«Pilz des Jahres» 2022
Aus dem Schaum der Götterpferde

Knallrot mit weißen Pünktchen: Der Fliegenpilz gilt als glückverheißender Bote für das neue Jahr. Und 2022 ist er sogar «Pilz des Jahres».

Von Claudia Schülke

Er ist schön und gilt als Glückssymbol: der Fliegenpilz (Amanita muscaria). Deshalb kürte ihn die Deutsche Gesellschaft für Mykologie, die gerade 100 Jahre alt geworden ist, auch zum «Pilz des Jahres» 2022. «Gefährdet ist er nicht», sagt Stefan Fischer von der Mykologischen Gesellschaft. Man sieht den Giftpilz häufig, vor allem unter Birken, Fichten und Kiefern.

Aber geheimnisvoll ist er. Schon sein Name gibt Rätsel auf. Heißt er Fliegenpilz, weil er Fliegen vergiftet? Zumindest glaubten die Menschen das früher, als man ihn noch in Milch eingeweicht auf den Tisch stellte, um die Insekten zu loszuwerden.

Wolfgang Bauer schmunzelt am Telefon: «Na ja, die Fliegen sind aber nur betäubt, und wenn sie aufwachen, fliegen sie wieder davon.» Der Frankfurter Volkskundler weiß, worauf der volkstümliche Namen
verweist: «Der Fliegenpilz lässt fliegen», sagt er und meint archaischen Rausch: Der Pilz wurde rituell von Priestern und Schamanen verspeist, die Kontakt mit Göttern und Geistern suchten.

Die Ibotensäure im Fliegenpilz, die beim Trocknen zu Muscimol zerfällt, wirkt psychoaktiv und löst Halluzinationen aus. Alice im Wunderland wechselt die Körpergröße, nachdem sie am Pilz geknabbert hat. Auch ihr geistiger Vater, der Autor Lewis Caroll, hat gern mit dubiosen Substanzen experimentiert.

Die Deutsche Mykologische Gesellschaft rät aber dringend von Selbstversuchen als Rauschmittel ab. Denn der Fliegenpilz ist giftig, insbesondere kann er Kindern und geschwächten Menschen schaden. Die Dosis ist zudem unberechenbar, weil jeder Pilz unterschiedlich viel von der giftigen Ibotensäure enthält.

Die rauschartige Wirkung könnte auch der Grund sein, warum er symbolisch als «Glücksbringer» gesehen wurde. Der Begriff «Glückspilz» wiederum kommt aus dem 19. Jahrhundert: So nannte man Emporkömmlinge, die sich ihr Glück nicht redlich verdient hatten und die emporschossen wie ein Pilz.

Fliegenpilze schießen vor allem in Märchen und Sagen aus dem Boden. Wichtel hausen in dem weißen Stiel dieser Wulstlinge aus der biologischen Amanita-Familie und schlürfen «Zwergenwein» - Regenwasser, das sich in dem roten Hut sammelt, nachdem es die weißen Schuppen weggespült hat, die den Pilz so unverwechselbar machen. Die Pünktchen sind die Überreste des «Velums», einer Schutzschicht des jungen Fruchtkörpers.

Erwachsene Fliegenpilze sehen aus, als seien sie mit Perlen bestickt. Das wirkt besonders hübsch unter lichten Birken, mit denen der Fliegenpilz in Symbiose lebt. Der eigentliche Pilz wächst unterirdisch in einem Fadengeflecht, dem Myzel, dessen Hyphen sich um die Wurzeln der Bäume winden. Der Pilz versorgt den Baum mit Wasser und Salzen aus der Erde und erhält von ihm den Zucker aus der Photosynthese der Blätter. Was man sieht, ist nur der oberirdische Fruchtkörper, der die Sporen zur Vermehrung aus seinen weißen Lamellen streut.

Früher waren rituelle Rauschgetränke mit beigemischtem Fliegenpilz vom Hindukusch bis nach Mitteleuropa und sogar bei den Ojibwa im südlichen Kanada üblich, schließlich sind die First Nations Nachkommen der Sibirier. Wolfgang Bauer verweist auch auf das Rauschgetränk im antiken Mysterienkult um den Lichtgott Mithras, der mit seiner «fliegenpilzroten persischen Kappe» ins römische Reich eingewandert war und dem jungen Christentum Konkurrenz machte. Diese «phrygische Mütze» machte später Karriere - bis zu den Jakobinern, den Gartenzwergen und dem Weihnachtsmann.

Für den Ethnologen und Ethnopharmakologen Christian Rätsch klingt im Weihnachtsfest ohnehin ein Echo schamanischer Rituale um die Wintersonnenwende nach: «Der Weihnachtsmann fliegt mit seinem Schlitten, von Geisterrentieren gezogen. Auch die Fliegenpilz-Schamanen reiten auf Zauberrentieren durch die Lüfte.»

Einer Legende nach sollen die Fliegenpilze aus dem Schaum entstanden sein, der aus dem Maul des achtbeinigen Pferdes Sleipnir tropfte - dem Reittier des germanischen Schamanengottes Wodan. Im christlichen Mittelalter waren Fliegenpilze als Hexenwerk verschrien.
Bezeichnungen wie «Hexensessel» und «Krötenstuhl» kündeten davon. Man glaubte, dass Kröten und Salamander ihr Gift auf den Pilz übertrugen.

Aber in den «Hexenringen» der Pilze tanzen keine Hexen: Fliegenpilze wachsen kreisförmig, wenn sich das unterirdische Myzel ausbreitet. Dann schießen die Fruchtkörper in die Höhe, sobald es warm und feucht genug ist, meist von Juli bis Oktober. Und das nicht nur im Wald: Fliegenpilze, erklärt die Gesellschaft für Mykologie, sind ein guter Anzeiger für naturnahe Gärten und Parkanlagen.

(epd)

Autor:

Beatrix Heinrichs

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