Eile mit Weile
- Foto: epd-bild/Heike Lyding
- hochgeladen von Online-Redaktion
Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Matthäus 25, Vers 40b
Der Zettel liegt seit fünf Wochen auf meinem Schreibtisch. Jede Woche schreibe ich ihn neu ab. Jede Woche kommt etwas dazwischen, das wichtiger ist. Heute fahre ich hin.
Von Karl Weber
Weil ich den Zettel nicht mehr sehen kann. Auf den letzten Metern überlege ich, was ich sage, wenn sie fragt, warum es so lange gedauert hat. Dann sitze ich in ihrer Küche. Am Tisch mit der Wachstuchdecke. Es riecht nach Bratfett und Zigaretten. Auf dem Fensterbrett stehen ein paar verdorrte Orchideen. Sie fragt nichts. Sie redet. Vom Krankenhaus, von ihrer Tochter, die nie anruft, und wieder vom Krankenhaus. Ich warte, dass es vorbeigeht. Ich habe schon den Satz im Kopf, mit dem ich später aufstehen kann.
Dann hält sie mitten im Satz an und sagt: Sie haben es sicher eilig. Ich sage: Nein. In diesem Moment stimmt es. Sie redet weiter. Ich schaue auf ihre Hände. Die Uhr über der Tür wird mir gleichgültig. Nach einer Stunde stehe ich auf und gehe.
Im Auto merke ich: Es ist etwas anders. Irgendwas hat sich verändert. Nichts Großes. Ich habe kein gutes Werk getan. Ich hätte es aufschreiben können. Besuch gemacht, Haken dran, Zettel weg. Dann wäre der Nachmittag nichts gewesen.
Es fing an, als ich Nein gesagt habe. Da bin ich über mich hinausgewachsen. Über meinen Zettel. Über meine Ausrede. Über meine Befindlichkeiten. Über das, was mich immer nur bestätigt.
Auch du kennst solche Momente: Der Anruf, für den du keine Zeit hast. Die halbe Stunde am Zaun mit dem Nachbarn, dessen Meinungen du nicht erträgst. Das Kind, das erzählt und erzählt, und dein Kopf ist woanders. Der Ausweg, der dir angeboten wird, und du nimmst ihn nicht.
In solchen Momenten liegt Liebe. Da ist einer mit dabei, und du siehst ihn nicht. Er sitzt am Tisch mit dem Wachstuch und erzählt vom Krankenhaus. Er steht dir am Gartenzaun gegenüber. Er sagt zu dir: Sie haben es sicher eilig. Und du antwortest: Nein.
Der Autor ist Pfarrer in Bad Salzungen.
Autor:Online-Redaktion |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.