Ein Sonntag wider Angst und Resignation
Hoffnungstrotzig in Dessau
- Bläser waren Trumpf beim "Hoffnungskulturfest" in Dessau am 30. August.
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Eine Woche vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt kommen auf dem Dessauer Marktplatz Kirchen, Kultur und Zivilgesellschaft zum Hoffnungskulturfest zusammen. Es wird gebetet, diskutiert, gegessen und viel gesungen. Erst erstaunlich spät fällt ein Wort, das doch den ganzen Tag über in der Luft liegt: AfD. Zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick war dabei.
Von Reinhard Mawick
Posaunen von ferne, da muss es sein! Beim Rathaus links abbiegen, und der Dessauer Marktplatz sieht an diesem Sonntag ganz anders aus als sonst: Vor der Bühne stehen 125 Tische, jeder liebevoll mit einem Blumenstrauß geschmückt, daneben sitzt ein stattlicher Posaunenchor und spielt sich warm. Alles ist bereitet für das Hoffnungskulturfest der Evangelischen Landeskirche Anhalts. Motto: Miteinander, Mittagessen und Musik. Um 11 Uhr soll der Gottesdienst beginnen, und schon eine gute halbe Stunde vorher sind die Tische gut besetzt. Als es losgeht, sind sie voll. Da dürfte den Verantwortlichen der Landeskirche der erste Stein vom Herzen gefallen sein. Noch wenige Tage zuvor gab es die Sorge, der Marktplatz könnte nicht einmal zu einem Drittel gefüllt werden.
Nun aber eröffnet Kirchenpräsident Karsten Wolkenhauer bei sonnigem, etwas windigem Spätsommerwetter den Gottesdienst vor gut tausend Menschen. Seine Predigt hat es in sich. Er predigt über die sogenannte Baumparabel des Jotam aus dem neunten Kapitel des Richterbuches: Die Bäume suchen einen König. Olivenbaum, Feigenbaum und Weinstock lehnen dankend ab. Sie tragen Früchte, produzieren Öl und Wein, haben also Wichtigeres und Wertvolleres zu tun. Schließlich kommt der Dornbusch zum Zuge. Der hat eine große Klappe, sonst aber nicht viel zu bieten. Er verspricht den anderen Bäumen Schatten. Und sollte das nichts werden mit dem Schatten, droht er gleich noch mit Feuer. „Ist das euer Ernst? Ein Dornbusch als König?“, fragt Wolkenhauer.
Im alten Israel präsentiert Jotam diese Parabel, nachdem sein Halbbruder Abimelech seine Brüder ermorden ließ und anschließend zum König gemacht wurde. Mehr als zweieinhalbtausend Jahre sei die Geschichte alt, sagt Wolkenhauer, aber sie habe unter der nationalsozialistischen wie unter der SED-Diktatur ihre Aktualität bewiesen. Und heute? Heute gehe es wieder um „Brandstifter und Großmäuler und Drohgebärden“. Der Name der Partei, an die hier vermutlich die meisten denken, fällt nicht.
Versprochener Schatten
Wolkenhauer erzählt von Wanderungen durch Sachsen-Anhalt in sommerlicher Hitze und von der Sehnsucht nach einem Baum, der Schatten spendet. Auch Menschen sehnten sich nach Schutz: vor Arbeitslosigkeit und Einsamkeit, Armut und Gewalt, vor dem Gefühl, nicht gesehen und nicht gewürdigt zu werden. Genau darin liege die Versuchung des Dornbuschs: Wenigstens einer verspreche Schutz. Vielleicht meine er es ja gar nicht so, wenn er nebenbei mit Feuer drohe. Man könne ihm doch eine Chance geben. Aber dann brennt der Wald.
- Kirchenpräsident Karsten Wolkenhauer predigt beim Hoffnungskulturfest in Dessau am 30. August.
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Die Predigt sitzt. Eine Woche vor der Landtagswahl muss niemand lange überlegen, worauf sie zielt. An den Tischen wird anschließend geredet. Jan und Brigitte engagieren sich in Dessau im Verein VorOrt. Vor einem Jahrzehnt haben sie mit anderen das alte Militärlazarett in der Wolfgangstraße renoviert. Heute ist es Kulturzentrum und Schnittstelle zwischen Hochschule und Dessauer Stadtgesellschaft. Solche Initiativen gehören zu jenem Geflecht aus Kultur, Kirche und Zivilgesellschaft, das auf dem Marktplatz sichtbar wird.
Anhalt ist an diesem Sonntag nicht allein. Das zeigt schon die ungewöhnlich große Zahl leitender Geistlicher aus anderen Landeskirchen, die nach Dessau gekommen sind. Der Berliner Bischof Christian Stäblein wirkt im Gottesdienst mit. Auf dem Marktplatz sind außerdem Friedrich Kramer aus Mitteldeutschland, die braunschweigische Landesbischöfin Christina-Maria Bammel, Beate Hofmann aus Kurhessen-Waldeck, die hessen-nassauische Kirchenpräsidentin Christiane Tietz und der württembergische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl. Auch die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs und Synodenpräses Anna-Nicole Heinrich sind da.
Mittag auf dem Markt
Nach dem Gottesdienst erst einmal Mittagessen. Vor der Essensausgabe bilden sich lange Schlangen. Rechts Bratwurst im Brötchen, links Kartoffelsuppe. In der Schlange kommt man ins Gespräch; wer nicht warten will, schlendert durch die Ständewelt im hinteren Teil des Marktes. Dort steht auch eine imposante Kletterwand, an der munter auf- und abgestiegen wird. Gottlob spielt das Wetter mit. Der Wind ist bisweilen stark genug, dass die Prospekte auf den Tischen festgehalten werden müssen, aber meistens scheint die Sonne. So ist dieses Hoffnungskulturfest Gottesdienst und Bürgerfest, Kirchentag im Kleinformat und politische Demonstration, ohne recht eine politische Demonstration sein zu wollen. Initiativen wie „Bewusst wählen“ und „Herz statt Hetze“ sind da, Kulturinstitutionen und Fördervereine, Kirchenleute und Menschen, die mit Kirche erkennbar wenig anfangen können. Kaffee und Kuchen, Stände, Gespräche, Musik. Man trifft Bekannte, verliert sie wieder, bleibt irgendwo hängen. Und über allem liegt ein Gefühl: Heute gilt’s.
Denn natürlich weiß jeder, warum dieses Fest eine Woche vor der Wahl stattfindet. Natürlich kennt jeder die Umfragen. Aber erstaunlich lange wird auf dem Marktplatz nicht darüber gesprochen, gegen wen man ist. Stattdessen geht es darum, wofür man sein will. Zum Beispiel für Heimat. Nach dem Mittag diskutiert die Journalistin Helene Bubrowski von Table Media – im kommenden Jahr wird sie Mitherausgeberin der FAZ – mit Menschen aus großen Kultureinrichtungen darüber, was dieses umkämpfte Wort bedeuten kann. Kai Langer von der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt sagt, man dürfe Heimat nicht denen überlassen, die daraus einen Ausschlussbegriff machen. Man könne Dessauer, Sachsen-Anhalter, Deutscher und Europäer zugleich sein. Zu Heimat gehöre allerdings auch ihre dunkle Geschichte. Barbara Steiner, die aus Österreich stammende Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, setzt noch einen drauf. Gerade dem Bauhaus werde immer wieder vorgeworfen, internationalistisch, globalistisch und austauschbar, deshalb eigentlich nicht von hier zu sein. Historisch sei das Unsinn. Das Bauhaus habe von regionalem Handwerk und Industrie ebenso gelebt wie von internationalen Netzwerken. Und überhaupt: „Die Heimat des Bauhaus ist Dessau.“
Von Hoffnung getragen
Als Bubrowski zum Schluss fragt, was Hoffnung bedeute, unterscheidet Langer zwischen Hoffnung und Optimismus. Optimismus sage: Es wird schon gutgehen. Wer Geschichte kenne, könne das nicht behaupten. Hoffnung bedeute etwas anderes: seinen Werten zu vertrauen und nach ihnen zu leben, auch wenn man den Ausgang nicht kennt. Wohl wahr. Den ganzen Tag über versuchen die Gäste auf der Bühne, das zu konkretisieren. Am Nachmittag sitzt dort Justus Geilhufe, Landpfarrer aus Sachsen. Er wirbt dafür, dass Kirche sich nicht aus der Fläche verabschieden dürfe. Es müsse jemand da sein, wenn spätabends am Pfarrhaus geklingelt werde, weil die Mutter gestorben ist und einer nicht weiß, wohin sonst. Kirche müsse ein solcher Ort sein – auch für Menschen, die gar nicht dazugehören.
- Moderatorin Helene Bubrowski (links) auf dem Podium mit Pfarrer Justus Geilhufe, EKD-Präses Anna-Nicole Heinrich und Regionalbischöfin Bettina Schlaudraff in Dessau am 30. August.
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Anna-Nicole Heinrich, Präses der EKD-Synode, setzt bei der Sprachfähigkeit an. Christinnen und Christen müssten wieder sprachfähiger werden und erzählen können, warum ihnen ihr Glaube Halt und Kraft gibt. Kirche müsse zugleich den Mut haben, Neues auszuprobieren und Räume zu öffnen. Nicht jedes Format werde funktionieren. Das dürfe aber kein Grund sein, sich aus Angst vor dem Scheitern auf das Bewährte zurückzuziehen. Und dann, kurz vor 16 Uhr, ist zum ersten Mal auf der Bühne ausdrücklich von der AfD die Rede. Bettina Schlauraff, Regionalbischöfin im Sprengel Magdeburg der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, spricht von „der Partei, deren Name hier offensichtlich auf der Bühne noch nicht genannt wurde“. Sie nennt ihn nun. Die AfD greife die Kirchen als Institutionen an, stelle infrage, ob sie das Evangelium richtig verkündigten, rufe zum Kirchenaustritt auf und drohe mit dem Entzug finanzieller Mittel. Aber die Kirche solle daraus keine Nabelschau machen. Entscheidender seien die Angriffe auf Menschen: auf Migranten, queere Menschen und Klimaschützer. An deren Seite müsse Kirche stehen. „Fröhlich und selbstbewusst“ solle man dem entgegentreten, ergänzt Geilhufe. Vor allem aber gelte es, sichtbar zu bleiben: „Wir sind auch noch hier.“
Für etwas
Dann kommt Sebastian Krumbiegel. Für viele dürfte der Sänger der Prinzen der Star dieses Tages sein. Krumbiegel braucht keine Band, um den Marktplatz zu bekommen. Ein Mann, eine Stimme, ein Klavier und ziemlich wenig Scheu vor deutlichen Worten. Er sagt gleich zu Beginn, er sei lieber für etwas als gegen etwas. Natürlich sei er gegen Nazis, Rassismus und Antisemitismus. Aber zunächst einmal sei er für einen respektvollen Umgang. Dann singt er der Demokratie ein Ständchen. Sie ist in seinem Lied weiblich, verletzlich und umgeben von Schwestern namens Liebe, Hoffnung, Barmherzigkeit und Humanität. Krumbiegel kann auch gröber. Nationalismus findet er „scheiße“, und er singt über den rechten Platz, der längst nicht mehr leer ist.
Krumbiegel erzählt von seiner Großmutter. Er war fünfzehn, als sie ihm vom 9. November 1938 erzählte. Sie war damals neunzehn und fuhr in Leipzig Straßenbahn. Die Menschen sahen, was geschah – und schauten schnell wieder weg. Auch sie selbst habe weggeschaut, sagte die Großmutter Jahrzehnte später zu ihrem Enkel. Und sie schäme sich dafür. Krumbiegel sagt ausdrücklich, dass historische Vergleiche hinken. Die Zwanzigerjahre dieses Jahrhunderts sind nicht die Zwanzigerjahre des vergangenen. Aber wenn wieder Menschen mit Ideen kämen, die ihn an damals erinnerten, wolle er nicht wegsehen. „Nicht noch mal“ heißt das Lied, das er seiner Großmutter widmet. Auch Krumbiegel will nicht beim bloßen Dagegensein stehen bleiben. Er wolle nicht die ganze Zeit „mit zwei ausgestreckten Mittelfingern“ dasitzen. Sein letztes Lied heißt „Meine Nation sind die Liebenden“. Grenzenlos.
Im Gespräch danach fragt Bubrowski, woher er eigentlich seine Hoffnung nehme. Krumbiegel muss nicht lange überlegen. Aus Tagen wie diesem, sagt er. Aus Dessau, Magdeburg, Halberstadt, aus den vielen Orten, an denen er „echt stabile, coole Leute“ treffe. In den Medien werde leider oft ein Bild vermittelt, als liefen in Sachsen oder Sachsen-Anhalt „nur Nazis rum“. Das sei „völliger Schwachsinn“ und vor allem kontraproduktiv. Diejenigen, die anders dächten, müssten sich gegenseitig bestärken. Auf dem Marktplatz in Dessau gewinnt genau das an diesem Sonntag Gestalt: Die anderen sind auch da. Die Frau am Kuchenstand. Die Menschen an den Posaunen. Die Museumsdirektorin. Die Ehrenamtliche, die morgens Stühle gestellt hat. Der Pfarrer aus dem Dorf. Der Mensch, der mit Kirche nichts am Hut hat und trotzdem findet, dass die Kirche im Ort bleiben soll.
Freundliches Gesicht
„Hier erleben wir das freundliche Gesicht von Sachsen-Anhalt“, sagt der Magdeburger Bischof Gerhard Feige. Neben ihm sitzt der sächsische Landesbischof Tobias Bilz. Er erinnert an seinen Vater, der in der DDR darauf bestand, niemals zu vergessen, „dass ein Mensch Wert hat“. Feige wiederum zieht die politische Linie: Kirche sei keine Partei und keine Interessenvertretung. Sie müsse auch nicht behaupten, für jedes politische Problem die perfekte Lösung zu kennen. Aber das Evangelium erlaube ihr ebenso wenig, sich ins Private zurückzuziehen. Wo Menschenwürde und Freiheit bedroht seien, müsse sie öffentlich Position beziehen.
Langsam wird es Abend. Nun soll noch einmal der ganze Marktplatz singen. Die Menschen werden in zwei Gruppen geteilt. Die eine singt „Der Mond ist aufgegangen“, die andere gleichzeitig „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden“. Danach wird getauscht. Und das klappt tatsächlich. „Der Wald steht schwarz und schweiget“, singt die eine Hälfte, während die andere darum bittet, dass Gott bei ihnen bleibe, weil der Tag sich geneigt hat. Die Bläser halten das Ganze zusammen. Wunderbar.
Zum Segen
Am Ende tritt Bischöfin Kirsten Fehrs, die EKD-Ratsvorsitzende, vor die Menschen. Der Segen, kündigt sie an, werde diesmal „einen Augenblick länger“ dauern. Er dauert tatsächlich länger. Noch einmal zieht dieser Sonntag vorbei: 125 Tische, Musik und Gespräche, Streuselkuchen und Posaunen, Sebastian Krumbiegel und die vielen Menschen, die gekommen und geblieben sind. Fehrs bittet sie, einander anzusehen: „Mensch, das ist schön, dass du da bist. Friede sei mit dir.“ Und dann fällt ein Wort, das zu diesem Sonntag in Dessau passt: „Hoffnungstrotz“. „Nehmt ihn mit, den Hoffnungstrotz, damit die Humanität die Mehrheit behält in diesem Land.“ Dann: „Geht in der Hoffnung, die euch gegeben ist. Geht frei, geht aufrecht, geht klar.“ Fehrs hebt die Hände zum Segen. Zum Abschluss singt der Marktplatz, auf dem noch immer einige Hundert Menschen stehen, noch einmal „Der Mond ist aufgegangen“.
Als sich der Marktplatz anschließend langsam leert, sagt Jan vom Verein VorOrt: „Ach, irgendwie hoffe ich jetzt, dass es nächsten Sonntag gutgeht.“
Sein Wort in Gottes Ohr.
Der Autor ist Chefredakteur der Zeitschrift Zeitzeichen, in der der Artikel zuerst erschien.
Autor:Online-Redaktion |
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