Gedenken an Oskar Brüsewitz
Was die Akten zeigen
- Foto: epd-bild/Thomas Nawrath
- hochgeladen von Online-Redaktion
Die Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz am 18. August 1976 stürzte das DDR-Regime in eine Krise. Auf die Kirche wurde Druck ausgeübt, sich von Brüsewitz zu distanzieren. Was zeigen die Akten 50 Jahre danach
Von Thomas Nawrath
Magdeburg (epd). Mehrere Bücher und ein Film haben bereits die Selbsttötung von Pfarrer Oskar Brüsewitz vor 50 Jahren und die folgende Auseinandersetzung zwischen Kirche und Staat in der DDR beleuchtet. «Dass die verschiedenen Wege der Annäherung zu unterschiedlichen Bewertungen führen können, ist nicht verwunderlich», sagte der Theologe Christian Fuhrmann. Im Rahmen einer Forschungsarbeit wurde er von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mit der kritischen Sichtung der Akten zum Fall Brüsewitz beauftragt.
- Gedenkveranstaltung vor der Michaeliskirche: EKM-Landesbischof Friedrich Kramer (v.l.) und die Töchter von Oskar Brüsewitz, Esther Froebel und Dorothea Eichmann
- Foto: epd-bild/Thomas Nawrath
- hochgeladen von Online-Redaktion
«Die DDR-Führung erwartete, dass sich die evangelische Kirche von der Tat und der Person Brüsewitz klar distanziert», sagte Fuhrmann. Man wollte die Selbstverbrennung in Zeitz «unter der Decke halten».
Als dann jedoch in bundesdeutschen Medien Berichte erschienen, begann eine Kampagne mit Schmähungen gegen die Person Oskar Brüsewitz, aber auch gegen die Kirche. Trotz enormen Drucks habe die Kirchenleitung standgehalten, erläuterte Fuhrmann.
Die Tat an sich konnte die Kirche natürlich nicht gutheißen, meint Fuhrmann. Doch beim Begräbnis von Oskar Brüsewitz bekräftigte Propst Friedrich-Wilhelm Bäumer (1917-2003): «Wir distanzieren uns von Bruder Brüsewitz nicht.» Aufgrund der staatlichen Verleumdungskampagne habe sich auch Bischof Werner Krusche
(1917-2009) gezwungen gesehen, beim Kirchentag in Halle (Saale) Anfang September klar Position zu beziehen.
- Christian Fuhrmann
- Foto: Paul-Philipp Braun
- hochgeladen von Online-Redaktion
Christian Fuhrmann
Nach dem Theologiestudium in Naumburg (Saale) war Christian Fuhrmann als Kreisjugendpfarrer und Gemeindepfarrer (bis 1997) im Kirchenkreis Naumburg, danach als Superintendent im Kirchenkreis Aschersleben-Quedlinburg und im Kirchenkreis Sömmerda tätig.
Seit 2007 war er im Fachgebiet Gemeindeentwicklung und Mission und schließlich von 2013 bis 2025 als Gemeindedezernent der EKM tätig.
Anfang 2026 ist von der mitteldeutschen Kirche im Rahmen einer Forschungsarbeit mit der kritischen Sichtung der Akten zum Fall Brüsewitz beauftragt.
Laut Fuhrmann führte das dazu, dass dem Kirchenmann vonseiten staatlicher Stellen und der SED unterstellt wurde, ein Lügner zu sein: «Die Kirche hat im Hinblick auf Öffentlichkeitsarbeit nicht das geleistet, was von der DDR-Staatsführung erwartet wurde», ergänzte Fuhrmann. Doch zugleich setzte eine innerkirchliche Debatte ein, die mehr Distanz zum Staat einforderte.
Die Akten zeigten aber auch, dass bisweilen verschiedene Ansichten zu einem Thema herrschen, sagte Fuhrmann. Zu einer solchen Situation sei es 1977 in der Debatte um die Namensgebung des Brüsewitz-Zentrums in Bad Oeynhausen gekommen. Demnach befindet sich im Kirchenarchiv der EKM «das handschriftliche Exemplar von Frau Brüsewitz, dass sie der Namensgebung mit dem Namen ihres Mannes nicht zustimmt», sagte Fuhrmann. Hingegen berichteten die Initiatoren des Zentrums, dass sie keine Einwände gegen die Namensgebung habe. «Fragen weckt die Tatsache, dass auf die Situation von Frau Brüsewitz in diesem Ringen offenbar wenig Rücksicht genommen wurde», sagte Fuhrmann.
Autor:Online-Redaktion |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.