Buß- und Bettag
Der abschreckende Luther – ein Missverständnis

Über das lutherische Beichtbekenntnis sagte mal eine Kirchvorsteherin zu mir, dass sie es so nicht sprechen könne. Es vermittle ihr viel Minderwertigkeit: "Ich fühle mich so mies, wie ein Nullmensch, wenn ich beten soll: ›Ich armer, elender, sündiger Mensch‹. Das bin ich nicht!", sagte sie.

Damit hat diese Frau recht und befindet sich zugleich in einem fatalen Missverständnis. Denn dieser Satz beschreibt keine fehlenden Qualitäten und menschlichen Defizite. Luther will nicht das Geschöpf „Mensch“ abwerten oder klein machen. Es geht einzig um den Fakt, wer der Mensch vor Gott ist: arm, elend und sündig. Arm bin ich vor Gott, denn was kann ich ihm bringen? Nichts. Elend bin ich vor ihm, denn ich muss sterben. Drastisch umschreibt Luther das Elend, die Sterblichkeit des Menschen mit dem Satz: „Ich bin ein Madensack.“ Und sündig ist die „Krone der Schöpfung“ vor Gott auch. Einer, der das Ziel verfehlt hat. Sünder ist, wer sich nicht aus eigner Kraft ins ewige Leben bringen kann.

Deshalb bete ich im Gottesdienst diese Worte nur zu gern. Sie beschreiben klar und einfach, wer ich vor Gott bin: einer, der ihn braucht. Weil ich mich als arm erkenne, brauche ich den Reichtum, die Gaben Gottes. Weil ich dem Tode verfallen bin, brauche, erbitte ich das Geschenk des ewigen Lebens. Weil ich Sünder bin, brauche ich meinen Retter Jesus Christus.

Der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard schreibt dazu: „Der größte Reichtum des Menschen besteht darin, dass er Gottes bedürftig ist.“ Es geht im lutherischen Beichtgebet im Kern um die Bedürftigkeit des Menschen vor Gott – und, dass diese Grundbedürftigkeit nach Leben in Jesus Christus gestillt wird. Im Glauben an den gnädigen Gott wird die Barmherzigkeit Gottes in Anspruch genommen: „Ich bitte dich um deiner grundlosen Barmherzigkeit.“

Mit dem Adjektiv „grundlos“ umschreibt Luther das Vertrauen in die Gnade Gottes, die seine freie Entscheidung ist und keinesfalls im Tun des Menschen begründet liegt. Dazu tritt die Berufung auf das Kreuz, das stellvertretende Sühneopfer Jesu Christi: „und um des unschuldigen, bitteren Leidens und Sterbens deines lieben Sohnes Jesus Christus willen.“

Dem Ruf, die Sühne Christi auch für mich in Geltung zu setzen, mir die „Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“ (Römer 3) zu verleihen, folgt die Bitte um den Heiligen Geist. Damit wird dem Betenden die geistliche Wahrheit vor Augen gestellt, die Jesu in Johannes 15 betont: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ – und die auch Luther in der Erklärung zum 3. Artikel im „Kleinen Katechismus“ benennt: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist …“
Ich mag das lutherische Beichtbekenntnis. Es erinnert mich, wer ich vor meinem Gott bin und was er mir und der ganzen Kirche geschenkt hat: Gnade in Jesus Christus.


Luthers Beichtgebet

Allmächtiger Gott, barmherziger Vater,
ich armer, elender, sündiger Mensch bekenne dir alle meine Sünde und Missetat, die ich begangen mit Gedanken, Worten und Werken, womit ich dich jemals erzürnt und deine Strafe zeitlich und ewiglich verdient habe.
Sie sind mir aber alle herzlich leid und reuen mich sehr, und ich bitte dich durch deine grundlose Barmherzigkeit und um des unschuldigen, bitteren Leidens und Sterbens deines lieben Sohnes Jesu Christi willen, du wollest mir armen sündhaften Menschen gnädig und barmherzig sein, mir alle meine Sünden vergeben und zu meiner Besserung deines Geistes Kraft verleihen. 

Michael Nicolaus, Pfarrer in den Kirchgemeinden Großgrabe und Oßling

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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