Interview mit Christian Staffa
Antisemitismus in der Kirche?

Christian Staffa (l.), der im Hauptberuf Studienleiter an der Evangelischen Akademie zu Berlin ist und jetzt auch ehrenamtlicher EKD-Beauftragter, im Gespräch mit "G+H"-Reporter Paul-Philipp Braun
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  • Christian Staffa (l.), der im Hauptberuf Studienleiter an der Evangelischen Akademie zu Berlin ist und jetzt auch ehrenamtlicher EKD-Beauftragter, im Gespräch mit "G+H"-Reporter Paul-Philipp Braun
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Der Antisemitismusbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Christian Staffa, ist seit gut einem Jahr im Amt. Im Interview mit Paul-Philipp Braun spricht er über Verschwörungstheorien, den jüdisch-christlichen Dialog und fordert eine neue Form der Ausbildung für Theologen. 

Sie haben zehn Tage nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle Ihr Amt angetreten. Was war das für ein Gefühl?
Christian Staffa:
Ich erinnere mich sehr gut an diesen 9. Oktober. Damals habe ich als Vorsitzender der AG Juden und Christen sofort an Josef Schuster geschrieben. Dass ich kurz darauf das Ehrenamt des EKD-Antisemitismusbeauftragten übernehmen würde, stand allerdings schon vor dem Anschlag fest.
Das empfinde ich bis heute als sehr wertvoll, weil es zeigt, dass die Berufung eines Antisemitismusbeauftragten nicht einfach ein Reflex auf diesen mörderischen Anschlag war. Als Kirche haben wir das Problem des offenen und latenten Antisemitismus deutlich länger. Halle ist wirklich grausig, aber mir war die christliche Antisemitismusbearbeitung zuvor schon ein dringendes Anliegen.

Sie haben sich bereits vor dieser Aufgabe für das Thema des jüdisch-christlichen Dialoges eingesetzt. Adelt es einen dann, so ein Amt übertragen zu bekommen?
Ich bin in der jüdisch-christlichen Welt sehr gut vernetzt, habe durch meine Zeit bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und in der Arbeitsgemeinschaft auch viele Freunde. Als die dann sagten, dass sie sich darüber freuen, und meinen, es sei in guten Händen, das ist es, was einen – bei aller Bescheidenheit – adelt.

Inzwischen hat man mit Ilse Junkermann bei der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste eine Vorstandsvorsitzende, die auch in Mitteldeutschland sehr gut bekannt ist. Eine gute Entscheidung?
Ich finde die Wahl großartig. Ich war in die Suche zwar nicht involviert, sehe das aber als ein wichtiges Zeichen, dass eine ehemalige Landesbischöfin sich nun derart für Sühnezeichen einsetzt.

Wie sieht die Verschränkung zwischen Kirche und Politik aus? Welchen Kontakt haben Sie zum Beauftragten der Bundesregierung, Felix Klein?
Wir haben ein gutes Miteinander. Ich war zum Beispiel zusammen mit Felix Klein und Friedrich Kramer vor einiger Zeit in Wittenberg. Wir haben uns die späten Lutherschriften und das Schandmal der Judensau angesehen. Felix Klein sagte damals, er habe einmal für das Abschlagen der Sau votiert. Heute sei er anderer Meinung – und da sind wir uns einig. Wir müssen das Mahnmal entwickeln und uns damit auseinandersetzen. Ein einfaches Entfernen kann im Augenblick keine Lösung sein.
Es ist die einzig so markierte Sau in der Republik und in meinen Augen aber auch die obszönste von allen.

Womit wir beim Luther’schen Antisemitismus sind. Wie viel davon steckt heute noch in der Kirche?

Ich würde sagen: viel. Zugleich stellt sich für mich aber die Frage, ob wir es Antisemitismus oder Judenfeindschaft nennen. Politisch und analytisch würde ich natürlich vom Antisemitismus sprechen. Wenn ich bildungsmäßig damit arbeite, würde ich eher von einer Judenfeindschaft sprechen.

Wieso das?
Der Antisemitismus-Vorwurf erzeugt sofort Abwehr und damit das Gegenteil von Offenheit. Mit der Judenfeindschaft erreicht man Menschen auf einer anderen Ebene, man kommt schneller in den Austausch.
Wir haben in unseren Kirchen mit der Wahrnehmung unseres verdrängten Angewiesenseins auf das Judentum ein wichtiges Themenfeld. Die Kunst ist es, dass wir uns vergegenwärtigen, dass die ersten Christen Juden waren. Und zugleich stehen wir vor der Herausforderung, mit dem teils dogmatischen und tief verwurzelten Judenhass umzugehen.
Unser Glaube ist aufs Judentum angewiesen. Und unterscheidet sich davon. Dieser Widerspruch ist eine echte Herausforderung für unsere Identitäten oder besser: unsere Glaubenswelten.

Wenn ich einmal quer durch die Kirche schaue, habe ich eher das Gefühl, man will nur das zeigen, was uns eint.
Ja, es gibt wohl dieses Entweder-oder. Entweder ist es ganz weit weg, oder es wird mit Feiern von Pessach und jüdisch-christlichem Abendland ganz nah rangeholt. Beides ist nicht produktiv. In der akademischen Theologie ist es eher, bis auf sehr rühmliche Ausnahmen, sehr weit weg und für uninteressant erklärt.

Wie meinen Sie das?
Unsere systematische Theologie ist noch immer sehr auf das 19. Jahrhundert ausgerichtet. Kant ist modern, was wir so machen, wird eher als "Kirchentagstheologie" denunziert.
Dabei haben wir biblisch-theologisch so viele gute Bilder, die diese schwierige christliche Identitätsfrage adressieren. Es gibt zum Beispiel zwei Schöpfungsberichte, vier teils differente Evangelien. Es gibt mehrschichtige Wahrheiten. Allein Paulus hat sehr verschiedene Ausrichtungen von Christusbekenntnissen.
Der entscheidende Punkt ist aber, dass wir das auch vermitteln müssen, und darauf sind derzeit die wenigsten Pfarrpersonen vorbereitet.

Das heißt, wir brauchen eine andere Theologenausbildung?
Genau so ist es. Und für alle bereits Ausgebildeten brauchen wir Weiterbildungsmöglichkeiten, die die Offenheit gegenüber unseren jüdischen Wurzeln und parallelen Entwicklungen mit dem rabbinischen Judentum damals und heute in den Blick nehmen wie auch die Ursachen für christliche Judenfeindschaft. Gerade in der aktuellen Situation der Kirche ist das dringend vonnöten.

Welche Situation meinen Sie?
Das Abschmelzen der Mitgliederzahlen führt vielerorts dazu, dass man viele Ansichten enger macht – aus Angst, etwas zu verlieren. Man versucht sich gerade auf der Gemeindeebene durch einen stärker werdenden Konservatismus zu retten. Das halte ich für falsch. Die EKD-Synode hat dankenswerterweise eher für Öffnungen plädiert, wenn auch leider ohne Reflex auf unsere Beziehung zum Judentum.

Sie fordern in einem Beitrag im Sammelband „Kirche und Populismus“ dazu auf, dass wir uns weiterhin mit der Shoah beschäftigen sollen. Vor allem im privaten Raum und auf Demonstrationen sprechen sich viele dagegen aus und fordern ein Ende des "Schuldkults". Was sagen Sie diesen Menschen?
Zuerst einmal sage ich Folgendes – und das gilt für alle: Ich weiß nicht, ob es sich lohnt, auf der Straße mit Pegidisten zu reden.
Wichtiger ist es mir, dass wir in den Gemeinden darüber sprechen. Als protestantische Kirche sind wir mit etwa 25 Millionen Mitgliedern eine der größten zivilgesellschaftlichen Institutionen. Wenn wir da unseren Bildungspathos unterbringen, können wir echt viel bewegen.

Also das offene Gespräch?
Auf jeden Fall. Und das ganz ehrlich und vor allem hinterfragend. Ein guter Ansatz ist immer, sich mit der eigenen Familiengeschichte zu beschäftigen. Da geht es auch darum, zu zeigen, dass das Thema "Heimat" für die wenigsten Menschen wirklich gesetzt ist. Migration ist Teil fast aller Familiengeschichten.
Und natürlich geht es auch um eine biblisch-theologische Auseinandersetzung. Das Neue Testament ist zu zwei Dritteln Teil des Alten Testaments. Dazu muss man den Gemeinden aber Theologie zumuten. Die Gemeinden sind nicht zu blöd dafür, im Gegenteil: die sind oftmals gierig danach. Es darf nur nicht so verstaubt daherkommen.

Die angesprochenen Pedigisten und andere, die einen Schlussstrich fordern, sagen, dass das jetzt 75 Jahre her ist und keiner von uns mehr etwas direkt damit zu tun hat.
Aber was haben wir dann eigentlich mit Goethe und Schiller zu tun? Oder mit der Heiligen Schrift?
Wenn wir als Christenmenschen mit einem 2000 Jahre alten Buch hantieren und davon behaupten, dass es Gegenwartsrelevanz hat, und 500 Jahre Reformation feiern, dann ist das Zeitargument grober Unsinn.

Antisemitismus erleben wir aktuell, wenn krude Verschwörungstheorien vom Weltjudentum als Drahtzieher sprechen. Wie nehmen Sie das derzeit wahr?

Antisemitismus ist mehr als die Shoah, und Verschwörungsmythen jeder Art haben immer eine antisemitische Signatur. Eine Studie der Amadeu Antonio Stiftung hat das schon vor zehn Jahren eindrucksvoll bewiesen: Egal, bei welchem Mythos man anfängt, man landet immer bei „Rothschild“, also „den Juden“. Dass dies in Krisenzeiten noch gefragter ist, wundert mich nicht. Schmerzhaft finde ich, dass auf den Demonstrationen auch wieder Christenmenschen dabei sind.

Wie sollen Kirchengemeinden damit umgehen?
Wir wissen, dass wir als Kirchenmitglieder oftmals Teil des Problems sind. Das müssen wir offen ansprechen – es ist Unsinn zu sagen, wir sind die Guten und die anderen sind die Bösen.
Dafür brauchen wir aber einen definierten Sündenbegriff. Wie wir den Begriff für uns selbst belegen, das ist ja nach Luther die Freiheit eines jeden Einzelnen. Aber am Ende stellt sich die Frage: Was tun wir, wenn?
Paulus bringt das gut auf den Punkt, wenn er schreibt: "Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten." (1. Korinther 10,23) Damit beschreiben sich viele Debatten lebensnäher. Unser Ratsvorsitzender sagt zum Beispiel mit Recht, dass Antisemitismus Sünde ist.

Wie stehen Sie zum angeblich "importierten" muslimischen Antisemitismus?
Ich glaube, auch diese Form des Antisemitismus braucht sehr viel Arbeit. Natürlich wird das Thema von Rechtspopulisten gern für antimuslimische Propaganda genutzt, da müssen wir aufpassen. Zugleich sollten wir aber auch vorsichtig sein, nicht andauernd in eine Entschuldungsdebatte zu geraten.

Was meinen Sie mit dem Begriff der Entschuldungsdebatte?
Wir müssen anerkennen, dass es einen muslimischen Antisemitismus gibt, und lernen, auch damit umzugehen. Ich habe einmal bei einer Ehrenamtsweiterbildung mit Menschen gesprochen, die Flüchtlinge betreuen. Die erzählten mir, dass da manchmal auch antisemitische Aussagen kommen, und dass sie sich nicht trauen, denen zu widersprechen. Das halte ich für unangemessen. Auch hier darf es nicht in einen "Gut und Böse"-Grundsatz münden, aber es geht um inhaltliche Argumentationen.

Auch die Kirchen versuchen sich ja zunehmend bei dieser Aufklärung. Ab dem 1. Januar startet unter dem Titel "#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst" eine Plakatkampagne. Mit welchem Ziel?
Es geht um den christlich-jüdischen Dialog. Ich habe die Kampagne mit entworfen. Wir haben das Thema damals ziemlich intensiv bearbeitet und diskutiert. Mein Part war es immer, auch die Differenz im Gemeinsamen herauszuarbeiten. Ich finde es eine sehr gelungene Aktion.

Seit Anfang 2019 hat auch Thüringen mit Benjamin-Immanuel Hoff einen Antisemitismusbeauftragten. Wenn der irgendwo ein Grußwort spricht, betont er immer, dass er sich vor allem als Beauftragter für jüdisches Leben sieht. Wäre das auch ein Titel, der für Sie zutreffen würde?
Ich glaube nicht. Es ist nicht meine Aufgabe, jüdisches Leben zu fördern. Ich versuche, bei Christenmenschen das Bewusstsein für das Miteinander der beiden Religionen auszubauen. Aber in erster Linie bin ich mit dem Kampf gegen den Antisemitismus beauftragt. Das heißt aber nicht, dass ich mich in eine Position hineinfantasiere, in der ich jüdisches Leben fördern könnte. Für Politiker ist es eine Verpflichtung, für Christen eine Überhebung. Andererseits: Wenn Christen eine Bastion gegen Antisemitismus wären und werden, dann wäre das für jüdisches Leben in diesem Land förderlich.

Autor:

Paul-Philipp Braun aus Erfurt

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