Kirchenkreis Mühlhausen
Wo der Thüringer Adel ruht
- Grabungsstelle: Pfarrer Peter Michael Schmudde und Tochter Ida im Turm der Kirche, wo menschliche Knochen zum Vorschein kamen.
- Foto: Fotos (3): Reiner Schmalzl
- hochgeladen von Online-Redaktion
Ein Knochenfund in einem geöffneten Gewölbespalt in der Kirche St. Judas Thaddäus in Kirchohmfeld erregt Aufsehen in dem knapp 380-Einwohner-Dorf. Warum er für die Nachfahren einer Thüringer Grafenfamilie von Interesse ist und eine Nachwuchsarchäologin auf den Plan ruft.
Von Reiner Schmalzl
Neugierige und gespannte Blicke sind derzeit in dem Höhendorf Kirchohmfeld (Kirchenkreis Mühlhausen) in die Tiefe gerichtet. Nicht bloß von der nahen Burg Bodenstein aus hinunter auf die Eichsfelder Landschaft, sondern in einen geöffneten Gewölbespalt in der Kirche St. Judas Thaddäus. Dass unter dem kleinen Gotteshaus bereits seit dem 16. Jahrhundert Pfarrer sowie Angehörige der Adelsfamilie von Wintzingerode bestattet worden waren, ist nicht neu. Bestätigt hat sich dies nun während der im Frühjahr begonnenen Generalsanierung des Innenraumes, als etwa 50 Jahre alte Terrazzo-Fußbodenplatten entfernt werden mussten. Dabei sind unter dem Turmbereich menschliche Knochen entdeckt worden.
Mindestens 42 Angehörige der Adelsgeschlechter von Wintzingerode, von Hanstein, vom Hagen, von Barby-Möckern, von Bültzingslöwen und von Tettenborn haben in den Gewölben ihre letzte Ruhe gefunden. Das konnten Nachfahren der Grafenfamilie Wintzingerode auf den aktuellen Stand bringen. Man sei sehr an weiteren Untersuchungen interessiert, auch weil seine Großtante wenig überliefern konnte, erklärt Jobst Graf von Wintzingerode. Der 47-jährige promovierte Historiker und Politikwissenschaftler erinnert daran, dass die Dörfer Kirch- und Kaltohmfeld urevangelisch seien.
„Gemeinsam mit Wintzingerode, Wehnde und Tastungen waren sie Patronatsdörfer der Freiherren und Grafen von Wintzingerode, die ihren Stammsitz auf der Burg Bodenstein hatten. Als Teil der Herrschaft Bodenstein gehörte Kirch-ohmfeld zunächst zum Hausgut der liudolfingischen Herzöge von Sachsen, zur Salierzeit zu den Besitzungen der Grafen von Northeim. Von diesen erbten es die Edelherren von Bodenstein, die ihre Herrschaft 1275 an die Herzöge von Braunschweig verkauften. 1293 gelangte sie an die Grafen von Honstein, die sie wiederum 1337 an die mit ihnen verwandten Herren von Wintzingerode verkauften.“ Schon bald nach dem Thesenanschlag schloss sich die Familie Wintzingerode mit ihrer Herrschaft der lutherischen Lehre an. 1539 führte Georg von Wintzingerode sie offiziell in Kirchohmfeld ein.
Die vorgesehene Untersuchung der Knochenfunde durch Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität München dürfte neben der Identifizierung von Personen auch medizingeschichtlich interessant sein und Rückschlüsse zur Lebensweise in früheren Jahrhunderten liefern, davon geht Jobst Graf von Wintzingerode aus. Spannend findet die ganze Sache auch die Tochter von Pfarrer Peter Michael Schmudde. Die 17-jährige Ida hat gerade ihr Abitur am Worbiser Gymnasium „Marie Curie“ mit dem Traumergebnis 1,0 abgeschlossen und würde sich am liebsten gleich unter die Archäologen und Forscher hier unmittelbar vor ihrer Haustür mischen. Immerhin will Ida Schmudde ab Herbst an der Universität Leipzig Archäologie, Geschichte und Sprache früher Kulturen studieren.
Den Besuchern der Kirche fällt in der Turmhalle sofort die prunkvolle Grabplatte für Heinrich von Wintzingerode ins Auge. Sie trägt die Inschrift: „Der wohledle, gestrenge, veste und mannhafte Heinrich von Wintzingerode war geboren zu Kirchohmfeld am 29sten September 1577, gestorben in Christo seliglich auf Adelsborn am 7ten August 1634, dessen Seele in Gottes Hand, der Leib aller allhier der frohen Auferstehung zum ewigen Leben gewertig ist“.
Pfarrer Peter Michael Schmudde ist dankbar, dass der im vorigen Jahr gegründete Kirchbauverein mit seinen inzwischen 19 Mitgliedern die Generalsanierung im Innern ehrenamtlich und mit großer Leidenschaft unterstützt. Ohne die unglaubliche Spendenbereitschaft der Kirchohmfelder und der Grafenfamilie wäre das etwa 260 000 Euro umfassende Bauprojekt nicht möglich. Bis Jahresende soll die Sanierung der „guten Stube des Ortes“ mit neuem Fußbodenaufbau und frisch verfugtem Gemäuer dann weitgehend abgeschlossen sein.
Autor:Online-Redaktion |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.