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Pakistan
Der bloße Blasphemie-Vorwurf kann Mob-Gewalt auslösen

Immer wieder kommt es zu Anschlägen auf christliche Kirchen in Pakistan, so wie im August 2023 in Jaranwala in der Provinz Punjab. Ein Mann hält die verkohlten Reste einer Bibel in urdischer Sprache.
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  • Immer wieder kommt es zu Anschlägen auf christliche Kirchen in Pakistan, so wie im August 2023 in Jaranwala in der Provinz Punjab. Ein Mann hält die verkohlten Reste einer Bibel in urdischer Sprache.
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Religionsfreiheit hat in Pakistan Verfassungsrang. In der Praxis ist sie jedoch durch islamische Gesetze und Diskriminierung stark eingeschränkt. Thomas Rachel (CDU), Beauftragter der Bundesregierung für Religionsfreiheit, war kürzlich in dem südasiatischen Land. Über die Lage religiöser Minderheiten hat er mit Erika Gitt gesprochen.

Was hat Sie auf Ihrer Reise besonders bewegt?
Thomas Rachel: Pakistan ist ein hochreligiöses Land. Auch die Minderheiten haben ein lebendiges Glaubensleben. Besonders beeindruckt hat mich die Sacred Heart Convent School in Lahore. Dort unterrichten katholische Ordensschwestern rund 1100 Mädchen, etwa 90 Prozent von ihnen Musliminnen. Mit großer Begeisterung helfen sie den Schülerinnen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

Wo sehen Sie die größten Hindernisse für Religionsfreiheit?
Vier Bereiche machen mir Sorgen: Erstens die scharfen Blasphemiegesetze: Schon ein Vorwurf kann Mob-Gewalt auslösen oder zu jahrzehntelanger Haft führen; auf Blasphemie steht die Todesstrafe. Anschuldigungen werden mitunter aus privaten oder materiellen Interessen erhoben. Die Angst davor betrifft selbst Muslime.
Zweitens Fälle, in denen junge christliche und hinduistische Mädchen entführt, zur Konversion gezwungen und zwangsverheiratet werden.
Drittens diskriminiert die Verfassung Angehörige der Ahmadiyya: Sie dürfen sich nicht als Muslime und ihre Gotteshäuser nicht als Moscheen bezeichnen.
Viertens leiden viele Christen und Hindus in Ziegeleien unter schuldknechtartigen Arbeitsverhältnissen. Manche Familien bleiben über Generationen abhängig. Das betrifft Hunderttausende Menschen.

Was müsste sich ändern?
Ein Mindestalter von 18 Jahren für Eheschließungen ist überall konsequent durchzusetzen. Der Staat muss falsche Blasphemieanschuldigungen strafrechtlich verfolgen und gegen schuldknechtartige Arbeitsverhältnisse vorgehen. Auch die Blasphemiegesetze müssen geändert werden. Bis dahin braucht es zumindest faire Verfahren und eine unabhängige Prüfung der Vorwürfe. Für eine grundlegende Reform fehlt bislang die politische Bereitschaft. Sehr konservative muslimische Gelehrte haben großen Einfluss. In meinen Gesprächen erkannten Einzelne das Problem an; andere lehnten jede Änderung ab.

Was können Deutschland und die EU tun?
Mein Besuch stieß bei religiösen Gruppen, Menschenrechtsverteidigern und der Regierung auf großes Interesse. Ich habe auf Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hingewiesen: Religionsfreiheit gilt für alle – auch in Pakistan. Dazu gehört das Recht, den Glauben öffentlich zu leben, die Religion zu wechseln oder auf eine Religion zu verzichten. Für die Betroffenen ist wichtig zu sehen, dass ihre Lage wahrgenommen wird. Die EU sollte zudem ihre Verhandlungen mit Pakistan über begünstigte Zollregelungen konsequent mit dem Thema Religionsfreiheit verbinden.

Haben Sie Hoffnung auf Veränderung?
Ja. In einer Stadt nahe Karatschi wollte ein Mob nach einem Blasphemievorwurf eine christliche Familie töten. Abgeordnete, Muftis und Vertreter religiöser Schulen stellten sich zwischen den Mob und die Familie. Ihrem Mut verdankt die Familie ihr Leben.
Im Gespräch mit den Beteiligten habe ich appelliert, auch künftig Menschen aus religiösen Minderheiten zu schützen. Ihre Ansichten zu den Blasphemiegesetzen gingen weit auseinander. Aber das Handeln dieser Menschen zeigt: Veränderung ist auch in Pakistan möglich. Daran können wir anknüpfen.   idea

Thomas Rachel ist seit Mai 2025 Beauftragter der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Seit 2015 gehört der 64-Jährige dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland an und ist seit 2003 Bundesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU. Rachel ist mit einer griechisch-orthodoxen Frau verheiratet. Sie haben eine Tochter.

Religionsfreiheit unter Druck

Pakistan ist für Deutschland ein wichtiger Partner bei der Entwicklungszusammenarbeit und ein Vermittler bei Konflikten in der Region.
Rund 4,8 Millionen Menschen, etwa 1,9 Prozent der Bevölkerung, sind Christen. Die Verfassung des Landes garantiert ihnen zwar Religionsfreiheit, doch laut dem Hilfswerk "Open Doors" sind die Gläubigen Diskriminierungen ausgesetzt. Besonders gefährdet seien Konvertiten aus dem Islam.
Christen seien bei der Berufswahl benachteiligt und müssten häufig schlecht bezahlte Reinigungsarbeiten leisten, berichtet "Open Doors". Blasphemievorwürfe gegenüber dem Islam führten zu Verhaftungen, Gewalt oder Mord. Kirchen würden angegriffen. Christliche Mädchen seien von Entführung, Zwangskonversion und Zwangsheirat bedroht.
Arme Christen geraten demnach teils in Schuldknechtschaft. Wenn sie Kredite nicht zurückzahlen könnten, müssten sie unter ausbeuterischen Bedingungen für ihre Gläubiger arbeiten. red

Immer wieder kommt es zu Anschlägen auf christliche Kirchen in Pakistan, so wie im August 2023 in Jaranwala in der Provinz Punjab. Ein Mann hält die verkohlten Reste einer Bibel in urdischer Sprache.
Thomas Rachel | Foto: Foto: epd-bild/Christian Ditsch
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