Rügen vor der Wahl
Zwischen Dialog und Abgrenzung
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Sommer, Sonne, AfD: Die beliebte Ferieninsel Rügen mit ihren Stränden und Kurorten ist inzwischen auch eine Hochburg der rechtspopulistischen Partei. Bei der Bundestagswahl 2025 wählte fast jeder zweite Einwohner der Inselhauptstadt Bergen die AfD. Doch was treibt die Menschen dort in die Arme von Rechtsaußen? Eine Bestandsaufnahme drei Wochen vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern.
Von Daniel Zander
Bergen auf Rügen (KNA) . "Es ist wirklich eine schwierige und komplexe Lage", sagt Frank Thomas. Der 61-Jährige lebt seit mehr als 25 Jahren auf der Insel und ist Kirchenmusiker der evangelischen Pfarrgemeinde in Bergen. Er spricht sich klar gegen die AfD aus. "Diese Partei ist keine normale Partei, sondern einfach eine große Gefahr für die Demokratie", sagt er, während seine Stimme durch die Kirche Sankt Marien hallt. Das Gebäude aus dem 12. Jahrhundert ist das älteste Bauwerk der Stadt. Zugleich sagt Thomas: "Es wäre falsch, alle ihre Wähler pauschal als Nazis abzustempeln."
Klare Ablehnung, aber offenes Ohr
Er erzählt von Erfahrungen, die er mit anderen Bewohnern der ländlich geprägten Insel gesammelt habe. "Ich habe mit einem AfD-Wähler gesprochen, der sich in seinem Dorf sehr um das Zusammenleben kümmert. Doch überall werde er als Nazi beschimpft, wie er sagt", so Thomas. "Das ist ein gestandener Mann, aber als er das erzählte, kamen ihm fast die Tränen. Er sei kein Nazi, das hat ihn sehr beschäftigt. Und genau darin liegt auch eine Gefahr."
Der Musiker erläutert: "Ich glaube, dass eine solche pauschale Ausgrenzung einen Solidarisierungseffekt hat. Wenn Menschen denken, dass jemand zu Unrecht angegangen wird, sympathisiert man schnell mit ihm. Beim Thema AfD muss man genau hinschauen, muss klug entscheiden", sagt Thomas. "Unsere Pastorin etwa lehnt die AfD klar ab, sucht aber immer die Gespräche und hört zu."
Wenig Nahverkehr, schlechte Löhne
Doch wirklich überzeugen könne man viele nicht, sagt Thomas: "Weil die Leute aktuell unglaublich frustriert sind." Diese allgemeine Unzufriedenheit liege auch an Problemen, die vor Ort auf Rügen das Leben beherrschten: schlecht ausgebauter öffentlicher Nahverkehr und eine schwächelnde Wirtschaft samt niedrigen Löhnen. Laut einer Recherche der "Zeit" lag das mittlere Monatsgehalt in Deutschland im Jahr 2025 bei 4.227 Euro brutto. In Bergen aber verdienten die Menschen im Schnitt nur 3.246 Euro, in Nord-Rügen sogar nur 3.085 Euro.
"Bis zur Wende waren die Leute hier in Lohn und Brot, über viele Generationen", sagt Thomas. "Dann wurden hier, wie an anderen Orten im Osten, die Betriebe durch die Treuhandanstalt privatisiert oder abgewickelt. Viele waren plötzlich arbeitslos." Junge Leute seien weggezogen, der Frust tradiere sich weiter.
"Viele sind früher um acht Uhr arbeiten gegangen, waren abends wieder daheim und tranken ein Bier. Jetzt trinken einige schon um acht Uhr ihr Bier und versinken in Kummer." Der Tourismus auf Rügen, der ohnehin nur im Sommer stattfinde, sei nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein und durch teure Preise auch selbst Teil des Problems.
Wenn der Dorfnazi beim Einkauf hilft
Die fehlende Infrastruktur verschärfe das Problem. "Wenn keine Busse fahren und keine sozialen Angebote zu den Leuten kommen, wer kümmert sich dann um sie?", fragt Thomas. "Dann kümmert sich der Dorfnazi um die Einkäufe oder das Gemeinschaftsfest, der dann nicht mehr der Dorfnazi ist, sondern der nette Mann von nebenan."
Diese Versorgungslücke müsse unter anderem die Kirche wieder füllen, sagt Thomas, auch wenn diese unter finanziellen Engpässen leide. "Das Gemeinwohl zerbröselt hier in dem Maße, wie die Kirche wegbricht." Dazu müsse die Lokalpolitik die Probleme vor Ort angehen. "Zuhören ist wichtig, aber wenn dann nichts passiert, steigert sich der Frust." Die Kurtaxe für Tages- und Übernachtungsgäste sei ein gutes Beispiel. "Ich wohne in Bergen, muss aber Kurtaxe bezahlen, wenn ich innerhalb Rügens an Orte wie Putbus oder Mönchgut will. Das ist bekloppt."
Viele Ost-Landesverbände extremistisch
Das alles treibe die Menschen in der Region, so Thomas, zur AfD - einer Partei, deren Landesverbände in einigen Bundesländern vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft werden. In Mecklenburg-Vorpommern ist das zwar noch nicht der Fall, aber in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Niedersachsen.
Bei weiteren Gesprächen zeigt sich, dass einige auf der Insel auch eine Gefahr von Links sehen. "Ich schäme mich für meine Blindheit, wie viel Totalitarismus im linken Spektrum ich über viele Jahre nicht gesehen habe und sehen wollte", sagt der Landrat des Landkreises Vorpommern-Rügen, Stefan Kerth. Er ist seit 2023 parteilos, war zuvor in der SPD. Im vergangenen Jahr wurde er in seinem Amt für acht weitere Jahre bestätigt, setzte sich in der Stichwahl gegen einen AfD-Kandidaten mit 75 Prozent der Stimmen durch.
"Wie selbstverständlich über die Polizei als 'Bullenschweine' gesprochen wird, ist ein Unding", sagt Kerth. "Wir haben eine tiefe, menschenverachtende Ideologie im linken Lager, die oft verharmlost wird. Diese Verharmlosung reicht bis weit in die SPD hinein."
Kriminalstatistik sieht rechten Fokus
Die polizeiliche Kriminalstatistik für Mecklenburg-Vorpommern verortet die Problematik hingegen stärker im rechten Spektrum. Demnach wurden im vergangenen Jahr 2.282 Fälle mit einem rechten Hintergrund erfasst, davon 103 Gewaltdelikte. Aus einer linken Motivation heraus registrierte die Polizei 392 Straftaten, davon 17 Gewalttaten.
"Ich bin überzeugt davon, dass in der AfD auch Leute sind, die ich als Rechtsextreme bezeichnen würde", sagt Kerth. Er wirbt für einen differenzierten Umgang mit Wählern der AfD.
Für einen solchen Umgang plädiert auch Markus Kolbe. "Solange die AfD nicht verboten ist, muss der Staat aufpassen, die Freiheiten der Leute nicht einzuschränken", findet der Verwaltungsleiter der katholischen Pfarrgemeinde Sankt Otto. Er unterstützt den Pfarrer bei administrativen Aufgaben. Sein Büro liegt in Greifswald, zwischen Rügen und Usedom. Für ihn sei die AfD unwählbar, sagt er. Doch alle Wähler in eine Schublade stecken, wolle er nicht.
Prägung durch die SED-Diktatur
Ein Grund dafür sei auch seine Prägung durch die SED-Diktatur und die Erinnerung an den Unrechtsstaat DDR. "Ich bin in der DDR geboren, in Dresden", erzählt Kolbe. "Als ich sechs Jahre war, ist meine Familie bei einem Fluchtversuch über die damalige CSSR [Tschechoslowakei, Anm. d. R.], da es dort keinen Schießbefehl gab, erwischt und meine Eltern verhaftet worden. In der Zeit ihrer Gefängnisstrafe habe ich dann mit meinen drei älteren Geschwistern bei Verwandten gelebt", sagt er, sichtbar berührt.
"Dann wurden meine Eltern von der BRD freigekauft, und ich durfte als Kind mit meinen Geschwistern in den Westen ausreisen." Diese Erfahrung habe ihn deutlich geprägt, auch im Umgang im politischen Diskurs. Nicht nur bei Kolbe dürften Erfahrungen aus der DDR-Zeit und mit der SED-Diktatur in den aktuellen Debatten nachwirken - bei denen nicht alle zum selben Schluss kommen.
Autor:Online-Redaktion |

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