vor der Künstlichen Intelligenz. Menschen fürchten gute Redner. Sie fürchten gute Schreiber. Denn Sprache hat Macht. Wer sprechen kann, ordnet die Welt. Wer schreiben kann, überdauert die Zeit. Und heute erleben wir etwas Ähnliches mit der künstlichen Intelligenz. Viele schimpfen auf sie wie auf das Blendwerk des Widersachers. Vielleicht auch deshalb, weil das Ding Fähigkeiten zeigt, die wir selbst gerne hätten.
Aber jede Form von Intelligenz hat letztlich nur dann Sinn, wenn sie uns hilft, die Stadt auf dem Berg zu sehen. Wenn sie uns hilft, Ordnung in das gewollte Chaos zu bringen. Wenn sie uns dabei hilft, den Menschen nicht kleiner, sondern größer zu denken, als er sich im Augenblick zutraut. Dabei hilft uns ER, der uns im Geist auf den Berg führt. Pfingsten heißt: Der Geist führt uns auf den Berg. Dort sehen wir für einen Augenblick die neue Stadt. Und wer die und ihr Spielfeld einmal gesehen hat, der geht anders zurück in die Welt. Durchaus nicht weltfremd. Und ganz und gar nicht fanatisch. Sondern mit einer inneren Richtung. Mit dem Wissen, dass über dem Chaos eine Ordnung steht, deren Tore offen sind. Und dort lässt der Geist sich finden — in seinen uralten Bildern.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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