Rezension
Kirche als Heimatkraft?

Trübe Aussichten: Angesichts leerer Bankreihen stellt sich die Frage, ob es noch eine identitätsstiftende Wirkung von Kirche gibt?
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Kulturkampf: Die Kirche soll die deutsche Kultur verteidigen und wieder ihren Kern
betonen – das fordert Klaus-Rüdiger Mai in seiner Streitschrift »Geht der Kirche der Glaube aus?«.  Ist er damit zu weit gegangen? Droht ein Abdriften auf nichtchristliches Terrain?
Von Stefan Seidel

Die zum Kulturkampf ausgeartete Debatte um die Frage, wer und was zu Deutschland gehört und wie die Gesellschaft gestaltet werden soll, hat die Kirche erreicht. Der Schriftsteller und evangelische Christ Klaus-Rüdiger Mai trägt diesen Kampf mit seiner Streitschrift »Geht der Kirche der Glaube aus?« in die Kirche. Darin münzt er die beliebt gewordenen Untergangsprophezeiungen auf die Kirche: Wenn diese nicht aufhöre, an der »Inflation der Moral« mitzuwirken, politische Forderungen zu formulieren und Glauben durch Gesinnung zu ersetzen, gehe sie unter. Für Mai steht fest, dass sich die Evangelische Kirche in Deutschland parteipolitisch verkämpfe und Menschen verprelle, »weil für sie bereits rechtspopulistisch ist, was rechts einer rot-grünen Überzeugung steht«. Er unterstellt der Kirche, sie habe die Sündenlehre für einen »Wohlfühlprotestantismus« geopfert und sich durch eine umfassende Politisierung allein auf diese Welt ausgerichtet. Insbesondere nimmt Mai seiner Kirche übel, dass sie mit ihrer »Hypermoral« nicht zur Lösung der Flüchtlingskrise beitrage. Das Beharren auf moralischen Geboten zur Verantwortung gegenüber den Geflüchteten drohe den Staat zu überfordern. »Wenn Kirche Slogans verkündet wie ›Menschenrechte haben keine Obergrenze‹ und damit eigentlich nur meint, dass jedem Menschen, der deutschen Boden betritt und das Wort Asyl sagt, ohne sich ausweisen zu können, Zutritt zu den deutschen Sozialleistungen gewährt wird, wird sie auf Dauer die praktische Fähigkeit zur Nächstenliebe zerstören und eine Bedrohung des sozialen Friedens in Kauf nehmen«, so Mai. Und weiter schreibt er: »Sie wird das umso mehr, weil gern ausgeblendet wird, dass die Masseneinwanderung zum großen Teil der Zuzug von Muslimen ist, von denen viele aufgrund der Scharia überhaupt nicht einsehen, warum sie sich an die deutsche Gesellschaft anpassen sollen, wo doch der Koran über allem, auch über dem Grundgesetzt steht.« Ergänzt werden diese Thesen durch eine »nüchterne« Beschäftigung mit »den Tatsachen« – dass die Silvesternacht in Köln oder »die rasante Zunahme von Messerangriffen« »Symptome für den Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung« seien: »Der Bewegungsraum von Frauen wird eingeschränkt, ohne dass aus feministischen Kreisen bis auf wenige Ausnahmen Protest laut wird.« Das erzeugt Angst. Doch ist es die Realität?
Gerade wurde vermeldet, die Kriminalität sei auf dem tiefsten Stand seit 25 Jahren. Auch sind die Zahlen von Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen zwischen 2012 und 2016 nicht angestiegen, so die polizeiliche Kriminalitätsstatistik des Bundesinnenministeriums. Des weiteren gilt es wahrzunehmen, dass sich im Koran nicht nur die moralischen Grundgebote der jüdisch-christlichen Tradition finden, sondern auch der Respekt
gegenüber der Vielfalt der Völker
(Sure 49:13). Der islamische Theologe Hüseyin Yasar betont, dass der Koran die Muslime auffordere, sich den Gesetzen ihres Gastlandes unterzuordnen. Wohlgemerkt: Speise- und Beschneidungsvorschriften verstoßen nicht gegen das Grundgesetz, sondern werden von diesem gedeckt.
Das Hauptproblem Mais mit seiner Kirche ist, dass sie sich angeblich vom »rot-grünen Mainstream« habe vereinnahmen lassen. Den beschreibt er als »eine Ideologie, deren Ziel darin bestehe, Politik für Minderheiten auf Kosten der Mehrheit zu machen und deren Subjekt das ›Ökowohlstandsbürgertum‹ (Sahra Wagenknecht) ist«.
Dagegen will Mai die Kirche wieder zu einem Ort machen, an dem Heimat und Identität bewahrt würden. »Wenn viele Befragte im Christentum den Bewahrer von Heimat und Identität sehen, dann ergäbe sich die Paradoxie, dass genau diejenigen in der Kirche, die einer Politisierung der Kirche das Wort reden, die von den Postulaten der Entgrenzung und Weltoffenheit in einem universalistischen Sinn ausgehen, sich exakt gegen das positionieren, was die Deutschen von einer christlichen Kirche erwarten: Bewahrung des Christlichen statt politisierendes Oberlehrertum. (…)« Die Kirche, so Mai weiter, habe sich dem Linksliberalismus als Ideologie geöffnet, der exakt diese Abwertung von Herkunft und Tradition vertrete. Mai plädiert für eine Kirche, die sich als kultureller Faktor der hiesigen Mehrheitsgesellschaft erweist – und statt Moral und Minderheitenschutz eine Art kulturellen Mehrheitsschutz predigt. Dazu solle sie durch Rückbesinnung auf ihren trinitarischen Glauben und den Missionsauftrag befähigt werden. Mai sieht eine bedrohliche Entwicklung im Gange, bei der Einwanderern weitgehende Teilhaberechte gewährt werden sollen. Sollte tatsächlich die Integration zum Staatsziel erklärt und »Migrantenquoten« bei Einstellungen berücksichtigt werden, sei das ein »radikaler Umbau unserer Gesellschaft«. Mai zitiert den Politologen Yascha Mounk, der von einer Verwandlung von einer »monoethnischen, monokulturellen Demokratie« in eine »multiethnische« spricht. Mai fordert, dazu das Volk (»den Souverän«) zu befragen. Denn insbesondere durch die Einwanderung des »Kopftuch-Islam« werde »das Volk stummer Zeuge der Erosion seiner kollektiven Identität«. Deshalb sei nun »die Stunde der Kirche« gekommen. Denn sie könnte das Zerfallende wiedervereinen, da sie »das Eigene, das, worauf unsere Gesellschaft beruht«, sei. Der Kirche wachse eine historische Aufgabe zu: Dass sie als kultureller Identitätsgarant die Gesellschaft vor dem Auseinanderbrechen bewahrt. »In dem Moment nämlich, in dem alle Gemeinsamkeiten gekappt worden sind, wird es auf die Kirche in Deutschland ankommen. Es wird sich dann zeigen, ob sie größer ist als ihre Zeit, ob das Licht von Gottes Reich durch sie hindurch auf die Welt zu scheinen vermag, ob sie, die den Weg der Deutschen in die Geschichte von Anfang an begleitet hat, weiter verlässlicher Gefährte bleibt.« Das ist der finale hohe Ton des Buches von Mai. Es scheint, als schwebe ihm als Lösung der Krise eine Besinnung auf das Deutschtum, die Wiederbetonung der Heimat als Abschottungsbegriff vor. Ob dieses inbrünstige Eintreten für das nationale Projekt der Heilsweg ist, steht in den Sternen.
Es muss über die Gestaltung der Einwanderung und die Betonung von Heimat gesprochen werden. Es muss um Lösungen gerungen werden. Doch gleichzeitig sollte der verführerische Kulturkampf kritisch betrachtet werden. Ist der Islam tatsächlich das Hauptproblem? Liegt die Lösung wirklich in der Herstellung »monoethnischer Demokratien« mit einem ausgrenzenden Christentumsbegriff?

Klaus-Rüdiger Mai: Geht der Kirche der Glaube aus? Eine Streitschrift. Evangelische Verlagsanstalt 2018, 184 S., 15 Euro.

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Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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