Regionalbischöfin auf Tour
Seelsorge beim Radwechsel

Foto:  pexels/Morachis/EKM

Was bewegt den Mittelstand in Sachsen-Anhalt? Das möchte Regionalbischöfin Bettina Schlauraff wissen und ist derzeit auf Tour im Norden der EKM. Über ihren ersten Arbeitseinsatz in einer KFZ-Werkstatt hat sie mit Beatrix Heinrichs gesprochen.

Im vergangen Jahr waren Sie in diakonischen und sozialen Einrichtungen zu Gast. Warum sind Ihnen diese Besuche wichtig?
Bettina Schlauraff: Kirche muss dahin gehen, wo die Menschen sind, um zu hören, was sie bewegt. Also habe ich Tafeln besucht, Einrichtungen der offenen Jugendarbeit oder Werkstätten für Menschen mit Behinderung und dort mitgearbeitet. Kirche ist hier engagiert – mit Menschen, die Beeindruckendes leisten. Das Thema Armut dabei sichtbar zu machen, war mein Ziel. Es ist immer noch ein Tabu – und betrifft doch viele Menschen. Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt in Verantwortung kommen sollte, ist zu befürchten, dass die Arbeit vieler dieser Einrichtungen zur Debatte steht. Dabei ist sie absolut gesellschaftsrelevant.
Wie entstand die Idee Handwerker zu besuchen?
Ich war ja 20 Jahre lang Landpfarrerin und weiß, dass Handwerker eine wichtige Stütze für unsere Kirche sind. Sie sind in den Gemeindekirchenräten vertreten, wo sie sich mit ihrem Wissen und Können einbringen. Oft habe ich das Gefühl, dass wir ihre Arbeit als Selbstverständlichkeit begreifen. Grund genug, sie in den Fokus zu rücken.

Wie funktioniert die Vermittlung?
Zuerst hatten wir überlegt, eine Anzeige zu schalten: Regionalbischöfin zu buchen. Aber die Kontakte sind auf anderem Weg entstanden, aus den Kirchengemeinden und persönlichen Begegnungen. Den Leiter der Autowerkstatt Ahrends in Osterburg, in der ich kürzlich für einen Tag mitarbeiten durfte, habe ich bei der Kreissynode in Stendal kennengelernt.

Sind Sie jetzt Expertin im Zündkerzenwechseln?
Fachlich konnte ich natürlich nicht viel beitragen. Technik aber finde ich super spannend. Das liegt bei uns in der Familie. Mein Vater ist Bauingenieur, mein Großvater Werkzeugmacher. Die Mitarbeiter in der Werkstatt haben mir beigebracht, wie eine Wartung abläuft, wie man Öl ablässt oder eine Batterie ausbaut. Bei kleineren Arbeiten konnte ich mit anpacken. Für den Radwechsel habe ich Reifen durch die Halle gerollt. Vor allem aber habe ich mich mit den Mitarbeitern unterhalten.

Was berichten Ihnen die Menschen?
Der Fachkräftemangel ist ein Thema. Zudem stehen viele Arbeitnehmer vor dem Ruhestand. Wer führt den Betrieb fort? Diese Frage beschäftigt genauso wie die wirtschaftlichen Herausforderungen: gestiegene Energiepreise oder hohe Abgaben. Im Osten gibt es weniger Rücklagen, die Betriebe sind jünger und der Mittelstand ist nicht so resilient wie anderswo. Auch Gespräche mit Kunden haben sich ergeben. Da war ein Herr, der sein 18 Jahre altes Auto zur Reparatur brachte. Ein neues kann er sich nicht leisten und die Mitarbeiter versicherten ihm, dass sie das schon wieder hinkriegen werden. Das ist Sozialarbeit, manchmal Seelsorge, die hier geleistet wird.

Welche Rolle spielte der Glaube im Arbeitsalltag?
In der Werkstatt zeigte sich der Glaube vor allem in der Grundhaltung den Mitarbeitern und Kunden gegenüber. Die Inhaber haben manche Krise erlebt und sind trotzdem hoffnungsfrohe Menschen. Davon können sie viel weitergeben.

Haben Sie mit den Mitarbeitern gebetet?
Ein Gebet oder Segen hat sich in der Werkstatt nicht angeboten. Den meisten Menschen im Norden Sachsen-Anhalts ist der Glaube fern und mit der kirchlichen Sprache können sie wenig anfangen. Trotzdem bin ich überzeugt, merken sie, dass da etwas Kraftvolles ist. Bei meiner nächsten Besuchstour werde ich eine ganze Nacht in einer Backstube stehen. Das wird eine interessante Erfahrung. Vielleicht kann ich da über den Segen nochmal nachdenken. Zuerst hatten wir überlegt, eine Anzeige zu schalten: Regionalbischöfin zu buchen.

Autor:

Beatrix Heinrichs

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