Der "meistbeklaute" Karikaturist
Der Zeichner Gottes
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Da muss man erst einmal draufkommen. 1997 erscheint von Tiki Küstenmacher ein Mond-Reiseführer. Die amerikanische Ausgabe hat den Untertitel „for First-Time Visitors“.
Von Felix Leibrock
Später kauft Tiki auch noch ein Grundstück auf dem Mond und bietet Helmut Kohl nach dessen Abwahl die Kanzlerschaft auf dem Mond an. Beide, das Buch und die angetragene Kanzlerschaft, klingen skurril. Aber sie brachten gute Verkaufszahlen, großes Medienecho.
Stellvertretend stehen diese Aktionen für eine der schillerndsten evangelischen Biografien unserer Zeit. Als studierter Theologe und Vikar in Freising ist Tiki Küstenmacher nicht ins Pfarramt gegangen. Er arbeitete als Journalist und baute immer mehr seine eigentliche Begabung aus: Das humorvoll tiefgründige Zeichnen von Karikaturen und Cartoons.
Die Brücke zum Glauben, zur evangelischen Kirche hielt er stets aufrecht. Sei es als Verantwortlicher für die „Neuen Medien“ in der bayerischen Landeskirche, sei es durch freundschaftliche Kontakte mit Theologen wie Andreas Ebert oder Richard Rohr. Kein Wort verliert er in seiner Autobiografie über die Behauptung, er sei der „meistbeklaute Karikaturist der christlichen Szene“. Weil es Klauen für einen guten Zweck war? All die Konfirmations- und Religionsstunden, die vielen Predigten und Glaubenskurse, die durch Tikis Cartoons bereichert und zuweilen gerettet wurden: In Sachen Urheberrecht haben da viele Abbitte zu leisten.
Um die Jahrtausendwende drängt es den Zeichner in den Bereich allgemeiner Lebenshilfe. Mit seiner Publikation „Simplify your life“ gelingt ihm ein Weltbestseller. Es geht um praktische Hilfen, wie man einfacher und glücklicher leben kann. Er entwickelt sich auch zum vielgefragten Redner mit spontanem Zeichnen auf Großleinwand. Erst im Nachgang wendet er das „Simplify“ auch auf die Spiritualität, auf die Liebe an.
Seinen ungewöhnlichen Vornamen verdankt er Kon-Tiki, einem Sonnengott der Inkas. Ein norwegischer Pionier nannte sein Floß nach ihm und stellte eine Ozeantheorie auf, die ein großes Publikum faszinierte, die Fachwelt aber ablehnte. Hier sieht Küstenmacher eine Verbindung: „Mir war die Öffentlichkeit immer lieber als der Beifall der Insider in Theologie und Kirche.“
Schon in den 1980er-Jahren hat er die Bedeutung des Digitalen für die christliche Verkündigung erkannt und gründete einen christlichen Computerclub. Dieses Umtriebig-Neugierige ist Tikis Wesenskern. Immer wieder hat er sich neuen Entwicklungen in der Gesellschaft geöffnet. Wie Martin Luther verteufelt er den Zeitgeist nicht, sondern versucht, ihn mit seinen Möglichkeiten zu prägen.
Viele Seiten des Buchs beschreiben einen in der säkularen Welt außergewöhnlich kreativen Zeichner, Redner, auch Unternehmer. Doch die letzten 13 Seiten sind nichts weniger als eine lebensgetränkte, liebevolle und praktische Theologie. Eine Tikilogie. Der Kirche kann sie nur guttun. Positiv, optimistisch, lebensnah. Und ganz nebenbei ist Tikis Autobiografie eine berührende Liebeserklärung an Frau, Kinder, Enkel.
Küstenmacher, Werner Tiki: Einfach Tiki. Mein Leben in Worten und Strichen, Freiburg, Herder, 224 Seiten, 22 Euro, ISBN: 978-3-451-60163-7
Autor:Online-Redaktion |
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