Geht der Kirche der Glaube aus?

Der Hirte und die Herde: Das Bild der christlichen Gemeinde gerät immer mehr ins Wanken. Hat die Kirche über ihr weltliches Engagement den Glauben verloren?
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Eine Streitschrift: Am 10. April wird ein kirchenkritisches Buch veröffentlicht. Der Autor plädiert darin für eine Rückbesinnung auf den Glauben. Die Kirchenzeitung druckt vorab einen Auszug.

Von Klaus-Rüdiger Mai
Jesus war kein Theologe. Matthäus, Lukas, Markus und Petrus wohl auch nicht, am ehesten noch Paulus. Man könnte einen großen Streit anzetteln, ab wann die Theologie als Lehre von Gott und den christlichen Glaubensinhalten entstand und wen wir als ersten Theologen anerkennen. Doch ist es für den Glaubenden überhaupt nötig, Theologe zu sein? Niemand, nicht einmal Theologen würden behaupten, dass eine Voraussetzung für den Glauben darin besteht, dass der Glaubende zugleich auch Theologe ist. Dass die »Gotteswissenschaft« eine große, ernste und wichtige Wissenschaft ist, soll mit keiner Silbe in Abrede gestellt werden. Sie ist es aber nur, wenn sie nicht zu einer Art Politikwissenschaft mit eingebautem Heiligenschein verkommt, sondern Rede von Gott und seiner Beziehung zu den Menschen bleibt, wenn sie von den letzten und ersten Dingen menschlicher Existenz spricht und keine Rücksicht auf Applaus, Establishment und Mainstream nimmt.
Weder bin ich Theologe noch Pfarrer noch Bischof. Auch hege ich nicht den Wunsch, es zu werden. Ich bin nichts weiter als ein evangelischer Christ, Lutheraner. Aber als Lutheraner trage ich wie jeder andere Christ, wie jedes andere Glied unserer Kirche, für diese Kirche Verantwortung. Es kann mich nicht unberührt lassen, wenn Freunde und Bekannte, Christen, die ich schätze, die Kirche verlassen – oft, nachdem sie jahrelang mit sich gerungen haben.
Es kann mich nicht kaltlassen, wenn andere, wie oft auch ich, sich damit quälen, dieser Kirche anzugehören, sie mitzutragen, weil in Christi Kirche an die Stelle des Glaubens immer stärker bloße Gesinnung – oft umschrieben mit »Werten » oder »Haltung« – tritt.
Ich kann und will und werde nicht dazu schweigen, wenn Exklusionen und Herabsetzungen von Christen erfolgen, weil ihre politischen Überzeugungen nicht in das Schema einer Gesinnung passen, die einem grundlosen Optimismus folgt, der nur aufrechtzuerhalten ist, wenn man die Realität verdrängt. Auf welch schwachen Füßen dieser sich »humanistisch« nennende Optimismus steht und wie realitätsblind er ist, führt die Behauptung vor, dass jeder »halbwegs intelligente Mensch weiß, dass ihre Parolen (die der Populisten) keine Probleme lösen«. Denn jeder »halbwegs intelligente Mensch weiß« auch, dass die »Populisten« diese Probleme nicht geschaffen haben.
In der schönen, hellen Welt des evangelischen Poesiealbums, in dem der Mensch »eigentlich« gut ist, kommt die Realität nur als finsterer Geselle vor. Sein grundloser Optimismus benötigt genau dort, wo er der Wirklichkeit nicht mehr auszuweichen vermag, den Not­ausgang der Verschwörungstheorie, muss die Grenzen seiner braven Vorstellung mit heimtückischen Konspirateuren, mit »Welteneindunklern », die man in den »konservativen Ecken der Kirche« besonders oft anträfe, bevölkern. Diejenigen, die in dieser wenig christlichen Weise Menschen in Ecken stellen, sollten sich an den Psalm 118 erinnern: »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.«
Ich schreibe dieses Buch aus der Vollmacht heraus, die Martin Luther jedem Christen in der Freiheit eines Christenmenschen zuerkannte, aus Verantwortung der Kirche gegenüber und weil ich will, dass unsere Kinder eine Zukunft in diesem guten Land haben, eine Zukunft, in der sie sich frei und ohne Repressalien zu fürchten zum Christentum, zu Christus bekennen können.
Es tut der Kirche nicht gut, wenn Glieder der Kirche, Schwestern und Brüder in Christus, kirchenamtlich heruntermoralisiert werden! Im Gegenteil: Es spaltet die Kirche. Ich wünsche mir, dass all jene, die ähnlich empfinden und denken, nicht die Kirche verlassen oder still weiter an ihrer Kirche leiden. Ich wünsche ihnen, dass sie die Angst verlieren, in Ecken gestellt zu werden, und in den Disput über den Zustand unserer Kirche eintreten. Denn die Kirche wurde nicht für die Frau Bischöfin oder den Herrn Pfarrer gestiftet, sondern für alle Christen gleichermaßen, sie ist »die Gemeinschaft der Heiligen«, die Gesamtheit ihrer Glieder.

Mai, Klaus-Rüdiger: Geht der Kirche der Glaube aus? Eine Streitschrift – Ev. Verlags­anstalt, ISBN 978-3-374-05305-6, 15,00 Euro

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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