Flutkatastrophe
Von Schlamm und sauberer Theologie

Ausmaß der Katastrophe: Präses Thorsten Latzel in der verwüsteten Innenstadt von Bad Neuenahr (Rheinland-Pfalz). In der Stadt tagte viele Jahrzehnte die Landessynode der Kirche im Rheinland.
  • Ausmaß der Katastrophe: Präses Thorsten Latzel in der verwüsteten Innenstadt von Bad Neuenahr (Rheinland-Pfalz). In der Stadt tagte viele Jahrzehnte die Landessynode der Kirche im Rheinland.
  • Foto: Marcel Kuß/ekir.de
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Geistlicher Halt angesichts der Flut: Wie die Überschwemmung den Glauben, das Denken und das Beten verändert. Ein Erfahrungsbericht.

Von Thorsten Latzel

In der Theologie spricht man davon, dass biblische Texte ihren je eigenen "Sitz im Leben" haben. Ich spüre, wie die tiefen Eindrücke aus den überschwemmten Gemeinden mein Glauben, Denken, Beten verändern – ohne, dass ich schon immer genau sagen könnte, wie. Ein Mann schrieb mir in einer persönlichen Mail aus Bad Neuenahr: "Menschen mit sauberer Kleidung sind hier bei uns suspekt." So geht es mir gerade mit "sauberer Theologie".
Fromme Glaubens-Richtigkeiten, die "über" die Katastrophe spekulieren, sind mir schrecklich fremd. Hier geht es darum, "mit" den Menschen mitzuleiden, ihre Geschichten zu hören, von ihnen zu lernen, was sie brauchen. Ich versuche, geistlich zu begreifen, was da gerade geschieht: wie ganze Städte zerstört worden sind, weit über 100 Menschen gestorben sind, viele noch vermisst, zahllose Menschen wortwörtlich den Boden unter ihren Füßen verloren haben.
Die Losung von heute, 22. Juli, lautete: "Wenn du nun isst und satt wirst, so hüte dich, dass du nicht den Herrn vergisst." (5. Mose 6, Verse 11 und 12) Angesichts der zerstörten Gemeinden merke ich, wie wenig selbstverständlich es ist, einfach zu essen und satt zu werden. Auch bei uns in Deutschland. Dass mein normaler Alltag ein Geschenk ist, wird mir – dankbar und schmerzlich – bewusst.
Der Lehrtext lautete: "Wenn jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder (und seine Schwester) darben und verschließt sein Herz vor ihm (und ihr), wie bleibt dann die Liebe Gottes in ihm?" (1. Johannes 3, Vers 17) Die Frage ist: Was fange ich mit meinem geschenkten Leben an – verstehe ich es als Gabe, die mir gegeben ist, um anderen konkret zu helfen?
In den betroffenen Orten habe ich wirklich beeindruckende Mitmenschlichkeit gesehen. Menschen, die zum Teil von weither angereist sind, um für andere die banalsten Dinge wieder herzurichten: Wasser aufbereiten, Essen beschaffen, die Straßen frei machen. Andere erzählten mir von Ultra-Fans von Bayer Leverkusen, die durch die Straßen ihrer Stadt gezogen sind, von Haus zu Haus, einfach um anzupacken, wo Hilfe beim Ausräumen gebraucht wurde.
Hier entstehen Beziehungen und Brücken zwischen Menschen, wo man sie vorher nie geahnt hätte. Eine überflutete Bibliothek der katholischen Kirche in Heimerzheim (Swisttal) wurde zu einem Hilfszentrum von Bürgern gemacht – eine "Bücherei der Hilfe", mit Reinigungsmitteln, wo Reisebücher standen, Essenspakete an Stelle von Romanen.

Mein Glaube ist rudimentärer geworden.

Sätze, die sich im Angesicht der Betroffenen nicht sagen lassen, verlieren ihr Gewicht: Gott, steh uns bei! Viel Kraft! Christus ist im Schlamm.

Meine Hoffnung ist trotziger geworden.

Eine Kollegin mailte mir den Satz von Fontane: "Leben heißt Hoffnungen begraben." Ich glaube, Fontane irrt. Hoffnung ist gerade das, was die Menschen jetzt aufstehen lässt. Kein flattriger Optimismus. Sondern eine innere Widerstandskraft, die der Zerstörung nicht das letzte Wort lässt. Die einen mit anderen zusammenführt: Hoffen kann man nur gemeinsam – das erlebt man in den Gemeinden an allen Ecken. Und Hoffnung hilft, selbst tätig, wirksam zu werden.
Die seelsorgliche Arbeit an den tiefen Traumata, die diese Schlammflut verursacht hat, wird noch lange brauchen. Es wird Zeit brauchen, um die Geschichten der Menschen zu hören, die Katastrophe zu verarbeiten. Bei den Menschen ist es wie in den Häusern: Auch wenn das Geröll außen beseitigt ist, gibt es innen noch viel Verwüstetes. Viele waren nach der Corona-Zeit ohnehin erschöpft, hofften auf einen erholsamen Sommer. Und dann das.
Tief beeindruckt hat mich eine junge Frau, der ich in Ahrbrück im Haus neben der Kirche begegnet bin. Ihrem Mann und ihr war vor nicht langer Zeit das Haus abgebrannt, dann kam die Pandemie, und jetzt die Flut. Doch die Frau half ihrem Nachbarn beim Ausräumen der verschlammten Räume. Sie wirkte innerlich aufgeräumt, frei, gerade zu lebensfroh. Als hätte sie für sich einen Hoffnungsgrund gefunden, der von all diesen Katastrophen nicht berührt wird.
Autos, Häuser, Besitz: die Vergänglichkeit all dessen wird einem in den Gemeinden drastisch bewusst. Mit einer Flut ist alles hin. Gott und Glaube fangen dort an spannend zu werden, wo sie Menschen wie diese Frau getrost und trotzig machen.

Der Autor ist promovierter Theologe und seit März Präses (Bischof) der Evangelischen Kirche im Rheinland.

aktion-deutschland-hilft.de

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