Patenkind begegnet nach 53 Jahren zum ersten Mal seiner Taufpatin
Einheitsfeier einer besonderen Art

Uwe Podelleck heute am Taufstein seiner Taufkirche.

Am 9. November 2019 jährt sich zum 30. Mal der Fall der Mauer. Ein Ereignis, das große nationale Euphorie bei den Menschen damals in weiten Teilen der geteilten Nation hervorrief. Endlich konnten, hüben wie drüben, die Menschen sich nach vier Jahrzehnten glücklich in die Arme schließen.
Nicht so ein 13-jähriger Junge in der südthüringischen kleinen Gemeinde Schlechtsart, Kirchenkreis Hildburghausen-Eisfeld. Gelegentlich kamen seine Eltern auf die Angelegenheit zu sprechen. Doch dann geriet sie wieder in Vergessenheit. Er selbst, geboren am 5. September 1965, nahm als Kind und Jugendlicher seine Taufbescheinigung vom 20. Februar 1966 immer mal wieder in die Hand und las den Namen einer seiner Taufpatinnen Hildegard. Diese wohnte im Westen. Jetzt, nach dem Fall der Mauer, konnte er sich möglicherweise einen sehnlichen Wunsch erfüllen. Eine Gelegenheit, auf die er seit vielen Jahren wartete. Uwe Podelleck, 1989 24 Jahre alt, wollte nun endlich seine Taufpatin aus dem Westen kennenlernen. Zur Zeit seiner Taufe war diese knapp 16 Jahre alt.
Zu DDR-Zeiten war es unmöglich, sich zu begegnen. Ein Treffen war zudem dadurch erschwert, dass Uwes Familie in der totalen DDR-Sperrgebietszone wohnte. Der Grenzzaun zur BRD verlief nur wenige hundert Meter hinter dem Ortsrand der kleinen Gemeinde. Ein Kennenlernen? Aussichtslos.
„Ich bekam nie ein Geschenk von meiner Taufpatin, nicht zum Geburtstag, nicht zu Weihnachten, nicht zum Schulbeginn. Alle anderen Kinder freuten sich über ihre Geschenke. Ich stand immer mit leeren Händen da“, erzählt er mit traurigen Augen, „für mich als Kind war das nicht schön. Es war sehr bitter.“
Später stellte sich heraus, dass seine Taufpatin aus dem Westen sehr wohl zu bestimmten Anlässen Päckchen, deklariert als „Geschenk – keine Handelsware“, an Uwe geschickt hatte. Doch die Geschenke kamen beim Adressaten nie an. Die Inhaberin der Poststelle des Ortes wurde dann später verhaftet.
Wie konnte er seine Taufpatin nach so vielen Jahren endlich finden? Auf dem Taufschein stand ihr Wohnort von damals. Aber wohnte sie noch dort? Konnte sich ihr Name nicht verändert haben? Sie heißt inzwischen – verheiratet mit dem Autor dieses Beitrage – Hildegard Wickel.
Wieder gingen viele Jahre ins Land. Fast hätte er resigniert. Doch dann half ein trauriger Zufall.
Auf der Traueranzeige einer näheren Verwandten war der Name seiner Taufpatin aus dem Westen verzeich-net. Er las es und begab sich sofort auf die Suche. Nach langem Bemühen hatte er endlich Erfolg. Er kam der früheren Mitarbeiterin seiner Taufpatin auf die Spur. Irgendwann hatte er sie im Herbst vergangenen Jahres an der Strippe.
Nein, die Telefonnummer könne sie ihm nicht geben – aus Datenschutzgründen. Aber sie würde ihre frühere Chefin gerne benachrichtigen und seine Telefonnummer weitergeben.
„Hier hat einer angerufen, der behauptet, Ihr Patensohn zu sein. Ich habe ihm versprochen, Sie zu informieren.“ So das Telefonat der Kollegin mit ihrer ehemaligen Vorgesetzten.
Uwe war kurz vor seinem Ziel. Nach telefonischen Absprachen und Vereinbarungen konnte er nach 53 Jahren seiner Taufpatin aus dem Westen bei einem ersten Treffen in der Adventszeit in Dresden die Hände zur Begrüßung entgegenstrecken. Im Frühjahr 2019 feierten sie gemeinsam den 70. Geburtstag der Taufpatin.
Im Schatten großer Weltpolitik erlebten die beiden ihre ganz persönliche deutsche Einheit. Sie begann für Uwe 1966 mit seiner Taufe in der Kirche in Schlechtsart im DDR-Sperrbezirk und sie vollendete sich nach mehr als fünf Jahrzehnten in Dresden.
Ulrich Wickel

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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