Kreuz mit Schlange
WAS KIRCHE MACHT
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
KREUZ MIT SCHLANGE
Was macht die Kirche eigentlich? Manche sagen: Sie hilft alten Leuten, hält Beerdigungen und manchmal Hochzeitsfeiern. Das ist nicht falsch. Aber nicht Kern der Sache.
Im einundzwanzigsten Kapitel des vierten Mosebuches wird eine eigentümliche Szene berichtet. Das Volk Israel ist unterwegs in die Freiheit. Doch Freiheit ist anstrengend. Die Erinnerung an Ägypten verklärt sich. Das Murren wächst. Die innere Vergiftung geht der äußeren voraus. Dann heißt es: Schlangen kamen und bissen das Volk. Giftschlangen. Wer gebissen wurde, starb.
Mose bittet um Abhilfe. Gott aber beseitigt die Schlangen nicht. Er befiehlt vielmehr, eine Schlange aus Erz anzufertigen und sie an einem Pfahl hoch aufzurichten. Wer gebissen ist, soll auf dieses Bild schauen – und wird leben.
Das Heilmittel trägt also genau die Gestalt dessen, was verwundet hat. Eine Schlange heilt Schlangenbiss. Ein antiker Lehrsatz aus der Welt des Medicus erklärt es folgendermaßen: Similia similibus curentur. Das ist Latein und bedeutet: Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt. Die Rettung geschieht also nicht durch Verdrängung der Wirklichkeit, sondern durch ihre Erhöhung ins Bild. Das Gift bleibt real. Der Biss ist nicht rückgängig zu machen. Aber im Angeschautwerden wird dem Gift seine tödliche Endgültigkeit genommen. Denn der bewusst gewollte Blick auf die Wahrheit des Giftes verändert das Verhältnis zur eigenen Wunde. Die antiken Ärzte wussten das - und moderne Kunsttherapeuten ebenfalls. Die künstliche Schlange zeigt denen, die hinzuschauen wagen, was wirklich ist - und das wirkt.
Der Kunst ist offenbar eine besondere Kraft verliehen worden. Mose gehorcht dem Auftrag Gottes und wird zum Künstler. Das ist keine Flucht aus der Realität, sondern Arbeit an ihrer Verdichtung. Denn das Bild zwingt zur Wahrheit. Wer hinsieht, anerkennt: So ist meine Lage. Und gerade in dieser Anerkennung geschieht dann das, was die Kirche immer Heil genannt hat.
Und genau hier finden wir den eigentlichen Auftrag der Kirche und seine Wurzel. Die Kirche stellt Bilder auf und aus. Sie erhebt das, was uns verwundet, in aller Öffentlichkeit zu sichtbarer Höhe. Nicht um es zu ästhetisieren, sondern um es anschaubar zu machen. Alles Glück der Welt samt Schuld, Angst, Neid und Tod – sie werden nicht verschwiegen. Sie werden unübersehbar ins Licht gehoben.
Der Gottesdienst ist darum kein moralischer Vortrag und kein sentimentales Beisammensein. Er möge als heiligender und deshalb heilender Anschauungsraum erlebt werden. Hier soll die Wirklichkeit in jene Form erscheinen, welche betrachtend erlebt werden kann, ohne einen zu vernichten.
Philipp Melanchthon wählte die Schlange am Stab zu seinem Siegel. Er wusste: Theologie beginnt dort, wo das Gift benannt wird und im Zeichen Gottes erscheint.
Kirche richtet Schlangen auf – damit die Gebissenen leben. So hilft sie nicht nur den alten Leuten. Sondern allen.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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