Reformationsjubiläum
Von der Schöpfung zur Erschöpfung

Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör
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Lutherstadt: Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör über ein Sommermärchen und die Folgen

Es ist März, Ende März 2018. Das Thermometer erzittert sich frühlingshafte 3 Grad Celsius. Vor der Tür liegt Schnee von gestern. Nur nicht jammern! 2017 war es auch nicht viel besser. Gut, es war ein wenig besser. Na gut, es war besser. Allein das Wetter. Vom Rest ganz zu schweigen.
Ich fühle die protestantische, ja sogar ein wenig ökumenische Sehnsucht nach 2017 in mir aufsteigen. Was für ein Sommermärchen! Frühlingsgefühle? Die werden schon noch kommen. Wittenberger Frühlingsgefühle? Ich habe doch erhebliche Zweifel. Mein Mut weicht der Wehmut.
Ich bin umgeben von Heerscharen Erschöpfter. Ich treffe sie, täglich. Sie haben die Gesetze der Physik überlistet, denn sonst würden sie in der Kurve umfallen, so langsam laufen sie.
Der Tod von Stephen Hawking scheint für sie ein bedauerlicher, aber nicht ganz unwillkommener Zwischenfall. So eine Aufregung um einen, der nicht einmal einen Nobelpreis hatte. Theoretische ­Physik?! Was soll das sein? Das ist doch nicht mehr als die Homöo­pathie unter den Naturwissenschaften. Das Universum in der Nussschale. Na super, die Fortsetzung sollte wohl heißen: ein Globuli im Morgenkaffee. So ein Verrückter, der über einen Rollstuhl mit Sprachcomputer versuchte, dem kirchlichen Weltbild den Schleier des Geheimnisvollen zu nehmen.
Aber der Gedanke an 2017 zaubert auch den hauptamtlichen Reformationserschöpften ein seliges Lächeln in ihr Gesicht. Hoffnung. Ich nehme mein Herz in beide Hände und rufe ihnen zu: »Kommt, lasst uns weitermachen. Wittenberg kann Rom sein, wenn wir tanzen!«
Das Lächeln verwandelt sich jäh von selig in müde. Nein, nein, nein. Ein Sabbatjahr, ein Sabbatjahrzehnt, besser noch ein kurzes, aber knackiges Sabbatjahrhundert, das ist es, was die protestantische Kirche jetzt angeblich brauche.
Man lässt mich wissen, die Kirche lasse sich nicht von so einem hyperaktiven Oberbürgermeisterchen vor sich hertreiben. Ja, man lässt mich spüren, ich säße zwar fest im Sattel (ohne an diesem zu kleben, was schon für sich allein in der heutigen Zeit rar wäre), aber die Kirche habe schon andere Verrückte überlebt.
Ich kann die Gedanken erraten, kann sie zwischen den Zeilen, voll mit freundlichsten zugewandten Worten, lesen: »Er wird sich mühen, kämpfen, winden, denken, denken, denken … umsonst! Der liebe Herrgott ist verlässlich und humorvoll. Die arme Stadt ist pleite, die reiche Kirche auch. Wenn sich dieser Stadtprotestant aus dem roten ­Rathaus auch fürderhin auf unerklärliche Weise immer wieder aufbäumt, so wird er doch gegen die Kommunalaufsicht und Tausendköpfigkeit evangelischer Leitungsstrukturen nicht ankommen, oder?! Lieber Herrgott, enttäusche uns nicht!«
Und überhaupt, was ich schon wieder will? Die Kirche hat doch alles getan. In Luthers Predigtkirche hängt jetzt einmal monatlich sogar eine Diskokugel. »Church@Night« heißt das Event. Mehr geht nicht! Mehr geht wirklich nicht! Abendsegen auf dem Markt? Vorbei. Musik um Drei? Vorbei.
Mein Gott, kann man denn nicht mal ein kleines Jahrzehnt erschöpft sein, ohne permanent dafür um Vergebung bitten zu müssen? Wenn der aus dem Rathaus schon so einen Wind macht, dann darf die Kirche doch wenigstens in dessen Schatten bleiben. Beim Konfi-Camp hat es doch auch funktioniert. Die Stadt plant, versorgt, baut auf, baut ab, lagert ein, evakuiert, … So soll es sein, Amen. Und die Kirche begleitet, denkt an, neigt zu, sorgt für.
Dass die Kirche nunmehr auch noch für die inhaltliche Belebung des Konfi-Camps als Investition in die eigene Zukunft zahlen muss, ist allein schon ein Skandal. Aber eben nicht zu ändern. Kinder, Jugendliche, wo auch immer sie herkommen, Eltern, Anwohner, Sonne, Regen, das ist alles mit so viel Risiko verbunden!
2017 haben zehn Wochen lang jeweils 1 500, also insgesamt circa 15 000 Jugendliche in Wittenberg im Konfi-Camp gelebt, gelacht, gefeiert. Und 2018? Zwei Wochen, so höre ich, seien genug, seien mehr als genug. Alles hängt wohl am seidenen Faden.
Die Karawane zieht weiter. Wir wollten mitziehen. Jetzt ziehen wir zuverlässig an Reißleinen, oder?! Wenn doch nur halt der Stress nicht wäre.
Jetzt bin ich auch irgendwie erschöpft. Besser ist es, ich leg mich erst mal hin …

Torsten Zugehör

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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