Rückzug : Institution
Warum Kirchen leerer werden, die Sehnsucht aber bleibt
Der Rückzug aus der Institution
Die Kirchen in Deutschland werden leerer. Immer mehr Menschen treten aus, immer weniger besuchen regelmäßig einen Gottesdienst, und für einen wachsenden Teil der Bevölkerung spielt institutionelle Religion im Alltag kaum noch eine Rolle. Was über Jahrhunderte selbstverständlich war – Taufe, Konfirmation, kirchliche Trauung, sonntäglicher Gottesdienst, eine feste Bindung an eine Gemeinde –, ist für viele Menschen heute nur noch eine Möglichkeit unter vielen.
Auf den ersten Blick scheint die Entwicklung eindeutig: Die Religion verliert an Bedeutung, die Gesellschaft wird säkularer, und mit jeder Generation entfernt sie sich ein Stück weiter von ihren christlichen Traditionen. Doch diese Sicht erzählt nur einen Teil der Geschichte. Denn während die Kirchen an Mitgliedern verlieren, verschwinden die Fragen nicht, auf die Religion einst Antworten geben wollte. Menschen fragen weiterhin nach Sinn, nach Zugehörigkeit, nach Hoffnung, nach dem richtigen Leben und danach, was angesichts von Leid und Tod überhaupt trägt.
Man verlässt nicht nur einen Glaubenssatz
Eine neuere Untersuchung, auf die auch der verlinkte Instagram-Beitrag aufmerksam macht, ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert. In einer groß angelegten Längsschnittstudie wurden Daten von mehr als 46.000 Menschen aus Neuseeland über mehrere Befragungswellen hinweg ausgewertet. Die Forscher untersuchten unter anderem, wie sich das Erleben von Sinn verändert, wenn Menschen ihre religiöse Identifikation aufgeben. Dabei zeigte sich, dass Personen nach dem Verlassen ihrer Religion im Durchschnitt einen gewissen Rückgang ihres erlebten Lebenssinns berichteten.
Das bedeutet keineswegs, dass nichtreligiöse Menschen kein erfülltes oder sinnvolles Leben führen könnten. Eine solche Schlussfolgerung wäre falsch. Interessant ist vielmehr etwas anderes: Religion besteht für viele Menschen offenbar nicht nur aus der Frage, ob man an Gott glaubt. Sie ist zugleich ein Geflecht aus Beziehungen, Ritualen, Erinnerungen, moralischen Vorstellungen und einer Erzählung darüber, wer man ist und wo man hingehört. Wer seine Religion verlässt, gibt deshalb möglicherweise nicht nur einige Glaubenssätze auf. Er verlässt unter Umständen auch einen vertrauten Bedeutungsraum.
Das erklärt, warum ein Kirchenaustritt formal innerhalb weniger Minuten erledigt sein kann, der innere Abschied aber viel komplizierter ist. Religiöse Prägungen verschwinden nicht automatisch mit einer Unterschrift. Feste, Gebete, Vorstellungen von Schuld und Vergebung, Kindheitserinnerungen, die Sprache von Hoffnung oder die Erfahrung von Gemeinschaft können lange nachwirken.
Die großen Fragen verschwinden nicht
Religion beantwortete traditionell nie nur die Frage, ob Gott existiert. Sie verband das individuelle Leben mit einer größeren Geschichte. Geburt und Tod, Liebe und Schuld, Scheitern und Hoffnung erhielten einen Platz in einem umfassenderen Zusammenhang. Der einzelne Mensch musste den Sinn seines Lebens nicht vollständig selbst erfinden.
Diese religiöse Welt hatte zweifellos auch Schattenseiten. Sie konnte eng sein, Menschen ausgrenzen, Zweifel unterdrücken und gesellschaftliche Macht absichern. Es gibt gute Gründe, warum viele Menschen sich von Kirchen und religiösen Autoritäten entfernt haben. Doch selbst wenn alte Antworten nicht mehr überzeugen, bleiben viele der Fragen bestehen. Dass jemand nicht mehr an ein Jenseits glaubt, beseitigt den Tod nicht. Dass traditionelle Moralvorstellungen ihre Verbindlichkeit verlieren, beantwortet noch nicht die Frage nach Gut und Böse. Und der Austritt aus einer Kirche macht das menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit nicht kleiner.
Religion war immer auch eine Antwort auf die Erfahrung, dass menschliches Leben zerbrechlich ist und nicht vollständig beherrscht werden kann. Sie bot Sprache für Situationen, in denen gewöhnliche Sprache an ihre Grenzen gelangt: schwere Krankheit, Verlust, Schuld, Geburt, Sterben, Liebe, Dankbarkeit und Hoffnung.
Zwischen Glauben und Unglauben liegt eine große Landschaft
Deshalb sollte man den Niedergang der Kirchenmitgliedschaft nicht mit dem Verschwinden jeder religiösen oder spirituellen Sehnsucht gleichsetzen. Viele Menschen haben heute ein schwieriges Verhältnis zu religiösen Institutionen, ohne damit jede Vorstellung von Transzendenz abzulehnen. Manche beten, ohne Mitglied einer Kirche zu sein. Andere würden sich niemals als gläubig bezeichnen und erleben dennoch bestimmte Momente als heilig: die Geburt eines Kindes, die Stille eines Waldes, Musik, Liebe, Trauer oder die Nähe des Todes.
Wieder andere interessieren sich für Meditation, Pilgerwege oder spirituelle Praktiken, ohne sich einer bestimmten Glaubensgemeinschaft zugehörig zu fühlen. Selbst Menschen, die Religion grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen, können eine Sehnsucht danach kennen, dass das eigene Leben mehr bedeutet als Leistung, Konsum und die Summe zufälliger Ereignisse.
Zwischen überzeugtem Glauben und überzeugtem Atheismus liegt eine große Landschaft des Suchens, Zweifelns und Hoffens. Vielleicht liegt gerade hier eine der wichtigsten Veränderungen unserer Zeit. Früher war religiöse Zugehörigkeit oft selbstverständlich. Heute ist häufig die Distanz zur Institution selbstverständlich, während religiöse oder spirituelle Fragen individuell auftauchen. Die Suche ist geblieben, aber sie ist privater geworden.
Die Sehnsucht sucht sich neue Orte
Wo traditionelle Religion an Bindungskraft verliert, entsteht nicht einfach ein leerer Raum. Menschen suchen Sinn und Zugehörigkeit an anderen Orten. Manche finden Identität in politischen Bewegungen, andere Gemeinschaft in digitalen Räumen. Manche suchen Ruhe in Meditation und Achtsamkeit, andere Selbstüberschreitung im Sport, in der Natur oder auf Reisen. Wieder andere finden Orientierung bei Coaches, Influencern oder in psychologischen Konzepten.
Daran ist zunächst nichts problematisch. Ein Mensch kann auch außerhalb religiöser Traditionen ein tiefes und erfülltes Leben führen. Bemerkenswert ist jedoch, wie häufig moderne Gesellschaften weiterhin Begriffe und Bedürfnisse hervorbringen, die früher selbstverständlich religiös verstanden wurden. Wir sprechen von „Purpose“, Berufung, Selbstfindung, innerem Wachstum oder davon, Teil von etwas Größerem sein zu wollen.
Wofür bin ich eigentlich da?
Vielleicht verschwindet die religiöse Sehnsucht deshalb nicht, sondern übersetzt sich in eine andere Sprache. Der Wunsch nach Erlösung kann zur Sehnsucht nach Selbstoptimierung werden, das Bedürfnis nach Gemeinschaft zur Suche nach der richtigen Community und der Wunsch nach Transzendenz zum Streben nach außergewöhnlichen Erfahrungen.
Wenn Sinn zur eigenen Aufgabe wird
Die moderne Freiheit hat einen hohen Wert. Menschen müssen heute nicht mehr selbstverständlich die religiösen Vorstellungen ihrer Eltern übernehmen. Sie können Glauben prüfen, ablehnen, verändern oder neu entdecken. Gleichzeitig hat diese Freiheit eine Kehrseite: Wo gemeinsame Deutungsmuster verschwinden, wird der Einzelne stärker selbst dafür verantwortlich, seinem Leben Sinn zu geben.
In einer individualisierten Gesellschaft soll der Mensch nicht nur seinen Beruf, seine Beziehungen und seinen Lebensstil wählen. Er soll möglichst auch herausfinden, wer er im Innersten ist, was seine Berufung ist, welche Werte ihn tragen und wofür sein Leben stehen soll.
Sinn wird damit von etwas Überliefertem zu einem persönlichen Projekt. Das kann befreiend sein, aber auch anstrengend. Gerade eine Kultur der Selbstoptimierung verstärkt diesen Druck. Das eigene Leben soll nicht nur funktionieren, sondern möglichst besonders, erfolgreich und erfüllt sein. Die Frage nach dem gelungenen Leben wird dadurch paradoxerweise nicht kleiner, sondern größer.
Was Religion der Leistungsgesellschaft entgegensetzt
An diesem Punkt besitzt religiöses Denken eine überraschende Aktualität. Der christliche Gedanke, dass der Wert eines Menschen nicht von seiner Leistung abhängt, steht quer zu einer Gesellschaft, in der fast alles messbar geworden ist: Einkommen, Reichweite, Produktivität, Fitness, Attraktivität oder gesellschaftlicher Erfolg.
Die Vorstellung, dass ein Mensch Würde besitzt, bevor er irgendetwas geleistet hat, ist alles andere als belanglos. Auch Begriffe wie Gnade und Vergebung wirken in einer modernen Leistungskultur beinahe fremd. Sie sagen, dass ein Mensch mehr ist als die Summe seiner Fehler und dass nicht alles im Leben verdient oder erarbeitet werden muss.
Religion spricht zudem von jenen Bereichen, in denen der Mensch an die Grenzen seiner eigenen Macht stößt. Sie nimmt ernst, dass nicht alles repariert, erklärt oder beherrscht werden kann. Manche Verluste bleiben Verluste. Manche Fragen bleiben offen. Manche Wunden verschwinden nicht.
Warum die Kirchen trotzdem Menschen verlieren
Aus der fortbestehenden Sehnsucht folgt allerdings nicht, dass Menschen automatisch wieder in die Kirchen zurückkehren. Wenn die großen Fragen geblieben sind, die Institutionen aber dennoch Mitglieder verlieren, müssen die Kirchen auch auf sich selbst schauen.
Missbrauchsskandale, Machtstrukturen, moralische Widersprüche und Vertrauensverlust haben tiefe Spuren hinterlassen. Hinzu kommt, dass kirchliche Sprache vielen Menschen fremd geworden ist. Was innerhalb einer Gemeinde selbstverständlich klingt, erreicht außerhalb dieser Welt häufig kaum noch jemanden.
Eine Kirche kann organisatorisch hervorragend funktionieren und trotzdem geistlich bedeutungslos erscheinen. Sie kann über Strukturen, Finanzen, Gebäude und Reformprozesse diskutieren und dabei vergessen, warum Menschen überhaupt religiöse Orte aufsuchen.
Wer nach langer Zeit wieder eine Kirche betritt, weil ein Angehöriger gestorben ist, eine Beziehung zerbrochen ist oder das eigene Leben aus den Fugen geraten ist, sucht in diesem Moment selten ein kirchenpolitisches Programm. Er sucht vielleicht Trost, Stille, Orientierung oder wenigstens einen Ort, an dem seine Frage nicht sofort weggeredet wird.
Wenn Menschen weiterhin nach Sinn suchen, warum suchen sie ihn so häufig woanders?
Diese Frage sollten sich Kirchen stellen. Die Antwort kann nicht nur darin bestehen, der Gesellschaft Oberflächlichkeit oder Glaubensverlust vorzuwerfen.
Eine kleinere Kirche muss wissen, warum es sie gibt
Vielleicht liegt im Verlust gesellschaftlicher Selbstverständlichkeit auch eine Chance. Eine Kirche, der früher viele Menschen angehörten, weil es eben üblich war, musste ihre Existenz weniger erklären. Eine kleinere Kirche kann sich diesen Luxus nicht leisten.
Die entscheidenden Fragen sind dann nicht nur organisatorischer Natur. Was hat eine Kirche einem Menschen zu sagen, der Angst vor dem Tod hat? Was sagt sie Eltern, die ein Kind verloren haben? Was sagt sie jemandem, der schuldig geworden ist und sich selbst nicht vergeben kann? Was sagt sie einem jungen Menschen, der alle Möglichkeiten besitzt und trotzdem nicht weiß, warum er morgens aufstehen soll?
Und was sagt sie einem Menschen, der nicht sicher ist, ob er an Gott glaubt, aber hofft, dass das Leben mehr sein könnte als Zufall, Materie und Zeit?
Eine kleinere Kirche könnte an gesellschaftlicher Macht verlieren und zugleich geistlich deutlicher werden. Vielleicht müsste sie wieder stärker jene Räume pflegen, in denen Fragen gestellt werden können, die andernorts keinen Platz finden.
Die leeren Kirchen erzählen nur die halbe Geschichte
Die leeren Kirchen sind real. Sie zeigen, dass eine bestimmte institutionelle Form von Religion ihre frühere Bindungskraft verliert. Daraus folgt jedoch nicht, dass der moderne Mensch seine existenziellen Fragen überwunden hätte.
Unsere Gesellschaft verfügt über Möglichkeiten, von denen frühere Generationen kaum träumen konnten. Wir können nahezu jederzeit kommunizieren, Informationen innerhalb von Sekunden abrufen, Krankheiten behandeln, Entfernungen überwinden und unser Leben in einem historisch außergewöhnlichen Maß individuell gestalten.
Doch all diese Möglichkeiten beantworten nicht automatisch die Frage, wofür wir sie nutzen sollen. Eine Suchmaschine kann Millionen von Ergebnissen liefern, aber sie kann keinem Menschen sagen, warum gerade sein Leben Bedeutung besitzt. Medizin kann Leben verlängern, aber sie beantwortet nicht, wie ein Mensch mit seiner Endlichkeit leben soll. Wohlstand kann vieles erleichtern, aber er garantiert weder Gemeinschaft noch Hoffnung.
Vielleicht besteht darin das eigentliche Paradox unserer säkularen Zeit: Religion verliert ihre Selbstverständlichkeit, während die Fragen, aus denen Religion entstanden ist, erstaunlich hartnäckig bleiben.
Die Sehnsucht nach Sinn, Gemeinschaft, Hoffnung und etwas, das über das eigene Ich hinausweist, ist nicht einfach verschwunden. Sie hat neue Formen angenommen und neue Orte gefunden.
Für die Kirchen könnte deshalb die entscheidende Frage der Zukunft weniger lauten, wie sie wieder so groß werden wie früher. Wichtiger wäre die Frage, ob ein suchender Mensch, der heute durch ihre Tür kommt, dort noch etwas findet, das groß genug ist für seine Fragen.
Autor:Thomas Klein |
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