Mein Kirchentagebuch
Wein zu Wasser und Pilze zu Bratwürsten

Mein Kirchentagebuch
2. Tag
Nachtrag. Ich habe am Freitag noch ein ziemlich beeindruckendes Gespräch mitbekommen. Der ehemalige Top-Manager Thomas Middelhoff und verurteilter Steuerhinterzieher. Er saß dafür im Gefängnis und leistete in den Behinderteneinrichtungen Bethel Sozialarbeit. "In Bethel habe ich Demut gelernt." Früher Millionär, Vorstandsvorsitzender - heute hat er nach eigenen Angaben nichts mehr, aber er sei glücklich. "Besitz bedeutet mir nichts mehr, aber unter der Trennung von meiner Frau und der Familie leide ich". Middelhoff hat sich nach 47 Jahren von seiner Frau getrennt. Es gebe so viele Brüche in seinem Leben. Früher sei er der Ernährer der Familie gewesen. Das könne er heute nicht mehr sein. Und er bewundere seine Frau, wie sie mit der Situation umgehe. Ich bin mit großen Vorbehalten zu diesem Gespräch gegangen. Ich dachte mir, da will sich nur einer reinwaschen und andere für seine Lage verantwortlich machen. Aber Middelhoff war so entwaffnend ehrlich und hat eine öffentliche Beichte abgelegt: "Ich bin ein Sünder". Nach dem Wegfall der Privilegien werde er heute als Person wahrgenommen und nicht als "Big T.". Im Gefängnis habe er die Bibel studiert und die Totsünden dekliniert. Das habe sein Leben verändert und darüber hat er sich auch selbst kennengelernt. Die Offenheit hat mich beeindruckt. Das zeigt mir auch, welche lebensverändernde Kraft der Geist Gottes hat.
So, jetzt aber zum Samstag. Ich habe mir vorgenommen, die Bibelarbeit in leichter Sprache mitzuerleben. In diesen Tagen auf die Dortmunder Messe zu gelangen, ist eine Geduldsprüfung. Bin leider zu spät, aber gleich mittendrin. Über die Bibelarbeit und die leichte Sprache werde ich an anderer Stelle in der Kirchenzeitung schreiben. Nur so viel: Die leichte Sprache sollte zum Standart in unseren Gottesdiensten werden. Das Nischendasein hat sie nicht verdient. Wenn Kirche überleben will, sollte sie sich diese verständliche Sprache zu eigen machen. Weg mit den zig-fach wiederholten frommen, theologischen Floskeln und Phrasen. Neu gedacht und neu übersetzt, so dass alle verstehen, worum es geht.
Nach der Bibelarbeit endlich der erste Kaffee des Tages und eine Bio-Nussecke von Rapunzel, die mit dem Slogan "Wir machen Bio aus Liebe" werben. Mal was anderes, die Bio-Liebe. Ich sitze Kathrin Köhler aus Cottbus gegenüber, die mir erzählt, dass eine Bekannte mit einem Busfahrer über das Motto des Kirchentags diskutiert hat. Abgesehen von dem Hinweis "Während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen", kommt wohl in diesen Tagen in Dortmund niemand am Kirchentag und seiner Losung vorbei.
Lutz Ludwig aus Erfurt, langjähriger Leser der Kirchenzeitung, stellt mir seinen Cousin Rudolf Prella aus Bochum vor. Ost-West-Familie. Eine schöne Begegnung. Eher weniger, das Podium zu 30 Jahren Mauerfall. Mir hätte da 30 Jahre Friedliche Revolution als Thema besser gefallen. Die bekannten Klischees wurden ausgetauscht und politische Nebelkerzen gezündet. Erfrischende Ausnahme, Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör, dem man eine originellere Fragestellerin gewünscht hätte.
Ich treffe nach über 30 Jahren Schauspielerin Uschi Glas am Rande des roten Sofas der Kirchenpresse. Sie sagte auf der Bühne, dass ihr wichtig sei, dass am Filmset jeder vom Regisseur bis zum Praktikanten wertschätzend behandelt wird. Darum kümmere sie sich. Das stimmt. Ich habe sie 1988 bei einer Produktion im Bayerischen Rundfunk kennengelernt. Ich war Praktikant, kleinstes Licht am Leuchter. Uschi Glas behandelte mich, als sei ich der Intendant. Eine tolle Frau, die sich und ihren Grundsätzen treu geblieben ist. Überhaupt, die Begegnungen sind es, die das Protestantentreffen ausmachen, mit Unbekannten und Bekannten. Eine Frau beschwert sich bei mir, über den Werbeslogan von Evonik "Zugegeben: jemandem, der Wasser in Wein verwandeln kann, würden wir als Spezialchemie-Unternehmen sofort mit Kusshand einstellen". Find ich auch Gaga. Wird vermutlich gut bezahlt.
Margot Käßmann naht. Wie immer ist sie gleich umlagert. Mein Gespräch auf dem roten Sofa mit ihr ist ein Selbstläufer. Der Funke springt über, das Publikum ist dabei. Witzig finde ich, dass wir beide vor 40 Jahren, 1979 in Nürnberg, unseren ersten Kirchentag erlebt haben. Damals wußten wir noch nichts voneinander. Sie gestand, dass sie damals unglücklich verliebt war. Ich auch, allerdings nicht in Margot, sondern in Anke. Dankenswerter Weise hat Margot Käßmann nach Eisenach eingeladen. Am 19. September beginnen dort die Achava Festspiele und in diesem Rahmen wird eine Ausstellung zum "Entjudungsinstitut" im Lutherhaus eröffnet. Sagts und entschwindet. Auch wenn MK kein offizielles Kirchenamt mehr bekleidet, scheint ihr Kalender ausgefüllt, wie eh und je. Mit dem Unterschied, sagt sie, dass sie jetzt nur noch mache, was ihr gefällt. Schön wars. Vielen Dank!
Erlebe den Grünen-Chef Robert Harbeck. Ein netter Mensch. Aber er müsste sich nicht so winden, zu sagen, dass er mit Glauben und Kirche nichts am Hut hat. Die Menschen klatschen ihm auch so zu. "Ich glaube daran, dass der Glaube Berge versetzen kann". Ein bisschen mehr Mühe hätte sich der potentielle Kanzlerkandidat schon geben können.
Ich spüre meine Füße und die Knochen werden etwas schwer. Noch ist nicht aller Tage Abend. Esse erst mal eine Pilzbratwurst, da ich der ebenfalls angebotenen Thüringer Bratwurst nicht über den Weg traue. Dank an Bernd Becker, der die Wurst spendiert und mit dem ich ein gutes Gespräch von Kirchenzeitung zu Kirchenzeitung habe. Den Fettfleck auf dem Sakko werde ich mal mit Gallseife behandeln. Zugegeben, das war jetzt eine Insider-Information. Aber Pilzbratwurst mit Heidelbeer-Soße will eben gelernt sein. Jetzt noch schnell zu Hirschhausen in die Westfalenhalle geflitzt. Der macht grad Pause. Aber der Auftritt der Acapella-Truppe von Viva Voce aus Franken entschädigt mich restlos. Anschließend wollte ich mir noch das Musikgespräch zu europäischen Identitäten gönnen. Aber in der Halle 2 spielte eine Jazz-Bigband und so trete ich die Heimreise an. Etwa 90 Minuten brauche ich von der Haltestelle am Stadion bis zu meiner Unterkunft. Am Bahnhof sehe ich die zwei Junkies, die mir am morgen schon aufgefallen waren. Völlig stoned wälzen die junge Frau und der etwas ältere Mann auf dem Boden. Das Bild des Elends nehme ich mit in die Nacht und in die Fürbitten: Herr erbarme dich.

Autor:

Willi Wild aus Weimar

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