Ein Land im Aufbruch

Weltgebetstag: In diesem Jahr stammt die Liturgie von Frauen aus Slowenien, einem der Nachfolgestaaten des zerfal­lenen Jugoslawien. Ein Besuch bei Christinnen in dem Balkanland, das sich schon immer mehr zu Mitteleuropa zählte.

Von Susanne Borée

Vera Lamut knetet einen Teig nach slowenischem Rezept. Die Slowenin hat dabei den Weltgebetstag am 1. März 2019 fest im Blick. »Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, dass sich bald Frauen weltweit mit Slowenien beschäftigen«, so Vera Lamut. Denn in diesem Jahr kommt die Weltgebetstags-Liturgie von ihnen.
Bereits Anfang 2016 begannen die Planungen der Frauen in Ljubljana, erklärt Corinna Harbig. Die Pfarrerin aus Deutschland lebt seit gut 20 Jahren in Slowenien. Sie gibt dort vor allem Deutschkurse am Goethe-Institut in der Hauptstadt Ljubljana. Lange betreute sie dort nebenher die deutschsprachige evangelische Auslandsgemeinde. Nun wird diese Arbeit leider nicht mehr von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) getragen.
Gleichzeitig engagiert sich Corinna Harbig schon lange in der internationalen Weltgebetstagsarbeit. Bis 2017 stand sie jahrelang als Präsidentin dem Exekutivbüro des Weltgebetstagskomitees vor. Nun richtet mit Slowenien erstmals wieder ein europäisches Land diese Feier aus – nachdem zuvor Frauen aus Surinam, den Philippinen oder aus Kuba sie vorbereiteten.
Vera Lamut leitete die LiturgieGruppe. Sie kommt aus einer katholischen Gemeinde Ljubljanas. Katholiken stellen mehr als die Hälfte der slowenischen Bevölkerung. Evangelische machen weniger als ein Prozent der Bevölkerung aus. Dennoch arbeiten Corinna Harbig und Vera Lamut schon seit Jahren für die Weltgebetstage ökumenisch zusammen.
»Aber es ist ein wenig mühsam, serbisch-orthodoxe Frauen für unsere Arbeit zu gewinnen«, ergänzt Vera Lamut. Zu dieser Konfession bekennen sich nur rund drei Prozent der Bevölkerung. Doch sei es schwieriger, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Nicht nur für ein so großes Projekt wie die Vorbereitung des Weltgebetstages für das eigene Land, sondern auch für die alltägliche Arbeit. Grundsätzlich seien die serbisch-orthodoxen Repräsentanten schon für die Weltgebetstagsarbeit, erläutert Corinna Harbig. »Doch es kommen leider immer nur zwei oder drei Frauen« dieser Konfession.
Eine Nachwirkung des Auseinanderdriftens Ex-Jugoslawiens in den 1990er-Jahren? Slowenien, der nördlichste und wirtschaftlich erfolgreichste Nachfolgestaat, erlangte 1991 die Unabhängigkeit. Seit 2004 ist Slowenien Mitglied der EU. Und seit 2007 gilt der Euro im Land.
»Die Verlierer der Staatswerdung sind die Minderheiten bei uns«, schränkt Vera Lamut ein. Viele Roma, aber auch viele Kroaten, die bis 1990 in der Stahlindustrie arbeiteten, haben Probleme im Land. Damals verloren sie die Arbeit und es dauerte offenbar lange, bis ihr rechtlicher Status gesichert war. Noch immer sind sich Slowenien und Kroatien nicht endgültig über die Grenze zwischen ihren Ländern einig – wenigstens herrschte nur wenig Gewalt.
Grundsätzlich fördert die Weltgebetstagsarbeit die Gesprächsbereitschaft. Das wird auch in Ljubljana deutlich. Ausgehend von ihrer Zusammenarbeit starteten die Frauen ein interreligiöses Projekt in Sarajevo, bei dem sie auch mit muslimischen Frauen zusammentrafen.
Harbig schwärmt im Blick auf ihr Land: »Hier gibt es auf kleinstem Raum so viele schöne Regionen« – von den Alpen bis zur Adria sei so vieles mit einem Tagesausflug zu entdecken. Dabei konzentriert sich das Leben in der Hauptstadt Ljubljana. Sie hat zwar nur etwa 200 000 Einwohner, doch das sind zehn Prozent der Bevölkerung. Und viele pendeln quer durchs Land in die Hauptstadt. Etwa 80 bis 90 Prozent der Wohnungen sind Eigentum der Bewohner, so Lamut. Die Häuser in den Dörfern sowieso. »Denn nach 1991 konnten die Bewohner ihre Wohnungen billig, und zwar wirklich günstig, kaufen.« Doch heutige Mieten seien sehr teuer. Das behindert die Beweglichkeit der Menschen. Und wenn sie mobil sind, dann wandern sie gleich ganz ab – gerade Ärzte und Ingenieurinnen nach Nord- oder Westeuropa.
Das Land trägt zudem noch immer schwer an der Wirtschaftskrise von 2008. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse gerade für jüngere Menschen sind die Regel. Denn die Lebenshaltungskosten sind nur wenig niedriger als etwa in Deutschland, die Löhne aber deutlich geringer.
Über eine Begegnung vor einem Jahr freut sich Vera Lamut besonders: Im Februar besuchte sie eine Tagung im österreichischen Salzburg. Dort besprach sie gemeinsam mit deutschsprachigen Frauen aus Österreich, der Schweiz und Deutschland eine gemeinsame Übersetzung der Weltgebetstagstexte. »Erstmals geschah das mit unserem Vorschlag«, berichtet sie stolz.

Weltgebetstagsland Slowenien
Das Land hat rund 2,1 Millionen Einwohner, zu 83,1 Prozent Slowenen. Dazu kommen Minderheiten von Serben, Kroaten, Bosniern und Albanern sowie kleine Gruppen von Italienern, Magyaren und Deutschen.
58 Prozent der Bevölkerung sind katholischen, 0,9 Prozent evangelischen Bekenntnisses. Tipp: Vom 19. bis 25. Oktober 2019 führt eine »Glaube + Heimat«-Leserreise nach Slowenien und verspricht Begegungen mit einheimischen Christen sowie touristische Höhepunkte.
Informationen: Redaktion »Glaube + Heimat«, Ramona Schurig, Johann-Sebastian-Bach Straße 1 a, 99423 Weimar, Telefon (0 36 43) 24 61 20, E-Mail
www.meine-kirchenzeitung.de/c-leserreisen

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