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Russland
"Der Spielraum von Kirchen ist größer als gedacht"

Foto: Reglergemeinde Erfurt

 Elf Jahre lang, bis 2024, arbeitete Michael Schwarzkopf als lutherischer Pfarrer im russischen St. Petersburg. Er erlebte religiöse Freiräume, ein überraschend positives Deutschlandbild und eine Kirche im Spannungsfeld von Geschichte und Politik. Der Raum für kleine Kirchen, ihren Glauben zu leben, sei dort größer, als manche in Deutschland vermuteten, sagt er. Auch das Deutschlandbild vieler Russen sei positiver, als es die politischen Spannungen nahelegten.

Erfurt (epd). „Kirchen in Russland sind generell unpolitischer als in vielen anderen Teilen der Welt“, sagte Schwarzkopf. In der Tradition der orthodoxen Welt seien Religionsgemeinschaften dem Staat vergleichsweise eng verbunden. Auch die Evangelische Kirche in Russland sei 1837 von Zar Nikolaus I. (1796-1855) gegründet worden. Als Pfarrer sei er vor allem in der Seelsorge tätig gewesen.

Tipp

Pfarrer Schwarzkopf spricht am 23. Februar ab 20 Uhr in der Erfurter Brunnenkirche über seine Jahre in Russland. Der Eintritt ist kostenlos.

Die Verbundenheit seiner Gemeinde mit Russland sei besonders stark. Viele der rund 150 Gläubigen seien russlanddeutscher Herkunft. Anders als viele ihrer Kinder hätten sie sich bewusst gegen eine Ausreise entschieden. Deutschland sei ihnen fremd. „Deshalb gab es trotz des Krieges kaum Wegzüge aus der Gemeinde“, sagte Schwarzkopf. Trotz der jahrzehntelangen Unterdrückung religiösen Lebens sei die Suche nach Spiritualität groß. Oft fehle jedoch kirchliche Praxis; manche Rituale hätten sich nur als Brauchtum erhalten.

Suche nach Spiritualität

Er selbst habe Russland 2024 verlassen, nachdem er seine Aufgabe als erfüllt betrachtet habe: „Die Evangelische Kirche in Deutschland hat seit dem Ende der Sowjetunion den evangelischen Gemeinden Russlands geholfen, die russische Evangelische Kirche wieder aufzubauen. Dafür wurden deutsche Pfarrer entsandt und Ausbildungsprogramme eingerichtet.“ Inzwischen werde die Kirche von einem russischen Erzbischof geleitet.

Interesse an Deutschland

Das Interesse an Deutschland habe er in der russischen Bevölkerung positiv erlebt. Politische Aussagen über Deutschland spielten im Alltag kaum eine Rolle. Für viele Menschen in St. Petersburg sei Deutschland das Land, das die Schnellbahnverbindung nach Moskau gebaut habe - und in dem Ordnung und Pünktlichkeit herrschten. „Ich glaube jenen Stimmen in Deutschland nicht, die fordern, man müsse Russland weiter entgegenkommen, damit sich das Verhältnis verbessert“, sagte Schwarzkopf.

Zur Versöhnung hätten vor allem praktische Kontakte beigetragen. Dass deutsche Helfer Überlebende der Belagerung Leningrads (1941-1944) in ihren letzten Lebensjahren gepflegt hätten, sei vielen in St. Petersburg im Gedächtnis geblieben. Insgesamt spiele der Große Vaterländische Krieg für die jüngere Generation keine so prägende Rolle mehr.

Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland

Erste Vorläufer der evangelischen Kirche in Russland waren seit dem 16. Jahrhundert durch deutsche Kaufleute in Moskau und im Ostseeraum gegründete lutherische Gemeinden. Im Jahr 1832 ließ Zar Nikolaus I. (1796-1855) die Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland mit Sitz in Sankt Petersburg gründen. Die verschiedenen lutherischen Kirchen in seinem Reich sollten in eine klar gegliederte, staatlich kontrollierbare Struktur überführt werden.

1917 lebten im Russischen Reich rund 3.674.000 Lutheraner, davon 2.425.000 im Baltikum. Mit der Oktoberrevolution begann auch für die evangelischen Christen in der Sowjetunion eine Phase der Verfolgung und Unterdrückung. Nach 1917 wurden viele Kirchen enteignet. In den 1930er-Jahren ließ Josef Stalin (1878-1953) zahlreiche Pastoren verhaften oder erschießen. Nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 deportierte die kommunistische Führung die meisten Russlanddeutschen nach Sibirien und Kasachstan. Die kirchlichen Strukturen zerfielen.

Erst ab 1988 kam es zu einer vorsichtigen Wiederbelebung der Kirche. In den 1990er-Jahren gründete sich die Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland neu, mit Bischofssitz in St. Petersburg. Aufbauhilfe bis 2024 leistete die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Heute zählt die Kirche eigenen Angaben zufolge etwa 20.000 Gläubige.

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Online-Redaktion

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