μουρμουρίζω (murmuridzo)
Über das Murren im Volk

Foto: JH aus Napun

Manchmal schreibe ich mir Worte auf. Besondere. Schöne. Wohlklingende. Eigentümliche. Ich hebe sie auf. Wie ein Kind in seinem Schatzkästchen. Um sie immer mal wieder herauszuholen. Anzuschauen. Ich pflege da meine Kinderseele.
Dazu gehören: Bauchgrummeln/ Ohrenschmalz oder Himmelshafen/ Himmelszelt oder ungestüm und nimmermüd und Augenstern und herzallerliebst. 
In der vergangenen Woche begegnete mir eines davon. In der Bibel.
Das Wort „Murren“. Es rollt heran mit seinen zwei rr`s im Wortinneren. Das klingt gut fränkisch. Ich könnte auch Meckern und Maulen sagen. Oder grummeln, das ganz tief aus mir herauskommt. Bauchgrummeln. Es kann sich ausbreiten, das Murren.
Das Wort kann groß und größer werden. Laut und polternd. Murren. Bis es die Menge erfasst. Und das ganze Volk murrt. Gibt es in der Bibel häufig. Das Murren als Ausdruck von Unzufriedenheit, ein ungutes Gefühl: da hängt was schief. In der Apostelgeschichte steht: „So auch in diesen Tagen, als die Zahl der Jünger zunahm. Da erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung… Und das Wort Gottes breitete sich aus in unseren Tagen.“ (Apg. 6,1 ff.) Das deutsche Wort Murren hat seine Wurzeln im griechischen: Dort heißt es μουρμουρίζω (murmuridzo).
Manchmal frage ich mich schon: Was von dem, was ich getan habe und tue, hat seinen Ursprung wirklich in Gott? Wo hat sein Heiliger Geist geleitet? Wo hat mich seine Liebe motiviert?
Deshalb darf ich neu lernen, AUF Gott zu HÖREN. Eine innere Haltung entwickeln. Die offen ist für das Führen Gottes. Menschen dürfen sich darin üben. Für das leise Reden und Wehen des Heiligen Geistes.
Ich glaube, dass Menschen dazu eine neuen Geist brauchen. Eine Haltung, die uns in ein Fragen vor Gott hineinführt. Einen Glauben, der nicht aus sich selbst heraus „funktioniert“. Sondern darauf angewiesen ist, dass Gott sich zeigt. Dass Gott redet, dass sein Heiliger Geist Denken und Handeln erfüllt. Es geht um eine innere Haltung. Es geht darum, dass Menschen sich prägen lassen von Gottes Heiligem Geist.
Und es geht darum, dass uns dies eine Perspektive für unser Handeln und Leiten gibt. Mehr denn je werden Menschen daran erinnert: Gerade dann, wenn das Leben so wie in diesen Zeiten einseitiger ist, denn je. Es scheinbar kein Normal mehr gibt. Vieles neu gedacht und gemacht werden muss. Das Gefühl überhandnimmt, alles hinge an uns. Und dann heißt es: wir können doch nichts ändern. Hartmut Rosa bezeichnet dies als den „rasenden Stillstand“. Das lähmende Gefühl, dass der moderne Mensch keine Wirksamkeit erzielt.
Dann rollt das Murren in uns heran. Wie ein Bauchgrummeln, das ganz tief aus einem herauskommt. Und das sich ausbreitet, das Murren. Gewittergleich. Groß und größer wird. Laut und polternd. Bis es die Menge erfasst. Und manch einer missbraucht das Murren. Das ganze Volk murrte. Murren als Ausdruck von Unzufriedenheit, als ungutes Gefühl: da hängt was schief, da fehlt die Balance, da ist etwas ungleichgewichtig, ungerecht. Bis es den Hilferuf der kleinen Leute vielfach verstärkt. Und daraus ein kollektiver Aufschrei gegen die Ungerechtigkeit in der Familie Mensch wird. Krisenzeiten waren für das Volk Gottes immer auch Zeiten, eigenes Handeln zu bedenken. Und umzukehren. Also AUF Gott zu HÖREN.“ Wir brauchen dringend eine Kirche, die uns an die Anderswelt erinnert. An das was Heilig ist. Eine Kirche, die das Geheimnis des Lebens feiert. Staunend und anbetend. Eine Kirche, die erinnert an die Wunder, wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Weisheiten bewahrt, wie Fastenzeiten. Die Woche für Woche wiederholt: die Gebete, die Lieder, die Liturgien. Unser Gehen durch das Kalender- und Kirchenjahr begleitet.
Es geht um eine innere Haltung. Es geht darum, dass Menschen sich prägen lassen von Gottes Heiligem Geist. Und es geht darum, dass dies eine Perspektive für unser Handeln und Leiten gibt. Und.
Ich brauche das für mich selbst. Für meine Seele. Wie sehr bin ich doch verantwortlich für meine Seele. Denn auch ich brauche doch beides. Den Moment des Engagements, in dem Erfahrung wächst und Leidenschaft (vita activa). Arbeiten, etwas herstellen, gestalten, etwas schaffen. Handeln, tätig sein, einen Unterschied machen, etwas zu bewirken ist erfüllend.
Aber ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
TUN hat seine Zeit und AUF-HÖREN hat seine Zeit. Ich brauche gleichzeitig das Andere. Die Momente tiefen Schweigens (vita contemplativa.) Zur Ruhe kommen. Draußen sein. Hören. Einen kleinen Gruß zum Himmel schicken. Meinen Glauben einüben Tag für Tag, der in ein verletzliches Fragen vor Gott hineinführt.
Beten, nicht um schöner beten zu können, sondern um meinen Alltag meistern zu können. Sensibel werden für das leise Reden. Und das Wehen des Heiligen Geistes. Genau wahrnehmen. Dem Klang nachlauschen. Hinhören. Ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. Zwischendurch innehalten, um durchzuhalten. So breitet sich das Wort Gottes aus in mir. Beten, nicht um mich zu beruhigen, sondern um dem Leben in seiner Not verantwortlich gegenüberzutreten.
So kann ich mit den Wörtern von Philipp Zeesen, einem Barockdichter, sagen: Damit ich ohne Murren mit Herzensdank und nimmer müßig den Trostbedürftigen begegne und meinen Nächsten ehre in Tat und Wort.

Autor:

E.F. Johannes Haak

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