Studie zu Corona-Maßnahmen
Ohne Nutzen für Heimbewohner

Im Mai 2020 besucht ein Mann seine Frau in einem evangelischen Pflegezentrum. Eine Trenn-Plexiglasscheibe ermöglichte Treffen mit ausreichendem Corona-Sicherheitsabstand.
  • Im Mai 2020 besucht ein Mann seine Frau in einem evangelischen Pflegezentrum. Eine Trenn-Plexiglasscheibe ermöglichte Treffen mit ausreichendem Corona-Sicherheitsabstand.
  • Foto: Foto: epd-bild/Klaus Honigschnabel
  • hochgeladen von Katja Schmidtke

Berlin (epd) - Die Corona-Schutzmaßnahmen haben Heimbewohnerinnen und -bewohner nicht geschützt, sondern ihnen sogar vielfach geschadet. Zu diesem Ergebnis kommt der Pflege-Report 2021, den das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) veröffentlicht hat. Dem Bericht zufolge stieg die Sterblichkeit von Heimbewohnern in den ersten beiden Corona-Wellen stark an. Die Isolationsmaßnahmen hätten außerdem bei einer Mehrheit der pflegebedürftigen Menschen zu zusätzlichen gesundheitlichen Problemen geführt.

"Das ist eine Katastrophe", bilanzierte die Direktorin des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft an der Berliner Charité, Adelheid Kuhlmey, bei der Vorstellung des Berichts. Kuhlmey leitet auch das «Covid-Heim»-Forschungsprojekt, aus dem viele der im Pflege-Report 2021 dokumentierten Ergebnisse stammen. Es seien Schutzmaßnahmen ergriffen worden, die Heimbewohner nicht davor bewahrt hätten, sich mit dem Virus zu infizieren oder zu sterben. Es sei außerdem falsch gewesen, die Heime pauschal abzuriegeln. Dafür machte Kuhlmey, die früher als Gesundheits-Sachverständige die Bundesregierung beraten hat und dem Deutschen Ethikrat angehört, den Gesetzgeber verantwortlich: Die Heimleitungen hätten keine Wahl gehabt und den gesetzlichen Regeln folgen müssen.

In der zweiten Welle starben 80 Prozent mehr Heimbewohner als sonst

Dem Pflege-Report zufolge sind in den ersten beiden Wellen der Corona-Pandemie deutlich mehr Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohner gestorben als sonst. Danach lag die Sterblichkeit in Pflegeheimen drei Wochen nach dem Beginn des ersten Lockdowns Anfang April 2020 um 20 Prozent über dem Mittel der Vorjahre. In den ersten drei Monaten der zweiten Welle von Oktober bis Dezember 2020 starben 30 Prozent mehr Heimbewohner als sonst. Am schlimmsten war es um die Weihnachtstage 2020. Den Forschern zufolge lag die Sterblichkeit in der zweitletzten Woche des vorigen Jahres um 80 Prozent über der vorheriger Jahre.

Die Infektionsschutzmaßnahmen zu Beginn der Pandemie hätten nicht ausgereicht, um die pflegebedürftigen Menschen zu schützen, bilanziert der Report. Es müsse untersucht werden, ob dies im weiteren Verlauf besser geworden sei und welche Maßnahmen das Ansteckungsrisiko tatsächlich senken. Die drastischen Folgen zeigen sich auch in den Abrechnungsdaten der Krankenhäuser zu Covid-Patienten, die älter waren als 60 Jahre. Von April bis Juni 2020 starben in den Kliniken 45 Prozent der Covid-Patienten über 60, die in einem Pflegeheim lebten - und damit fast doppelt so viele wie unter allen anderen Covid-Krankenhaus-Patientinnen und Patienten über 60 Jahre.

Der Report enthält auch Ergebnisse einer Angehörigen-Befragung über die Isolationsmaßnahmen in den Heimen. Aus ihr geht hervor, dass die Isolierung für zwei Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner negative gesundheitliche Folgen hatte, vor allem in Form psychischer Probleme und nachlassender geistiger Fitness. Mehr als die Hälfte der alten Menschen (56 Prozent) litten auch körperlich unter den Folgen der Bewegungseinschränkung und konnten schlechter gehen, Treppen steigen oder aufstehen. 16 Prozent waren über längere Zeit ganz im eigenen Zimmer eingesperrt, ein Viertel überwiegend.

Wut und Verzweiflung

Die Isolation alter pflegebedürftiger Menschen dürfe «auf keinen Fall noch einmal zur Gefährdungsvermeidung herangezogen werden», heißt es in dem Report. Eine der Autorinnen des Reports, Antje Schwinger vom WIdO, sagte, augenscheinlich hätten die Maßnahmen die Heimbewohner nicht geschützt. Die «Wut und Verzweiflung» der Angehörigen darüber habe sie sehr berührt. Jeder Vierte habe angegeben, mit der Situation überfordert gewesen zu sein.

Die Studien über die Auswirkungen der Pandemie und der Anti-Corona-Maßnahmen auf Pflegeheimbewohner beruhen nach Angaben des WIdO auf den Daten von rund 400.000 Heimbewohnern, die bei der AOK versichert sind. Das sind die Hälfte aller Pflegebedürftigen, die in Deutschland in Heimen versorgt werden. Neben den Routinedaten der Krankenkassen flossen erste Ergebnisse des «Covid-Heim»-Forschungsprojekts ein, das vom Spitzenverband der Krankenkassen mitfinanziert wird, sowie die Befragung der Angehörigen von Pflegebedürftigen.

Autor:

Katja Schmidtke

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