Historisch
Oase an der Bundesstraße

Friedenskirche: Das 1693 eingeweihte Gotteshaus steht im Zentrum des Johannisfriedhofs. Seine farbigen Chorfenster gestaltete Fritz Körner nach 1945. Sie zeigen Motive aus der Offenbarung . | Foto: Ev. KIrchenkreis Jena
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  • Friedenskirche: Das 1693 eingeweihte Gotteshaus steht im Zentrum des Johannisfriedhofs. Seine farbigen Chorfenster gestaltete Fritz Körner nach 1945. Sie zeigen Motive aus der Offenbarung .
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Der historische Johannisfriedhof in Jena ist ein verwunschener Park und ein Erinnerungsraum gleichermaßen. Bei einer Führung können Besucher die Ruhestätte berühmter Persönlichkeiten wie Carl Zeiss und Johanna Schopenhauer kennenlernen.

Von Andreas Drouve

Vögel zwitschern, der Verkehrslärm der Bundesstraße 7 verebbt. Efeu rankt sich um Baumstämme, verwitterte Grabsteine, Mauern. Bänkchen laden zum Verweilen an. „Für mich ist das die schönste Oase der Stadt“, schwärmt Gästeführer Hans-Jürgen Gebauer. Schauplatz seiner Begeisterung ist der historische Johannisfriedhof, wenige Gehminuten vom Jenaer Stadtzentrum entfernt. Plötzlich öffnet sich eine andere Welt aus Erinnerungsraum, Natur, Kulturerbe. Der Friedhof ist ein verstecktes Juwel. Begräbnisse finden seit Jahrzehnten nicht mehr statt. Das war schon zu seinen Studentenzeiten so, berichtet der 70-jährige Gebauer.

Ursprünglich lag der Friedhof außerhalb der Stadtmauern. Keimzelle war der ab 1307 erwähnte Begräbnisplatz an der katholischen Kirche St. Johannes Baptist. Später folgte die Erweiterung um die evange­lische Friedenskirche. 1938 bauten die Nationalsozialisten quer durch den Friedhof eine Straße, um eine bessere Verbindung nach Weimar zu schaffen. Seither liegt St. Johannes Baptist im Abseits. Wer von dort zum Friedhof will, kreuzt den Asphalt und passiert ein Törchen.

Gestaltung und Pflegezustand der Grabstätten sind ganz unterschiedlich. Gerade das macht den Reiz aus. Überwucherte Gräber verströmen morbiden Charme; bildhauerische Ensembles wechseln sich mit einer Fülle an Details ab: Säulenfragmente und Engel in Stein, ein schmiedeeisernes Kreuz auf einem Grasstück, Reliefs mit Spuren von Flechten und Moosen.

Gebauer bringt seine Gäste zu den Ruhestätten berühmter Per­sön­lichkeiten, angeführt vom Unter­nehmer und Mechaniker Carl Zeiss (1816–1888). Er gründete 1846 eine feinmechanisch-optische Werkstätte, die Mikroskope baute. Damit legte er den Grundstein für die bis heute bestehenden „Zeiss-Werke“ und den Wissenschaftsstandort Jena.

Carl Zeiss eröffnete seinen Betrieb mit einem Startkapital von hundert Talern. Das Geld streckte ihm sein Bruder August Eduard Zeiss vor, der ebenfalls hier begraben liegt. „Bürgerschul-Director“ steht im Deutsch jener Ära auf der schlichten Grabinschrift. Die ­Ruhestätte von Carl Zeiss hingegen ist mit einem Blumenbeet und einem Kopfrelief auf dem Grabstein ausgeschmückt. Sein Beruf ist mit „Hof- u. Universitätsmechanicus“ angegeben.

Ein Lageplan hilft bei der Auffindung weiterer Gräber wie dem der Schriftstellerin Johanna Schopenhauer (1766 bis 1838), die auf einer Wiese unter einer Bodengrabplatte ruht. Sie war die Mutter des Philosophen Arthur Schopenhauer und pflegte in Weimar Kontakt zu ­Goethe. „Sie ermöglicht ihrem Sohn Arthur ein Studium und zahlt ihm sein Erbe aus“, erzählt Gebauer. Dann verliert sich das Vermögen der Familie durch den Zusammenbruch ihres Bankhauses. Johanna Schopenhauer wird daraufhin zur Schriftstellerin, verarmt und erbittet vom Großherzog eine kleine Rente, die dieser auch gewährt – „unter der Bedingung, dass sie fortan nicht in der Residenz Weimar, sondern in Jena leben solle“, sagt der Gästeführer.

Das Grabkreuz der Caroline von Wolzogen (1763–1847), Schwägerin Schillers und Romanautorin, hat Patina angesetzt. „1788 trifft Friedrich Schiller in Rudolstadt die Schwestern Charlotte und Caroline von Lengefeld“, erzählt Gebauer. „In diesem Sommer beginnen sie, miteinander zu träumen von einem Leben zu dritt, was sich aber in der damaligen Zeit nicht umsetzen lässt.“

Es kommt zur Verlobung Schillers mit Charlotte, Caroline heiratet zunächst von Beulwitz, nach ihrer Scheidung dann von Wolzogen. Caroline, so Gebauer weiter, hegte literarische Ambitionen: „Ihr erster, heute vergessener Roman ‚Agnes von Lilien‘ bringt ihr gute Kritiken ein. Berühmt wird sie aber durch die erste umfassende Biografie über ihren Schwager Schiller, die 1830 erschien.“

Es ist still. Bäume und Sträucher werfen Schatten. Draußen an der Mauer kündigt ein Aushang des ­Fördervereins Johannisfriedhof den nächsten Arbeitseinsatz an, um das Gelände instand zu halten.

Auf der Website des Vereins sind die Gedanken über die alten Bäume und die notwendigen Eingriffe regelrecht philosophisch: „Viele Sommer und Winter, Efeu und Pilze ­haben an ihnen genagt, und es ­zerreißt uns das Herz beim Anblick der Kettensäge und der übrigbleibenden Stücke. Doch es ist an der Zeit, loszulassen und neuem Leben Raum zu geben.“

Tipp
In den Sommermonaten lädt der Förderverein mit den "Johannis-Momenten" zu Lesungen, Führungen und Begegnung auf den Johannisfriedhof ein. Die Veranstaltung am 9. Juli ist als „Salon im Grünen“ ab 18.30 Uhr mit Lesungen und Musik Johanna Schopenhauer gewidmet. An diesem Tag jährt sich der Geburtstag der Schriftstellerin zum 250. Mal.

johannisfriedhof-jena.de

Friedenskirche: Das 1693 eingeweihte Gotteshaus steht im Zentrum des Johannisfriedhofs. Seine farbigen Chorfenster gestaltete Fritz Körner nach 1945. Sie zeigen Motive aus der Offenbarung . | Foto: Ev. KIrchenkreis Jena
Gästeführer Hans-Jürgen Gebauer  | Foto: Andreas Drouve
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