Der Verrat: Von Judas bis Julian Assange

Die Freske von dem italienischen Maler Giusto de' Menabuoi (1320-1390) aus dem Jahr 1375 zeigt wie Judas den Sohn Gottes durch einen Kuss verraet.
  • Die Freske von dem italienischen Maler Giusto de' Menabuoi (1320-1390) aus dem Jahr 1375 zeigt wie Judas den Sohn Gottes durch einen Kuss verraet.
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Wer war Judas? Die vier Evangelisten sind sich uneins über die Rolle des Apostels, der Jesus den Römern preisgab.

Von Michael Windisch

Nahm er Geld für den Verrat – die berühmten 30 Silberlinge –, wie Matthäus berichtet? War der Teufel in ihn gefahren, wie Lukas schreibt? War er gar selbst ein Satan, wie bei Johannes zu lesen ist? Hat er seine Tat bereut und sich erhängt, wie wiederum Matthäus überliefert?
Die Geschichte hatte mit Judas lange keine Gnade. Der Jünger, der Jesus preisgab, galt fast zwei Jahrtausende lang – seit den Kirchenvätern Ambrosius und Augustinus – als Sinnbild des Verräters, und mit ihm alle Juden. Erst im 20. Jahrhundert – unter anderem unter dem Eindruck des Holocaust – beginnt sich das Bild vom Jesus-Verräter zu wandeln. So versteht der reformierte Theologe Karl Barth 1942 Judas nicht mehr als die verabscheuenswürdige Bestie, zu der ihn die Geschichtsschreiber machten, sondern er anerkennt die Rolle des Apostels im Heilsgeschehen: »Gott selbst hat im Handeln des Judas gehandelt.« Er erscheint Barth »wie eine planmäßige Figur mit einer planmäßigen Funktion«. Damit Jesus durch seinen Tod die Menschen erlösen konnte, musste er verraten werden. Das entschuldigt den Verrat nicht und macht Judas nicht zur Lichtgestalt. Aber es relativiert den Hass, mit dem viele Generationen auf Judas blickten.

An der Art und Weise, wie sich das Bild von Judas gewandelt hat, wird die Zweideutigkeit derer sichtbar, die den Ruf des Verräters mit sich tragen. Deutlich wird das vor allem bei Hochverrätern, die gegen das eigene Vaterland arbeiten. So soll schon der französische Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand (1754–1838) gewusst haben: »Hochverrat ist nur eine Frage des Datums.«

Wie wankelmütig das Urteil der Geschichte ist, wissen auch die großen »Verräter« der Gegenwart. Als 2010 die Enthüllungsplattform Wikileaks zehntausende diplomatische und militärische Berichte der USA an die Öffentlichkeit brachte, wurde einer schlagartig berühmt: Julian Assange. Er war die treibende Kraft hinter Wikileaks, das Einblick in die zynische Hinterzimmerpolitik der Weltmächte, aber auch in die Kriegsführung der USA in Afghanistan oder im Irak gab. Drei Jahre später spielte Edward Snowden Dokumente an die Medien, die er während seiner Zeit beim amerikanischen Geheimdienst NSA entdeckt hatte, und die Aufschluss über die umfassenden Überwachungstätigkeiten der USA und ihrer Partner Kanada, Australien, Großbritannien und Neuseeland gaben. In Medienberichten wurde er seitdem wechselweise als Dissident, Patriot oder Verräter bezeichnet, je nachdem, an welchem Ende des politischen Spektrums sich die Kommentatoren bewegen.


"Kann ein Verrat dadurch ›gut‹ werden, wenn das, was er verrät, ›böse‹ ist?"

Wie Judas ist Edward Snowden für den Publizisten Mathias Schreiber der Paradefall einer schillernden Verräter-Persönlichkeit: »Snowden wird primär als Held einer längst fälligen Aufklärung über untragbare digitale Überwachungspraktiken gefeiert.« Er gelte angesichts dieses »Kontroll-Molochs« als »potentieller Retter demokratischer Kultur«, die durch die Geheimdienste verraten worden sei.
Und doch ist dieser Verrat der Demokratie selbst erst durch einen Verrat ans Licht gekommen. Kann ein Verrat dadurch »gut« werden, wenn das, was er verrät, »böse« ist? »Verrat trennt alle Bande«, heißt es in Schillers »Wallensteins Tod«. Aber so einfach ist es offenbar nicht. Manchmal knüpft der Verrat neue Bande – wie im Fall von Assange und Snowden, die eine kritische Zivilgesellschaft auf den Plan riefen. Und manchmal braucht es – wie bei Judas – nur sehr viel Zeit, bis das, was zerrissen ist, wieder zusammenwächst.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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