Die Helfer vom harten Kern

Packstraße: 100 Helfer stellen mehr als 34000 Tagungsmappen für die Teilnehmer des Kirchentags zusammen (Foto). Zu den Unterlagen gehören neben dem 600-seitigen Programmheft auch ein Liederbuch und ein Stadtplan.
  • Packstraße: 100 Helfer stellen mehr als 34000 Tagungsmappen für die Teilnehmer des Kirchentags zusammen (Foto). Zu den Unterlagen gehören neben dem 600-seitigen Programmheft auch ein Liederbuch und ein Stadtplan.
  • Foto: epd-bild/Friedrich Stark
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Kirchentag: Das Mega-Event funktioniert dank vieler engagierter Ehrenamtlicher. Über Leute im Hintergrund mit ihren großartigen Ideen.

Von Ulrike Greim

Christian zum Beispiel. Er arbeitet mit Menschen mit geistiger Behinderung. Durch sie hat er gelernt, Dinge verständlich zu erklären. Er übersetzt Texte in leichte Sprache. Er hat sich um Veranstaltungen in leichter Sprache bemüht, damit seine Leute auch gut mitkommen. Auch die internationalen Gäste, und sowieso: Kinder. Das hat vorher viele Diskussionen gekostet. Viele haben hinterher gesagt: Wir haben alles gut verstanden. Auch die sonst schweren Teile.
Michael zum Beispiel. Er hat uns auf wichtige Details aufmerksam gemacht. Zum Beispiel an den Tischen öfter mal einen Stuhl weglassen, damit ein Rollstuhlfahrer problemlos dazukommen kann. Oder die Toiletten gut ausschildern für die mit Darmbeschwerden, dass sie nicht unruhig suchen müssen. Die klare Kennzeichnung aller Veranstaltungen, die in leichter Sprache sind – schon im Programmheft – um sich zurechtzufinden. Er hat das "Zentrum Barrierefrei" mit erfunden. Dort können Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen ankommen, ausruhen – es gibt einen extra Ruheraum – und Hilfe finden. Gehörlose finden ihre Dolmetscher, Sehbehinderte eine freundliche Helferin, die sie begleitet, und die mit Zöliakie erfahren, an welchem Tisch es im Abschlussgottesdienst glutenfreie Oblaten gibt. Der Kirchentag ist – auch dank Michael – die zweitgrößte Veranstaltung für Behinderte gleich nach den Paralympics.
Jobst zum Beispiel. Er ist einer, der ganz leise und unglaublich geduldig in allen Gremien immer wieder den Finger hebt und sagt, es wäre doch mal ein Zeichen, wenn der Kirchentag noch mehr für das Klima tun würde: alle Lebensmittel bio und regional einkaufen. Ja, auch für 120000 Menschen geht das. Alle Materialen recyceln, alte Fahnen werden Taschen, Papier wird zweimal verwendet, es hat schließlich eine Rückseite. Und aus übriggebliebenen Kirchentagsschals kann doch noch Bettwäsche werden. Manche finden Jobst anstrengend. Der Kirchentag aber hat von ihm profitiert und wurde eine der wenigen Großveranstaltungen, die das EMAS-Zertifikat für geprüftes Umweltmanagement bekommen haben. Alle Prozesse wurden angeschaut und regelmäßig verbessert. Die Helfer nutzen eher Lasträder als Autos. Der Strom ist bereits zu 80 Prozent Ökostrom, und Kaffeesahnedöschen gehen gar nicht.
Gerhard zum Beispiel. Er leitet das Internationale Zentrum. Dort kommen 4000 Gäste aus 80 Ländern von allen Kontinenten an. Teils nach tagelanger Reise. Die sind zum Beispiel völlig happy, endlich in Deutschland zu sein und wollen ganz viel erzählen und noch mehr wissen. Oder sie sind genervt, weil bei zwei Leuten aus ihrer Gruppe die Pässe eingezogen wurden, und die sitzen jetzt noch irgendwo in einem afrikanischen Flughafen. Ob man da nicht etwas machen könne? Gerhard hat ein großes Herz und viel Erfahrung. Er managt das – zusammen mit einem eingespielten Team von rund 80 Helferinnen und Helfern.
Die nehmen sich – wie Gerhard, der Unternehmensberater ist – eine Woche Urlaub, um hier sein zu können und alles schön vorzubereiten und dann "ihre Internationalen" herzlich in Empfang zu nehmen. Weil es so einmalig ist. Weil es so etwas sonst nicht gibt. Auch, dass man nach fünf Tagen mit sehr, sehr kurzen Nächten sonntags auf einer Wiese mit 100000 anderen in der prallen Sonne steht, fromme Lieder singt und einem die Tränen rollen, weil es einfach so stark ist. Dann setzt Gerhard seine Sonnenbrille auf.
Denn es ist anrührend, dass sich wirklich alle auf dieser Wiese treffen, in Dortmund im Stadion: die vielen Posaunenbläser, die Prominenten, auf die die Kameras halten, der orthodoxe Patriarch mit seiner beeindruckenden schwarzen Haube und dem dicken Goldkreuz, die vielen Klugen, die in den 2000 (!) Veranstaltungen über Gott und die Welt nachgedacht haben, und die Hakas (Helfer vom „harten Kern“), die Klohäuschen quer durch die Stadt zu den großen Konzerten gefahren oder tausende Papphocker gefaltet haben und für die der Kirchentag das größte Geländespiel des Jahres ist. Dann ist es gut, einfach ein Teil von ihnen zu sein.

Die Autorin ist 2. Vorsitzende im mitteldeutschen Landesausschuss des Kirchentags. 

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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