Andacht Militärseelsorge
Selig, weil sie (hin) sehen

Foto: pixabay
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Liebe Mitmenschen!

Anfang April 2026 umrunden vier Astronauten den Mond. Artemis II. Der erste bemannte Mondflug seit über fünfzig Jahren. Die Erde verschwindet hinter dem Mond. Der einzige Ort im Weltall, an dem die Menschheit jemals war. Der Mond – dieses vertraute Licht am Nachthimmel – ist plötzlich zum Greifen nah. Und die Erde rückt weit weg. Wird klein. Wird still.

Sie schweben. Buchstäblich. Das Nutellaglas schwebt durch den Raum. Ein Wassertropfen löst sich vom Becher und schwebt als kleine Kugel durch die Kabine. Alles, was selbstverständlich ist – oben, unten, Gewicht, Boden – gilt plötzlich nicht mehr. Neu in der Militärseelsorge. Neu beim Bund. Das fühlt sich an wie die Landung auf einem fremden Planeten. NEU-SEH-LAND. Menschen in grüner Kleidung. Abzeichen. Ränge. Eine neue Sprache. Ein Kollege sagt: „In ein paar Monaten wird das alles normal sein."

„Selig aber sind eure Augen, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören." (Mt 13,16)

Sehen als Gnade

Die Jünger fragen Jesus: Warum redest du in Gleichnissen? Seine Antwort ist ernüchternd: Weil viele schauen und nicht sehen. Hören und nicht verstehen. Und dann, mitten in diese Ernüchterung hinein: Selig aber sind eure Augen, weil sie sehen. Das ist keine Leistung. Es ist ein Geschenk. Unverdient. Unvorbereitet. Mitten im Alltag.
Aber woher kommt dieses Sehen? Weil sie selbst gesehen werden – und es mit dem ganzen Leib spüren. Nicht als Idee. Nicht als Konzept. Sondern als etwas, das einen trifft, das durch einen hindurchgeht. Dieses Motiv kennen viele Traditionen. Hagar nennt Gott El Roi – „du bist ein Gott, der mich sieht." Im Islam trägt Gott den Namen Al-Basir: der Sehende. Im Buddhismus ist achtsames Wahrnehmen – Sati – der Beginn aller Weisheit. Wer wirklich gesehen wird, der spürt es. Und wer es spürt, der beginnt selbst zu sehen. Jesus lebt es vor. Er sieht Zachäus im Baum. Er spricht mit der Frau am Brunnen, die alle meiden. Den Petrus, der ihn verleugnet hat. Er ist nicht nur derjenige, der sagt: Selig, weil ihr seht – er ist der, der selbst so sieht. Und in seinem Blick werden Menschen neu.

Sehen als Staunen und Fremdheit

Die Astronauten kennen den Mond. Und trotzdem: Als sie wirklich dort sind, ist alles anders. Das Vertraute wird ungeheuerlich groß. Die Rückseite des Mondes – zum ersten Mal von Menschen gesehen. Eindrücke, die den Atem verschlagen. Das sind die Momente, in denen das Sehen neu anfängt. Wer neu ankommt, sieht anderes. Die eingespielten Rituale. Die Erschöpfung hinter der Routine. Was für andere normal ist, leuchtet dem Fremden auf. Wer lange dabei ist, kennt das auch – diesen Moment, wo plötzlich wieder etwas aufleuchtet. Ein Gespräch, das einen unerwartet trifft. Eine Frage, die einen selbst erwischt. Solche Momente sind kein Zufall. Sie sind Einladungen. Einladungen, genauer hinzuschauen – auf die, die neben uns stehen.

Sehen als Sendung

Der Soldat, den niemand mehr wahrnimmt. Die Soldatin, die noch nie gefragt wurde, wie es ihr wirklich geht. Der Feldwebel, dessen Erschöpfung alle sehen, aber keiner anspricht. Der junge Rekrut, der nachts nicht schläft. Der Soldat, der aus dem Einsatz zurückgekehrt ist – und innerlich noch immer dort ist.
Der Schmerz, der keine Worte hat. Die Stille hinter der Uniform.
Vielleicht brauchen manche Menschen genau das: jemanden, der sie neu ansieht. Der noch fragt. Der neu sieht. Das ist – in allen Traditionen – Auftrag und Berufung zugleich.

Neu sehen lernen

Die Astronauten kehren zurück. Der Alltag. Wie lange hält das Staunen an?
Maria Magdalena erkennt Jesus nicht. Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus sehen ihn nicht. Abstumpfung, Trauer, Erschöpfung legen sich wie ein Schleier über die Augen.
Und dann: ein Moment. Er nennt ihren Namen. Er bricht das Brot. Und die Augen gehen auf.
Das Wunder ist nicht nur, dass Jesus lebt – sondern dass Menschen wieder sehen lernen. Gegen die Gewöhnung. Gegen die Routine. Gegen die Abstumpfung. Neu-Sehen-Lernen ist keine Anfängertugend. Es ist eine Gabe. Immer wieder neu geschenkt. Für uns alle.

In den Gemeinden, im Krankenhaus, bei der Polizei und allen Einsatzkräften in unserem Land, bei den Soldatinnen und Soldaten, in unseren Alltag kann es bedeuten: 
Manches bleibt fremd. Und manches werden wir nie ganz verstehen.
Aber da ist einer, der sagt: Selig sind deine Augen, weil sie (hin)sehen.

Gottes Friede und seine Barmherzigkeit umschließe uns alle!

Es grüßt Sie Pfarrerin Denise Scheel

Foto: pixabay
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Autor:

Denise Scheel

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